Psychotherapie, Gruppentherapie

Psychotherapie: Nur 3% Gruppentherapie trotz wissenschaftlicher Gleichwertigkeit

11.06.2026 - 08:16:17 | boerse-global.de

Trotz nachgewiesener Wirksamkeit erhalten nur drei Prozent der Patienten eine Gruppentherapie. Lange Wartezeiten und Honorarkürzungen verschärfen die Versorgungskrise.

Gruppentherapie in Deutschland: Wirksamkeit und Versorgungslücke
Psychotherapie - Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Halbkreis und nimmt an einer Gruppentherapiesitzung teil. 11.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Dabei belegt die Forschung: Gruppentherapie wirkt genauso gut wie Einzelbehandlung.

Die Diskrepanz ist enorm. Metaanalysen zeigen, dass das Gruppen-Setting im Durchschnitt ebenso wirksam ist wie Einzelsitzungen. Laut Daten der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) laufen aber rund 97 Prozent der ambulanten Behandlungen als Einzeltherapie.

Was Gruppentherapie bietet – und wo sie an Grenzen stößt

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Die klinische Forschung unterscheidet zwischen strukturierten und offenen Gruppen. Strukturierte Formate folgen meist einem festgelegten Manual und kommen bei Angststörungen oder Depressionen zum Einsatz. Offene Gruppen setzen auf prozessorientierte Interaktion.

Experten wie Prof. Bernhard Strauß vom Universitätsklinikum Jena und Michael Ruh von der DPtV heben die spezifischen Vorteile hervor: Austausch mit Betroffenen, das Gefühl, nicht allein zu sein, und die Gruppe als Übungsfeld für soziale Beziehungen. Dieser erweiterte Denkraum kann das Entwicklungspotenzial der Patienten deutlich vergrößern.

Doch das Format taugt nicht für jeden. Bei akuten Krisen wie schweren Depressionen oder frischen Traumatisierungen sowie bei fehlender Eigenmotivation raten Fachleute davon ab. Auch soziale Konflikte innerhalb der Gruppe müssen therapeutisch moderiert werden.

Lange Wartezeiten treiben neue Initiativen an

Der Bedarf an Therapieplätzen bleibt hoch. In Brandenburg beträgt die durchschnittliche Wartezeit aktuell 28 Wochen. Um diese Lücken zu schließen, entstehen niederschwellige Angebote.

Anfang Juni startete in Brandenburg die Initiative „Our Generation Z“. Sie macht Apotheken zu „Safe Spaces“ – erste anonyme Anlaufstellen und Lotsen für Jugendliche. Eine reguläre Therapie ersetzen sie nicht.

Auch Selbsthilfe und spezialisierte Programme wachsen. In Bad Vilbel gründete sich im Juni eine neue Selbsthilfegruppe für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Für September ist am Universitätsklinikum Bonn der Neustart des Programms „Durch Dick und Dünn“ geplant – es begleitet adipöse Kinder und Jugendliche zwölf Monate medizinisch und psychologisch.

Honorarkürzungen setzen Praxen unter Druck

Die ambulante Versorgung steht wirtschaftlich unter Druck. Der bvvp und der BDP kritisieren die seit April geltenden Honorarkürzungen von 4,5 Prozent sowie weitere Sparmaßnahmen im Rahmen des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes.

Therapeuten warnen: Die Einschnitte gefährden die Existenz vieler Praxen und verlängern die Wartezeiten. Eine bundesweite Petition gegen die Kürzungspläne hat bereits über 140.000 Unterschriften gesammelt. Der Bundesrat sprach sich gegen die Pläne aus. Psychotherapiekosten machen nur 0,7 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus – ihre Einschränkung könne aber hohe Folgekosten durch Chronifizierungen oder Arbeitsausfälle verursachen.

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Soziale Bindungen als Schutzfaktor

Die Bedeutung sozialer Gefüge für die Gesundheit belegt auch der „Präventionsradar Schweiz 2026“. Das Institut intervista befragte im Auftrag von Sanitas 2.037 Personen. Teilnehmer mit einem stabilen sozialen Umfeld berichteten von höherer psychischer Zufriedenheit und geringerem Stresslevel.

Die Ergebnisse stützen den Ansatz der Gruppentherapie: soziale Interaktion gezielt als Heilmittel einsetzen. Doch die Hürden für den flächendeckenden Einsatz bleiben hoch – strukturelle Rahmenbedingungen und die Präferenz für Einzelsitzungen bremsen die Verbreitung.

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