Reti-Pioneer, Künstliche

Reti-Pioneer: Künstliche Intelligenz findet sechs Krankheiten in 30 Sekunden

Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 04:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Netzhautscans mit KI erkennen Stoffwechselkrankheiten und Krebsrisiken Jahre vor Symptomen. Neue Studien belegen das präventive Potenzial.

KI-Netzhautscans: Neue Frühwarnsysteme für Diabetes und Krebs
Digitale Netzhautaufnahme auf einem medizinischen Monitor zur KI-gestützten Diagnose systemischer Erkrankungen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Netzhautscans werden zum Frühwarnsystem für den ganzen Körper. Gleich mehrere Studien aus dem Juli 2026 zeigen: Künstliche Intelligenz erkennt auf Fotos des Augenhintergrunds nicht nur Augenkrankheiten, sondern auch Diabetes, Krebsrisiken und Nebenwirkungen von Medikamenten.

KI scannt die Netzhaut – und findet sechs Krankheiten in 30 Sekunden

Das System heißt Reti-Pioneer und wurde im Juli im Fachjournal Nature Medicine vorgestellt. Es analysiert Fundusfotografien – also Aufnahmen der Netzhaut – und identifiziert binnen einer halben Minute sechs verschiedene Stoffwechselerkrankungen: Typ-2-Diabetes, Gicht, Osteoporose, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Schilddrüsenerkrankungen.

Trainiert wurde die KI mit über 107.000 Bildern aus internationalen Datenbanken, darunter der UK Biobank. Bei Diabetes lag die Erkennungsgenauigkeit (AUROC) bei 0,833. Entscheidend ist aber das präventive Potenzial: Die KI kann die Erkrankungen bereits fünf bis zehn Jahre vor dem Auftreten erster Symptome vorhersagen. In Pilotstudien war die KI-Analyse (AUROC 0,776) der herkömmlichen Risikobewertung durch Fragebögen (0,565) deutlich überlegen.

Makuladegeneration als Indikator für Krebs

Doch die Netzhaut verrät noch mehr. Eine koreanische Beobachtungsstudie mit über 334.000 Teilnehmern, veröffentlicht im Juli im Fachjournal Aging, untersuchte den Zusammenhang zwischen neovaskulärer altersbedingter Makuladegeneration (AMD) und Krebsrisiken.

Das Ergebnis: Patienten mit dieser AMD-Form haben ein um 8,4 Prozent erhöhtes Gesamtkrebsrisiko. Besonders deutlich fielen die Werte bei bestimmten Tumorarten aus:
- Schilddrüsenkrebs: +24,1 Prozent
- Nierenkrebs: +17,7 Prozent
- Bauchspeicheldrüsenkrebs: +15,5 Prozent

Auch Lungen-, Blasen- und Prostatakrebs traten häufiger auf. Die pathologischen Prozesse am Augenhintergrund scheinen demnach auf eine generelle onkologische Anfälligkeit hinzuweisen.

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GLP-1-Medikamente: Seltenes Augenrisiko im Blick

Die Netzhautüberwachung wird auch im Zusammenhang mit modernen Medikamenten relevant. Eine im Juli in den Annals of Internal Medicine veröffentlichte Studie untersuchte GLP-1-Rezeptor-Agonisten – bekannt aus der Diabetes- und Gewichtsreduktionstherapie. Ergebnis: Im Vergleich zu SGLT2-Hemmern besteht ein erhöhtes Risiko für eine nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION), eine seltene Augenerkrankung.

Das absolute Risiko bleibt mit 0,04 bis unter 0,1 Prozent pro Jahr gering. Dennoch empfehlen Mediziner bei entsprechender Therapie eine engmaschige Überwachung. Patienten sollten bei Sehstörungen sofort einen Augenarzt aufsuchen.

Parallel dazu entwickeln Forscher KI-Modelle für neurologische Erkrankungen. Für Alzheimer soll eine Vorhersage bis zu sieben Jahre vor den ersten Symptomen mit 92 Prozent Genauigkeit möglich sein. Erste Biomarker-Tests erhielten bereits 2025 eine Zulassung durch die US-Gesundheitsbehörde FDA.

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Früherkennung soll in die Hausarztpraxis

Experten der Newcastle University fordern im Juli 2026 eine stärkere Integration von Früherkennungsprogrammen in die hausärztliche Versorgung. Der Hintergrund: Die Zahl chronischer Erkrankungen steigt rasant. Bei der stoffwechselassoziierten steatotischen Lebererkrankung (MASLD) rechnen Forscher bis 2050 mit bis zu 1,8 Milliarden Betroffenen weltweit.

Neue Verfahren wie der in Nature Communications beschriebene CardiOmicScore sollen zudem Herzrisiken bis zu 15 Jahre im Voraus bestimmen – mittels Blutproben oder spezialisierter EKG-Analysen. Die Kombination dieser systemischen Ansätze mit der schnellen, nicht-invasiven Netzhautdiagnostik könnte die präventive Medizin grundlegend verändern.

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