Rentenkommission: 33 Vorschläge für Kapitalrente und höheres Alter
30.06.2026 - 12:19:11 | boerse-global.de
Juni ein umfassendes Paket zur Altersvorsorge vorgelegt. Ziel der 33 Empfehlungen: die gesetzliche Rentenversicherung langfristig stabilisieren und das Rentenniveau halten. Die Vorschläge greifen tief – bei der Finanzierung, dem Renteneintrittsalter und der Einbeziehung bisheriger Sondergruppen.
Schwedisches Modell für Deutschland
Ein Kernpunkt ist die Einführung einer verpflichtenden Kapitalrente nach schwedischem Vorbild. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen jeweils 1,0 Prozent des Bruttolohns einzahlen. Befürworter verweisen auf die durchschnittliche Rendite von 11 Prozent pro Jahr, die ähnliche Modelle in Schweden erzielen.
Das Rentenniveau soll bei mindestens 48 Prozent stabilisiert werden. Die Erträge aus der neuen Kapitalrente fließen in diese Berechnung ein. Das übergeordnete Ziel: eine Lohnersatzquote von insgesamt 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens.
Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt jedoch vor den unkalkulierbaren Risiken der Kapitalmärkte. Stattdessen fordern Kritiker eine Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent – allein durch die gesetzliche Umlage.
Rente mit 63 vor dem Aus
Die Kommission empfiehlt eine schrittweise Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung. Ab 2031 soll die Regelaltersgrenze moderat steigen – bis 2041 auf 67,5 Jahre. Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Altersgrenze bis 2090 auf 70 Jahre klettern könnte.
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) unterstreicht das Potenzial: Ein Renteneintritt mit 70 Jahren könnte bis zu 1,6 Millionen zusätzliche Erwerbstätige mobilisieren und das Bruttoinlandsprodukt jährlich um 106 Milliarden Euro steigern.
Gleichzeitig plädiert die Kommission für die Abschaffung der „Rente mit 63“. Seit 2014 haben fast drei Millionen Beschäftigte diese abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren genutzt. Das Problem: Etwa 30 Prozent der Nutzer waren gut verdienende Männer in Bürojobs. Die ursprüngliche Zielgruppe wurde damit verfehlt. Die Reform sieht vor, die Altersgrenze von 63 auf 64 Jahre anzuheben und den Zugang zu erschweren.
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Mehr Beitragszahler, weniger Pensionäre
Die Kommission will die Beitragsbasis verbreitern. Für Minijobs soll die bisherige Opt-out-Regelung entfallen – geringfügig Beschäftigte zahlen dann grundsätzlich Beiträge. Auch Selbstständige sollen pflichtversichert werden.
Der Europaverband der Selbständigen (ESD) kritisiert diesen Vorschlag scharf. Stattdessen fordern sie eine Wahlmöglichkeit zwischen der gesetzlichen Rentenversicherung und privaten Altersvorsorgedepots.
Bei den Beamtenpensionen empfiehlt die Kommission eine stärkere Angleichung an das Rentensystem. Die Zahl der Neuverbeamtungen soll auf hoheitliche Aufgaben begrenzt werden. Kommissionsmitglied Peter Bofinger fordert zudem eine Reform der Pensionsberechnung: Statt des letzten Amtes sollen die Bezüge der letzten fünf bis zehn Dienstjahre als Basis dienen.
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Zum 1. Januar 2025 gab es in Deutschland rund 1,4 Millionen Pensionäre. Ihre durchschnittliche Bruttopension lag bei 3.416 Euro. Die staatlichen Pensionsausgaben beliefen sich 2024 auf 56,9 Milliarden Euro.
Politische Debatte erst am Anfang
Trotz der vorgelegten Konzepte bleibt die Umsetzung umstritten. Am heutigen Dienstag berielten die Regierungsparteien im Koalitionsausschuss über die Gegenfinanzierung. Während die Union auf eine zügige Umsetzung drängt, melden SPD-geführte Bundesländer Widerspruch an – besonders gegen die Abschaffung der Rente mit 63. Sie fordern, kleine und mittlere Einkommen bis 3.000 Euro monatlich stärker zu entlasten.
Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher vom DIW kritisiert die Vorschläge als unzureichend zur Bekämpfung der Altersarmut. 2025 waren 19,5 Prozent der über 65-Jährigen armutsgefährdet, 764.000 Menschen bezogen Grundsicherung.
Eine Forsa-Umfrage vom heutigen Dienstag zeigt: 61 Prozent der Bürger halten die Vorschläge für unausgewogen. Besonders die Abschaffung der Minijob-Regelungen und die Anhebung des Rentenalters stoßen auf Ablehnung.
