Psychische Versorgung: 23,8% erkrankt, aber nur 3% in Therapie
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 20:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung steht vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. In Wien dringt die ARGE Institutionelle Versorgung für psychische Gesundheit auf eine deutliche Stärkung des Angebots.
Im Zentrum der Forderungen stehen der Ausbau der institutionellen Psychotherapie als kostenlose Sachleistung sowie eine kostendeckende Finanzierung durch die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK).
Zudem fordert der Zusammenschluss eine Erweiterung der Verträge um klinisch-psychologische Behandlungen, die finanzielle Abgeltung von Ausbildung sowie Lehrsupervision und transparente Verfahren bei der Tarifharmonisierung.
Hintergrund der Initiative ist eine erhebliche Versorgungslücke: Während die geschätzte Prävalenz psychischer Erkrankungen bei 23,8 Prozent liegt, erhalten lediglich rund 3 Prozent der Bevölkerung eine kassenfinanzierte Psychotherapie. Christoph Gleirscher vom Hilfswerk Niederösterreich verwies darauf, dass insbesondere vulnerable Personengruppen auf kostenfreie Sachleistungen angewiesen seien.
Vor diesem Hintergrund müsse die klinisch-psychologische Behandlung auch im institutionellen Bereich regulär als Kassenleistung verankert werden. Vertiefend diskutiert werden diese Aspekte auf einer Fachtagung der ARGE am 9. November 2026, die von 09:00 bis 16:00 Uhr im Future Health Lab im 10. Wiener Gemeindebezirk angesetzt ist.
Zuspitzung der Lage in stationären Einrichtungen
Wie stark das psychiatrische System gefordert ist, belegen Daten des VertretungsNetzes, das mit Ausnahme von Vorarlberg für ganz Österreich zuständig ist. Für das Jahr 2023 verzeichnete die Organisation etwa 25.254 Unterbringungen gegen oder ohne den Willen der Betroffenen. Durchschnittlich wurden dabei 770 Patientinnen und Patienten pro Tag registriert. In rund 34 Prozent der Fälle kam es zu weitergehenden Beschränkungen der Bewegungsfreiheit.
Österreichweit lag die Quote 2023 bei 72 Fixierungen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, wobei regionale Unterschiede deutlich hervortraten: Die Steiermark verzeichnete 88, Kärnten 103 Fixierungen pro 100.000 Personen.
Die Zahlen zeigen die Lücke deutlich: 23,8 Prozent der Bevölkerung sind psychisch erkrankt, aber nur rund 3 Prozent erhalten eine kassenfinanzierte Psychotherapie. Wer nicht selbst zahlen kann oder will, braucht einen klaren Fahrplan durch Antrag, Erstgespräch und Therapeutensuche. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Eine deutliche Zunahme zeigte sich zudem bei jungen Patientinnen und Patienten. Die Zahl der Unterbringungen von Minderjährigen stieg seit Beginn der Covid-Pandemie um knapp 20 Prozent auf 2.673 Fälle.
Personelle Engpässe und forensische Versorgungsdefizite
Auf gravierende Probleme wies auch Volksanwältin Gaby Schwarz im ORF-Format ZiB2 hin. Nach zwei Tötungsdelikten in österreichischen Justizanstalten binnen zwei Wochen bezeichnete sie das Personal als zentralen Schlüssel. Die vorhandenen Planstellen reichten nicht mehr aus und seien zum Teil nicht besetzt, wodurch Beschäftigte über dem Limit arbeiteten.
Als besonders kritisch stufte Schwarz die Situation in forensisch-therapeutischen Zentren ein. Dort führe eine unattraktive Bezahlung zu einem spürbaren Mangel an Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie. Dies habe zur Folge, dass psychisch auffällige Jugendliche teilweise monatelang ohne psychiatrische Betreuung blieben.
Bauliche Reaktionen und Kapazitätsausbau
Strukturelle und sicherheitstechnische Anpassungen prägen parallel auch den Bereich der Landespsychiatrien im benachbarten Baden-Württemberg. Nachdem im September 2023 ein Insasse des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden in Wiesloch bei einem begleiteten Ausgang geflohen war und eine Frau getötet hatte, traten im Januar 2024 neue Sicherheitsanweisungen in Kraft. Zudem wurden die Sicherheitskonzepte der Einrichtungen landesweit nachgeschärft. In Wiesloch ging im Dezember 2024 ein Neubau in Betrieb.
Viele Betroffene und Angehörige warten Monate auf einen Platz — und erfahren erst spät, dass klinisch-psychologische Behandlung im institutionellen Bereich bislang nicht regulär als Kassenleistung verankert ist. Der Leitfaden erklärt, welche Wege heute schon funktionieren und wie Sie den Kostenerstattungs-Antrag richtig aufsetzen. Schritt-für-Schritt-Anleitung sichern
Gleichzeitig werden die baulichen Kapazitäten schrittweise erweitert. Die Landespsychiatrie Calw-Hirsau wurde am 22. Januar 2025 eröffnet, während der Neubau in Winnenden planmäßig voranschreitet.
In Schwäbisch Hall erfolgte nach dem Spatenstich im April 2023 die Eröffnung im Dezember 2025 mit einer Zielkapazität von 100 Plätzen; zum 1. September 2026 wurden dort 58 Patienten betreut. Die parallelen Entwicklungen unterstreichen den wachsenden Druck, die Versorgung sowohl personell als auch infrastrukturell abzusichern.
