Psychosoziale Versorgung: Nur 9 Prozent der Länder setzen auf Gemeindepflege
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 10:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die regionale und lokale Verankerung der psychosozialen Versorgung steht zunehmend im Zentrum der gesundheitspolitischen Debatte in Europa. Im Rahmen der EURegionsWeek 2026 widmeten sich das Netzwerk EUREGHA, die Fachkommission für natürliche Ressourcen des Europäischen Ausschusses der Regionen sowie das WHO-Regionalbüro Europa in einer gemeinsamen Grundsatzdebatte der Frage, wie eine gerechtere Versorgung erreicht werden kann.
Thematische Schwerpunkte bildeten dabei die Umsetzung auf regionaler und lokaler Ebene, der Abbau territorialer Ungleichheiten sowie die spezifischen Anforderungen an die Frauengesundheit.
Regionale Praxisbeispiele und bestehende Versorgungslücken
Im Zuge der Veranstaltung stellte EUREGHA eine Sammlung mit 22 Praxisbeispielen aus den Reihen der eigenen Mitgliedsorganisationen vor. Auf dem Podium diskutierten Fachvertreter über konkrete Umsetzungsstrategien, darunter Natasha Azzopardi-Muscat für die Weltgesundheitsorganisation, Dorota Tomalak für die Kommission für natürliche Ressourcen sowie Iñaki Gutierrez Ibarluzea für die baskische Regierung und EUREGHA.
Weitere Beiträge kamen von Charlotte Marchandise von der Europäischen Vereinigung für öffentliche Gesundheit, Giorgio Martinelli, Mara Barcella von der ASL Asti, Marie-Laure Robberechts aus Flandern sowie Michele Calabrò von EUREGHA.
Der Handlungsdruck auf regionaler Ebene bleibt hoch. Erhebungen der EU-Kommission verdeutlichen das Ausmaß der Belastung: Im Jahr 2023 hatten 46 Prozent der europäischen Bevölkerung innerhalb von zwölf Monaten ein emotionales oder psychosoziales Problem erlebt.
Gleichzeitig gaben 25 Prozent der EU-Bürger an, dass sie selbst oder Angehörige mit Zugangshürden zu psychosozialen Hilfsangeboten konfrontiert waren. Die EU-Kommission hatte 2023 bereits einen umfassenden Rahmen für psychische Gesundheit aufgesetzt, der 20 Leitinitiativen umfasst und mit EU-Fördermitteln in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro ausgestattet ist.
Die WHO-Daten sind eindeutig: Fast die Hälfte der öffentlichen Mittel für psychische Gesundheit fließt weiterhin in den Unterhalt großer psychiatrischer Kliniken, während nur 9 Prozent der erfassten Länder vollständig auf Gemeindepflege umgestellt haben. Wer als Region oder Klinikverband jetzt plant, braucht belastbare Modelle statt Absichtserklärungen. Kostenlosen Reform-Leitfaden für gemeindenahe Versorgung anfordern
Erprobung zielgruppenspezifischer Hilfsangebote
Um bestehende Lücken in der Versorgung zu schließen, laufen auf europäischer Ebene verschiedene Modellprojekte. Das über das Programm Horizont Europa finanzierte Vorhaben YOUTHreach erprobt gegenwärtig drei niedrigschwellige Interventionen, zu denen eine Anlaufstelle ohne Terminvereinbarung, eine spezifische App sowie eine hybride Plattform gehören; hierfür wurden drei klinische Studien vorregistriert.
Im Rahmen des durch EU4Health geförderten Projekts JA MENTOR wurde zudem die Anwendung HappApp in acht Ländern pilotiert, in zehn Sprachen übersetzt und erreichte über 6.000 Nutzer. Ein weiteres Vorhaben, die Initiative EU-PROMENS, bereitet derzeit die Vorstellung eines praxisorientierten Instrumentenkastens vor, dessen Präsentation für die Abschlusskonferenz am 9. Dezember 2026 in Brüssel geplant ist.
Strukturwandel hin zu gemeindenahen Versorgungsmodellen
Die regionalen Bestrebungen spiegeln auch eine globale Debatte über institutionelle Reformen wider. Nach Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation fließt weiterhin fast die Hälfte der öffentlichen Mittel für psychische Gesundheit in den Unterhalt großer psychiatrischer Kliniken. Dabei sei etwa die Hälfte der dort untergebrachten Personen gegen ihren Willen eingewiesen, und mehr als jeder vierte Patient verbleibe länger als sechs Monate in stationärer Behandlung.
25 Prozent der EU-Bürger berichten von Zugangshürden zu psychosozialen Hilfsangeboten — und 53 Prozent der Länder stecken laut WHO noch in frühen Reformphasen fest. Wer heute Verantwortung für regionale Versorgung trägt, kann den Rückstand in einen strukturierten Vorsprung verwandeln. Schritt-für-Schritt Reform-Roadmap jetzt sichern
Der von der Organisation am 9. Oktober 2026 veröffentlichte Bericht zum Mental Health Atlas belegt die Langwierigkeit des Systemwechsels: Lediglich 9 Prozent der erfassten Länder haben demnach vollständig auf Modelle der Gemeindepflege umgestellt, während sich 53 Prozent noch in frühen Reformphasen befinden.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus hob hervor, dass Betroffene bei einer Behandlung weder ihre Freiheit noch ihre Würde oder die Einbindung in ihr soziales Umfeld verlieren dürften, und forderte verstärkte Investitionen in wohnortnahe Dienste, Fachkräfteteams und Rehabilitationsprogramme.
