Retatrutid bei Typ-2-Diabetes: 18,8 Prozent Gewichtsverlust nach 80 Wochen
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie 62. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Mailand brachte vom 29. September bis zum 2. Oktober 2026 rund 16.000 Forscher aus über 130 Ländern zusammen.
Mit 2.770 eingereichten Vortragsanmeldungen verzeichnete das wissenschaftliche Programm einen neuen Rekord, aus dem 1.283 Beiträge für Präsentationen ausgewählt wurden. Die vorgestellten Arbeiten reichten von immunologischen Ansätzen bei Typ-1-Diabetes über neue medikamentöse Kombinationen bei Adipositas bis hin zu angepassten Leitlinien.
Früherkennung und Verlaufsdaten bei Typ-1-Diabetes
Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der Früherkennung und Verzögerung von Typ-1-Diabetes. Im Rahmen der Verleihung der Claude-Bernard-Medaille an Prof. Anette-Gabriele Ziegler aus München wurde hervorgehoben, dass der Wirkstoff Teplizumab nach dem Auftreten von Antikörpern die klinische Krankheitsentwicklung um einige Jahre verzögern kann.
Ergänzende Daten lieferte die europäische Screening-Studie EDENT1FI an über 140.000 Kindern und Jugendlichen in acht Ländern: Ein Frühstadium von Typ-1-Diabetes zeigte sich bei etwa 2,1 Prozent der Untersuchten mit einem Verwandten ersten Grades, verglichen mit etwa 0,3 Prozent bei Personen ohne familiäre Vorbelastung, wobei insgesamt über 400 Fälle identifiziert wurden.
Zudem wurden schwedische Langzeitdaten zu 447 Typ-1-Diabetikern über einen Beobachtungszeitraum von 30 bis 42 Jahren und 52.545 HbA1c-Werten vorgestellt. Unterhalb eines mittleren HbA1c-Werts von 56 mmol/L (7,3 Prozent) trat keine proliferative Retinopathie auf; eine Makroalbuminurie wurde ab einem mittleren Wert von 63 mmol/L (7,9 Prozent) dokumentiert.
Zur Diagnostik von Folgeerkrankungen zeigte eine Untersuchung der Universität Bochum, dass die Bewertung von Fundus-Aufnahmen durch künstliche Intelligenz der Befundung durch Augenärzte gleichwertig war.
Neue Wirkstoffe gegen Übergewicht und Typ-2-Diabetes
Im Bereich der Pharmakotherapie standen duale und dreifache Rezeptor-Agonisten im Fokus. In der Phase-3-Studie TRIUMPH-2 mit 1.152 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes erreichte die höchste Dosis von Retatrutid nach 80 Wochen eine Reduktion des Körpergewichts um 18,8 Prozent gegenüber 5,1 Prozent unter Placebo.
Einen HbA1c-Wert von höchstens 6,5 Prozent erreichten 72 Prozent der Behandelten im Vergleich zu 29 Prozent in der Placebogruppe. Eine weitere Phase-3-Studie mit über 2.000 Personen bestätigte die Wirksamkeit von Retatrutid hinsichtlich Glukosekontrolle, Gewichtsabnahme, Lipidprofil und Blutdruck.
Während die Forschung nach neuen medikamentösen Ansätzen sucht, können Typ-2-Patienten bereits heute mit einfachen täglichen Routinen ihre Werte verbessern. Wie Sie Ihren Blutzucker durch gezielte 3-Minuten-Übungen natürlich senken können, erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber. 7 einfache Übungen mit Sofortwirkung jetzt kostenlos herunterladen
Weitere Studien untersuchten alternative Wirkmechanismen:
- Eine Kombination aus Eloralintid und Tirzepatid erzielte nach 48 Wochen eine Gewichtsreduktion von 23,3 Prozent (rund 24,6 kg), verglichen mit 14,8 Prozent unter einer Monotherapie mit 15 mg Tirzepatid.
- In einer Phase-2-Studie zu Petrelintid sank das Körpergewicht nach 42 Wochen um 10 bis 11 Prozent (Placebo: 1,7 Prozent); 1,5 Prozent der Teilnehmenden brachen die Behandlung wegen gastrointestinaler Beschwerden ab.
- Bei CBL-514 verringerte sich das viszerale Fettgewebe acht bis zwölf Wochen nach der letzten Gabe um 10,45 Prozent, während es in der Kontrollgruppe um 11,76 Prozent zunahm.
Eine Übersichtsarbeit zu sieben Studien mit über 43.000 Frauen wies jedoch auch auf Risiken hin: Bei einer Exposition gegenüber GLP-1-Rezeptor-Agonisten stieg die Rate früher Schwangerschaftsverluste um 31 Prozent.
Leitlinien, Remission und metabolische Risiken
Auf Ebene der klinischen Praxis empfiehlt ein gemeinsamer Konsens von EASD und ADA, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Agonisten zusammen mit Lebensstilinterventionen bereits als Erstlinientherapie einzusetzen.
Eine schwedische Vergleichsstudie an 1.039 mit Canagliflozin und 1.049 mit Metformin behandelten Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen zeigte dabei keine Unterschiede bei den definierten Endpunkten. Auf europäischer Ebene zielt der vorgestellte Plan Safe Hearts darauf ab, vorzeitige kardiovaskuläre Todesfälle bis 2035 um 25 Prozent zu senken.
Mehrere Präsentationen betonten das Potenzial von Lebensstiländerungen. Die German Prediabetes Lifestyle Intervention Study zeigte, dass Anpassungen bei Ernährung und Bewegung das Typ-2-Diabetes-Risiko über mindestens drei Jahre senken.
Eine anglo-kanadische Studie an neu diagnostizierten Patienten unter 45 Jahren berichtete, dass rund die Hälfte nach drei Monaten hypokalorischer Diät und regelmäßigem Training sowie anschließender dreimonatiger Erhaltungsphase eine Remission erreichte.
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Wie rasch metabolische Fehlsteuerungen entstehen können, demonstrierte Prof. Andreas Birkenfeld (Tübingen), der mit dem Camillo-Golgi-Preis ausgezeichnet wurde: Bei fünf gesunden Studenten führte eine fünftägige Überfütterung zu einem Anstieg des Leberfetts um 64 Prozent sowie zu einer Insulinresistenz des Gehirns, die eine Woche lang anhielt.
Eine Auswertung der französischen NutriNet-Santé-Kohorte durch Dr. Leopold Fezeu ergab zudem Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Neu5Gc aus Rind- und Lammfleisch und dem Diabetesrisiko, der nach Berücksichtigung des Gesamtfleischkonsums jedoch nicht mehr statistisch signifikant war.
Die nächste Jahrestagung der EASD findet 2027 in Budapest statt.
