Psychopharmaka-Engpass: 74.000 Medikamentenpakete täglich betroffen
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 15:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Während die pharmazeutische Forschung signifikante Fortschritte bei der Behandlung seltener neurologischer Erkrankungen erzielt, sieht sich die Patientenversorgung zunehmenden strukturellen und regulatorischen Hürden gegenüber. Der Kontrast zwischen innovativen Therapieansätzen und einer prekären Versorgungslage bei bewährten Medikamenten prägt die aktuelle Debatte in der Gesundheitswirtschaft.
Engpässe bei der Versorgung mit Psychopharmaka
Branchenvertreter weisen auf eine angespannte Lage bei der Arzneimittelverfügbarkeit hin. Wie die Pharmig laut einem Bericht vom 17.09.2026 mitteilte, bestehe insbesondere bei Psychopharmaka in Österreich das Risiko von Engpässen.
Konkret betroffen ist demnach das Antipsychotikum Quetiapin in retardierter Form. Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) nannte Mitte Oktober sowie März 2027 als mögliche Zeitpunkte für eine verbesserte Lieferfähigkeit. Ursächlich hierfür seien Verzögerungen im Herstellungsprozess.
Bereits im Jahr 2024 registrierte das BASG insgesamt 1.177 Meldungen über nicht oder nur eingeschränkt verfügbare Arzneispezialitäten. Den größten Anteil machten dabei Präparate für das Nervensystem aus. Nach Angaben des Verbandes Phago sind täglich etwa 74.000 Medikamentenpackungen von Lieferengpässen betroffen.
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Eine wesentliche Ursache für diese Instabilität wird in der globalen Produktionsstruktur gesehen: Eine Studie des vfa aus dem Jahr 2022 belegte, dass rund 70 % der für den europäischen Markt bestimmten Wirkstoffe in Asien produziert werden.
Auch in Deutschland bleibt die Situation schwierig. Der Großhandelsverband Phagro berichtete im Rahmen des Expopharm-Auftakts am 15.09.2026, dass rund 65 % der ausgelieferten Packungen defizitär seien.
In diesem Zusammenhang bezeichnete Phagro-Chef Freitag die jüngste Erhöhung der Apothekenhonorare als längst überfällig, jedoch nicht als ausreichend. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Hubmann, erklärte unterdessen, die Apothekenreform sei in der laufenden Legislaturperiode weitgehend abgeschlossen.
Regulatorische Rahmenbedingungen und EU-Reformen
Auf europäischer Ebene haben sich EU-Parlament, Rat und Kommission auf eine vorläufige Reform der seit 20 Jahren bestehenden Arzneimittelgesetzgebung geeinigt. Die Neuregelung sieht vor, dass die Datenschutzfrist für neue Arzneimittel bei acht Jahren bleibt, während der Marktschutz von zwei auf ein Jahr gesenkt wird.
Für besonders innovative Medikamente ist eine Verlängerung um ein Jahr möglich. Zudem soll ein neuer „Antibiotika-Gutschein“ eingeführt werden, der eine zusätzliche einjährige Exklusivvermarktung für ein anderes Medikament ermöglicht.
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In Deutschland warnt der vfa vor weiteren Hürden durch zusätzliche Kosten-Nutzen-Bewertungen. Anlässlich eines Fachgesprächs der FinanzKommission Gesundheit am 17.09.2026 betonte der Verband, dass bereits 63 % der AMNOG-Verfahren der vergangenen Jahre Arzneimittel betrafen, die zuvor schon bewertet worden waren.
Die aus zehn Wissenschaftlern bestehende FinanzKommission hatte bereits im März 2026 umfangreiche Empfehlungen vorgelegt; weitere Vorschläge werden bis Ende 2026 erwartet.
Fortschritte und Rückschläge in der neurologischen Forschung
Trotz der logistischen Hürden vermelden Unternehmen Erfolge bei Nischentherapien. Das Unternehmen UCB brachte 2026 ein Kombipräparat (Doxecitin/Doxribtimin) zur Behandlung der Thymidinkinase-2-Defizienz (TK2d) auf den Markt. In Studien erlangten 84 % der Patienten motorische Meilensteine zurück. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) empfahl zudem die Zulassung von Leniolisib zur Behandlung von APDS, einer seltenen Immunerkrankung.
Gleichzeitig verdeutlichen Rückschläge die Risiken der Medikamentenentwicklung. Novartis stellte die Entwicklung des ALS-Kandidaten VHB937 ein, nachdem eine Phase-II-Studie ihre Ziele verfehlt hatte. Dies markiert den vierten klinischen Misserfolg für das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit, nachdem zuvor bereits Probleme bei CAR-T-Studien und einem 12-Milliarden-Dollar-Projekt im neuromuskulären Bereich auftraten.
In der Grundlagenforschung identifizierten Wissenschaftler aus Heidelberg und vom BIH eine CAR-T-Zell-Untergruppe, die den Erfolg von Krebstherapien vorhersagen könnte. Da solche Therapien pro Person mehrere Hunderttausend Euro kosten, suchen Forscher intensiv nach Biomarkern zur Effizienzsteigerung.
Parallel dazu kündigte das Unternehmen NurExone Biologic für Ende 2026 oder Anfang 2027 erste klinische Studien am Menschen für eine Exosomen-Therapie an, die in Tierversuchen eine signifikante neurologische Wirkung zeigte.
