Psychotherapie: Nebenwirkungen bei 5–8% unterschätzt und untererfasst
Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland steht vor einer differenzierten Bewertung ihrer Wirksamkeit und Qualität. Während jährlich etwa 3 Millionen Menschen eine ambulante Psychotherapie in Anspruch nehmen, rücken aktuelle Analysen und Studien zunehmend die systematische Erfassung von Nebenwirkungen sowie strukturelle Herausforderungen in den Fokus der fachlichen Diskussion.
Die Erfassung von Behandlungseffekten und Risiken
Nach Einschätzung von Experten wie Professor Lutz von der Universität Trier liegt die Erfolgsquote von Psychotherapien derzeit bei 70 bis 80 Prozent. Dennoch sprechen etwa 20 bis 25 Prozent der Patienten nicht ausreichend auf die gewählten Behandlungsmethoden an. Bei einem Anteil von 5 bis 8 Prozent der Behandelten wird sogar eine Verschlechterung des Zustands beobachtet.
In diesem Zusammenhang weisen Medienberichte auf eine im Jahr 2025 veröffentlichte Studie der Universität Jena hin, die verdeutlicht, dass Nebenwirkungen von Psychotherapien häufig nicht systematisch erfasst und in ihrer Häufigkeit unterschätzt werden. Diese mangelnde Dokumentation könne den langfristigen Therapieerfolg gefährden, da unerwünschte Wirkungen oft nicht rechtzeitig erkannt und adressiert würden.
Qualitätskontrolle und strukturelle Versorgungsengpässe
Neben der methodischen Qualität der Therapie steht auch die Durchführung der Diagnostik unter Beobachtung. So leiteten die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel im August 2026 eine unabhängige externe Untersuchung ein.
Hintergrund sind Berichte über die Delegation von ADHS-Abklärungen bei Erwachsenen an Praktikanten. Eine Studentin gab an, zirka 20 Personen praktisch im Alleingang diagnostiziert zu haben. Die Klinik prüft nun die Abläufe, die Diagnosequalität sowie die Abrechnung und plant eine Intensivierung der Supervision.
Gleichzeitig verschlechtert sich die Versorgungslage in einzelnen Regionen durch gesetzliche Rahmenbedingungen. In Thüringen führen Auswirkungen des Beitragsstabilisierungsgesetzes zu massiven Einschnitten in der psychotherapeutischen Versorgung. Fachkreise beobachten dort eine steigende Nachfrage bei einer gleichzeitig sinkenden Anzahl verfügbarer Therapiestunden.
Nebenwirkungen einer Psychotherapie werden laut einer Studie der Universität Jena häufig unterschätzt – 5 bis 8 Prozent der Behandelten erleben sogar eine Verschlechterung. Mit unserem kostenlosen Leitfaden erkennen Sie Warnsignale früh und sichern Ihren Therapieerfolg. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Forschung und neue medikamentöse Ansätze
In der klinischen Forschung werden unterdessen neue Wege zur Behandlung chronischer Erkrankungen erprobt. Das Universitätsklinikum Bonn führt dazu die „ChangePDD-Studie“ durch, in der die Wirksamkeit von CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy) und Behavioral Activation verglichen wird. Die Studie richtet sich an Patienten im Alter von 18 bis 75 Jahren mit chronischen Depressionen.
Auch im Bereich der Pharmakotherapie gibt es Entwicklungen für spezifische Krankheitsbilder. Mit Zuranolon wurde in der EU das erste Medikament zugelassen, das speziell für postpartale Depressionen entwickelt wurde. In Deutschland sind schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Mütter von dieser Form der Depression betroffen. Die Behandlung sieht eine 14-tägige Einnahme von 50 mg vor.
Ökonomische Rahmenbedingungen und digitale Versorgung
Die wirtschaftliche Situation der Leistungserbringer wird sich nach Prognosen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) durch das GKV-Sparpaket ab dem 1. Januar 2027 verschärfen. Für Fachärzte werden kumulierte Mindereinnahmen von 41.747 Euro erwartet, während für Hausärzte ein Minus von 22.235 Euro prognostiziert wird. Im Bereich der Psychotherapie entfallen dabei allein auf die Kurzzeittherapie Mindereinnahmen von 3.656 Euro.
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Zudem wird die Entlastungswirkung digitaler Angebote kritisch hinterfragt. Eine Studie der Universitäten Arizona und Pennsylvania kam zu dem Ergebnis, dass Patienten nach einer Videosprechstunde häufiger physische Praxen oder Notaufnahmen aufsuchten. Dies stellt die Erwartung infrage, dass Videosprechstunden das System signifikant entlasten können.
In der Schweiz zeigt sich die Kostenentwicklung ebenfalls deutlich: Während die allgemeinen Krankenversicherungskosten im zweiten Quartal 2026 nur moderat um 0,4 Prozent stiegen, verzeichnete der Bereich Psychotherapie ein Kostenplus von 10,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
