Psychotherapie-Gesetz, Wartezeiten

Psychotherapie-Gesetz: Wartezeiten könnten auf 1,5 Jahre steigen

Veröffentlicht am: 25.07.2026 um 05:40 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Budgetierung für Psychotherapie könnte Wartezeiten auf 1,5 Jahre steigen lassen. Viele Therapeuten erwägen die Aufgabe ihrer Kassensitze.

Psychotherapie-Gesetz: Budgetdeckelung droht Wartezeiten zu verlängern
Ein minimalistisches, modern eingerichtetes Psychotherapie-Büro mit weicher Beleuchtung und einem Therapiesessel. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Der Bundestag und Bundesrat haben im Juli ein Gesetz verabschiedet, das die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland grundlegend verändert. Die Budgetierung der Leistungen sorgt für massive Kritik – und könnte die Wartezeiten für Patienten drastisch verlängern.

Milliarden-Einsparungen treffen Therapeuten hart

Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht für 2027 Einsparungen von 16,3 Milliarden Euro vor. Für Psychotherapeuten bedeutet das: eine strikte Budgetierung ab nächstem Jahr, wegfallende Mindesthonorare und gestrichene Zuschläge für Kurzzeittherapien.

Der Hintergrund: Die Ausgaben für Psychotherapie sind bis 2025 auf rund 3,9 Milliarden Euro gestiegen. Aktuell liegt das Honorar pro Stunde bei 114,54 Euro. Künftig soll die volle Vergütung für Therapeuten mit einem halben Kassensitz auf 18 Wochenstunden begrenzt werden – in Metropolen wie Berlin betrifft das etwa zwei Drittel aller Praxen.

Bereits im Frühjahr 2026 war eine Honorarkürzung um 4,5 Prozent geplant. Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg stoppte die Absenkung am 9. Juli per Eilverfahren. Die Richter kritisierten die Methodik der Vergleichsrechnung. Ein Hauptsacheverfahren steht noch aus.

Wartezeiten könnten auf 1,5 Jahre steigen

Die ambulante Versorgung ächzt bereits jetzt unter hohem Druck. Patienten warten im Bundesdurchschnitt 142 Tage auf einen Therapieplatz. In Nordrhein-Westfalen stehen rund 5.600 Kassensitze etwa 650.000 Patienten gegenüber – bei geschätzt 4,5 Millionen Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Region.

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Die neuen Budgetdeckelungen könnten die Wartezeiten für gesetzlich Versicherte auf bis zu 1,5 Jahre hochtreiben. In Aachen oder Dessau berichten Praxisinhaber bereits von geschlossenen Wartelisten und Wartezeiten von zwei bis drei Jahren. Die Folge: In Westfalen hat sich die Zahl der Selbsthilfegruppen in einigen Kreisen seit der Corona-Pandemie mehr als verdoppelt.

Jeder dritte Therapeut denkt an Rückgabe

Die wirtschaftliche Basis vieler Praxen wackelt. Eine Umfrage unter 6.000 Psychotherapeuten zeigt das Ausmaß der Verunsicherung: Ein Drittel erwägt die Rückgabe des Kassensitzes, weitere 40 Prozent sind unsicher über ihre berufliche Zukunft.

Dabei ist ambulante Psychotherapie volkswirtschaftlich hoch effizient. Modellrechnungen zeigen: Jeder investierte Euro spart Folgekosten zwischen 1,50 und 5,50 Euro – etwa durch verhinderte Chronifizierungen, Arbeitsausfälle oder Frühverrentungen. Die befürchtete Kostenverlagerung in den stationären Sektor könnte die Einsparungen zunichtemachen.

Verbände fordern gesetzliche Nachbesserung

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Die Koalition verabschiedete zeitgleich einen Entschließungsantrag, der Ausnahmen von der Budgetierung für schwere Krankheitsfälle sowie Kinder- und Jugendpsychotherapie in Aussicht stellt. Doch der Antrag ist rechtlich unverbindlich.

Berufsverbände fordern eine gesetzliche Verankerung dieser Zusagen und eine vollständige Entbudgetierung. Korrekturen am Gesetz sollen Anfang September im Bundestag beraten werden. Das Ziel: die ambulanten Versorgungsstrukturen dauerhaft sichern – bevor die nächste Patientengeneration noch länger warten muss.

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