pTau217-Test: Neue Methode aus Halle soll falsch-positive Befunde vermeiden
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 16:23 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Demenzforschung zeichnet sich eine wachsende Diskrepanz ab: Während sich Verfahren zur Früherkennung rasant weiterentwickeln, bleibt das Angebot an wirksamen Behandlungsmöglichkeiten stark begrenzt. Fachberichte thematisieren dieses Paradoxon zunehmend als zentrale Herausforderung der modernen Neurologie.
Weltweit leben rund 57 Millionen Menschen mit Demenz, wobei jährlich fast zehn Millionen Neuerkrankungen hinzukommen. Nach Vollendung des 85. Lebensjahres ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Alzheimer betroffen.
Hohe Genauigkeit bei Bluttests und diagnostische Innovationen
Der Markt für blutbasierte Alzheimer-Analysen wächst dynamisch und soll sich Prognosen zufolge bis zum Jahr 2035 auf über 26 Milliarden US-Dollar verdoppeln. Moderne Bluttests erreichen häufig eine Genauigkeit von über 90 Prozent.
Auf Fachveranstaltungen wie jener von HM Hospitales in Madrid wurde hervorgehoben, dass sich die Erstdiagnose durch den Einsatz von Biomarkern wie phosphoryliertem Tau (pTau217) in 26,5 Prozent der Fälle geändert habe. Zudem könnten neun von zehn untersuchten Personen anhand einer Blutprobe zutreffend beurteilt werden.
Gleichzeitig verfeinert die Forschung die Spezifität dieser Tests. An der Universitätsmedizin Halle entwickelte ein Forschungsteam ein neues Zwei-Schritt-Verfahren zur Verbesserung von pTau217-Tests.
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In einer im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Untersuchung mit 315 Personen zeigte sich, dass herkömmliche Tests sowohl bei Alzheimer als auch bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erhöhte Werte aufwiesen.
Nach einer Antikörper-Anreicherung des gehirneigenen kleinen Tau-Proteins blieben die Werte hingegen ausschließlich bei Alzheimer erhöht. Die Forschenden schlagen das Verfahren zur Vermeidung falsch-positiver Ergebnisse vor, betonen jedoch, dass vor einer Routineanwendung noch Validierungen in größeren Kohorten ausstehen.
Zurückhaltung bei Tests symptomfreier Personen
Trotz der diagnostischen Verfeinerungen raten medizinische Leitlinien und Fachgesellschaften bislang davon ab, kognitiv gesunde Menschen außerhalb wissenschaftlicher Studien zu testen. Die Alzheimer’s Association formulierte bereits im Jahr 2024 eine entsprechende Zurückhaltung.
Auch Vertreter der Swiss Memory Clinics sprachen sich für einen Konsens aus, Plasmabiomarker nur bei Patienten mit konkreten klinischen Beschwerden einzusetzen. Eine Ausweitung auf symptomfreie Personen gilt derzeit als problematisch, da robuste Belege für den therapeutischen Nutzen in dieser Gruppe fehlen.
Ein positiver Bluttest erlaubt keine sichere Vorhersage darüber, ob oder wann Symptome tatsächlich einsetzen. Zwar belegte eine im Fachjournal JAMA publizierte Untersuchung an über 2.600 kognitiv unbeeinträchtigten Personen im Alter von rund 70 Jahren ein erhöhtes Risiko: Bei hohen pTau217-Werten verschlechterte sich die Kognition bei 24 Prozent binnen fünf Jahren, bei sehr hohen Werten lag der Anteil bei 38 Prozent.
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Das Fünfjahresrisiko steigt zudem altersabhängig von 17 Prozent im Alter von 65 Jahren auf fast 40 Prozent im Alter von 85 Jahren. Dennoch bleibt unklar, welche Individuen im weiteren Verlauf tatsächlich eine Demenz entwickeln.
Therapeutischer Engpass bremst den Nutzen
Die ethische Brisanz der Frühdiagnostik resultiert vor allem aus den eng gefassten Therapieoptionen. Gegenwärtig stehen mit Lecanemab und Donanemab lediglich zwei monoklonale Antikörper zur Verfügung, die den kognitiven Abbau in frühen Krankheitsstadien verlangsamen können.
Beide Präparate sind ausschließlich für Patientinnen und Patienten mit leichten kognitiven Störungen oder leichter Demenz zugelassen; für Personen ohne Symptome existiert keine zugelassene Therapie.
Hoffnungen auf neuartige Wirkmechanismen erhielten zuletzt Dämpfer. Eine systematische Übersichtsarbeit zu elf gegen Tau gerichteten Wirkstoffen ergab trotz einer Senkung von Tau-Biomarkern im Nervenwasser keinen signifikanten Einfluss auf den klinischen Abbau oder den Tau-Abbau im PET.
Um die Lücke zwischen Früherkennung und Intervention zu schließen, initiierte die US-Arzneimittelbehörde FDA über ihr Innovationsnetzwerk NAIN das Programm Alzheimer's Prevention Accelerator, das neue Studiendesigns und regulatorische Standards für präventive Ansätze erarbeiten soll. Bis derartige Konzepte greifen, bleibt die Frühdiagnostik ohne begleitende Behandlungsoption für viele Betroffene jedoch ein zweischneidiges Schwert.
