Psychotherapie-Krise, Wartezeiten

Psychotherapie-Krise: Wartezeiten könnten sich verdoppeln auf 216 Tage

11.06.2026 - 22:30:42 | boerse-global.de

Therapeuten und Kliniken warnen vor massiven Versorgungslücken durch geplante Honorarkürzungen und Stundenbegrenzungen.

Krankenkassen-Reform: Proteste gegen geplante Leistungskürzungen
Psychotherapie-Krise - Ein leerer, moderner Wartebereich mit Stühlen und einer verschwommenen Gestalt im Hintergrund, die Dringlichkeit und Knappheit andeutet. 11.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Therapeuten und Kliniken warnen vor Versorgungslücken und Existenznöten.

Praxen schließen aus Protest

Schon vor der ersten Lesung am Freitag eskalierte der Widerstand. Mehr als 60 psychotherapeutische Praxen in Heidelberg, Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis stellten am Mittwoch den Betrieb ein. Die Betreiber protestieren gegen die Pläne, psychotherapeutische Leistungen wieder in die morbiditätsorientierte Gesamtvergütung (MGV) zurückzuführen.

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Dr. Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), warnt vor einem Abbau von Versorgungsangeboten. Die geplante Deckelung werde die Wartezeiten für Patienten verlängern. Die Folge: längere Arbeitsunfähigkeitszeiten und mehr Erwerbsminderungsrenten. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) weist Kritik an den Protesten zurück – zusätzliche Zugangshürden müssten vermieden werden.

108 Tage Wartezeit – bald doppelt so lang?

Die ambulante Versorgung steht vor einer Zerreißprobe. Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zeigen: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt dort 108 Tage. Fachleute befürchten eine Verdopplung dieser Zeitspanne. Am Ende könnten nur noch Notfälle einen Platz bekommen.

Für die Praxen selbst drohen drastische Einbußen. Rund 72 Prozent der psychotherapeutischen Praxen haben nur einen halben Kassensitz. Im Raum steht eine Deckelung der abrechenbaren Stunden von 26 auf 18 pro Woche. Zusammen mit der Honorarkürzung um 4,5 Prozent aus dem März könnten die Einnahmeverluste bis zu 56 Prozent erreichen.

Krankenhäuser unter Druck

Auch die Kliniken trifft der Rotstift. In Köln protestierten am Donnerstag Klinikvertreter gegen das Gesetz. Für 2027 sind Erlöskürzungen von 4,6 Milliarden Euro vorgesehen. Bis 2030 könnten es jährlich 10,5 Milliarden Euro sein. Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) meldet: Drei Viertel der Kliniken schreiben bereits Verluste. Jede zehnte Stelle sei gefährdet.

Gleichzeitig steigen Personal- und Energiekosten. An mehreren Unikliniken in Baden-Württemberg – Freiburg, Heidelberg, Ulm und Tübingen – ruft Verdi für Mitte Juni zu Warnstreiks auf. Gefordert werden 7,5 Prozent mehr Entgelt, mindestens 320 Euro. Psychosomatische Fachkliniken beteiligen sich ebenfalls an den Aktionstagen.

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Politik fordert Kurskorrektur

Der Widerstand wächst auch auf politischer Ebene. Schleswig-Holstein will bei der Gesundheitsministerkonferenz in Hannover eine Überprüfung der Vergütungsanpassungen verlangen. Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken zeigt sich besorgt über die Honorarkürzungen vom Frühjahr.

Zusätzlich fordern Fachverbände und Landespolitiker eine ausreichende Finanzierung der neuen Weiterbildungsstrukturen für Psychotherapeuten. Sonst fehle der Nachwuchs. Ihre Botschaft: Die aktuelle Sparpolitik beschädigt die psychische Gesundheitsversorgung nachhaltig – während der Bedarf in der Bevölkerung unvermindert hoch bleibt.

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