Psychische Gesundheit: Junge Frauen besonders von Dauerkrise belastet
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie psychische Gesundheit vieler Menschen in Deutschland hat sich nach Einschätzung von Wissenschaftlern seit 2020 verschlechtert, besonders belastet sind jüngere Erwachsene und junge Frauen.
Negative Trends seit den Pandemiejahren
„Meine Antwort ist ja“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, auf die Frage nach einer Verschlechterung. Auf die Pandemie seien der Angriffskrieg gegen die Ukraine und dessen wirtschaftliche Folgen gefolgt; diese Abfolge werde als gesamtgesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen.
Repräsentative Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen seit 2020 steigende depressive und Angstsymptome. Caroline Cohrdes, kommissarische Leiterin des RKI-Fachgebiets Psychische Gesundheit, sagt: „Insgesamt kann man sagen, dass sich die psychische Gesundheit in Deutschland verschlechtert hat.“
Mehr depressive Symptome und schlechtes Wohlbefinden
Für 2024 weist die RKI-Befragung bei rund 22 Prozent der Erwachsenen depressive Symptome aus. Ambulante Diagnosen depressiver Störungen lagen 2023 bei etwa 17 Prozent.
28 Prozent der Befragten bewerteten ihr psychisches Wohlbefinden 2024 als eher schlecht, nur rund elf Prozent als eher gut. Daten für 2025 waren zum Zeitpunkt der Erhebung noch nicht abschließend ausgewertet.
Junge Frauen besonders betroffen
Psychische Belastung kann sich unter anderem durch Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder anhaltendes Grübeln äußern. Bei Angstsymptomen fällt es Betroffenen häufig schwer, Sorgen zu stoppen; Nervosität und Anspannung können den Alltag zusätzlich erschweren.
Besonders hohe Werte beobachtet das RKI bei jüngeren Erwachsenen und dabei aktuell bei jungen Frauen. Meyer-Lindenberg berichtet aus der Praxis von einem starken Anstieg bestimmter psychischer Störungen bei jungen Menschen, am deutlichsten bei Essstörungen.
Depressive Symptome treten zudem häufiger bei Menschen mit niedrigem Einkommen und bei Personen ohne höheren Bildungsabschluss auf.
Folgen für Arbeitswelt und Zusammenhalt
Psychische Erkrankungen seien inzwischen die Hauptursache für Frühberentungen und ein wichtiger Grund für oft lange Krankschreibungen, sagt Meyer-Lindenberg. Das verursache einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden.
Ein allgemeiner Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts lässt sich daraus nach Darstellung der Experten nicht ableiten. Belastungen können jedoch sozialen Rückzug und Konflikte in Familien oder Nachbarschaften begünstigen. Soziale Verbundenheit und Unterstützung können umgekehrt psychische Belastungen abfedern.
Prävention und Gesundheitswissen
Meyer-Lindenberg fordert mehr Gesundheitskompetenz und nennt psychologische Erste-Hilfe-Kurse für Laien sowie Unterricht zur Regulation negativer Emotionen als mögliche Ansätze. Cohrdes betont, Jugendliche und junge Erwachsene müssten Hilfsangebote leicht finden und nutzen können.
Eine Depression sei jedoch keine bloße Folge äußerer Krisen, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Veranlagungen spielten eine wesentliche Rolle; Krisen könnten Erkrankungen auslösen oder verstärken, seien aber nicht automatisch deren Ursache.
Psychische Erkrankungen sind häufig
In Deutschland müsse jedes Jahr bei rund 30 Prozent der Bevölkerung mit einer behandlungsbedürftigen diagnostizierbaren psychischen Erkrankung gerechnet werden, sagt Meyer-Lindenberg. Daten einer internationalen Studie legten zudem eine Zunahme nahe, insbesondere bei jüngeren Menschen.
Mehrere Belastungen, nicht nur ein Auslöser
Die aktuellen Befunde ordnen psychische Belastung in Deutschland in eine Entwicklung ein, die seit den Pandemiejahren beobachtet wird. Pandemie, Krieg und wirtschaftliche Unsicherheit können Sorgen, Erschöpfung und Rückzug verstärken. Eine Depression ist jedoch keine bloße Reaktion auf eine einzelne Krise, sondern eine eigenständige Erkrankung, bei der biologische, psychische und soziale Faktoren zusammenwirken.
Besonders bedeutsam ist die soziale Verteilung der Risiken. Jüngere Erwachsene, Frauen sowie Menschen mit geringem Einkommen oder niedrigerem Bildungsabschluss sind häufiger von Symptomen betroffen. Regionale Daten zeigen zudem, dass psychische Erkrankungen mit sozialen und wirtschaftlichen Belastungen zusammenhängen können. Psychische Probleme schlagen sich nicht nur im persönlichen Wohlbefinden nieder, sondern auch in langen Krankschreibungen und steigenden Kosten.
Prävention muss früh ansetzen
Für den Alltag bedeutet das: Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, anhaltende Erschöpfung oder Sorgen, die sich kaum kontrollieren lassen, sollten ernst genommen werden. Frühzeitige Gespräche mit Hausärzten, Psychotherapeuten oder Beratungsstellen können den Zugang zu Hilfe erleichtern. Bei akuter Gefahr oder Suizidgedanken ist sofort professionelle Hilfe über den Notruf oder die Telefonseelsorge erforderlich.
Gesellschaftlich gewinnt neben der Behandlung die Prävention an Gewicht. Schulen, Ausbildungsstätten und Hochschulen können Wissen über psychische Erkrankungen, Medienkompetenz und konkrete Hilfsangebote vermitteln. Ebenso wichtig bleiben stabile soziale Beziehungen, weil Unterstützung Belastungen abfedern kann. Die Herausforderung besteht darin, Angebote niedrigschwellig, verlässlich und besonders für junge Menschen sichtbar zu machen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Hessen Diagnose Depression: In Hessen sind besonders viele Menschen betroffen“ (08.10.2026)
Der Bericht bestätige die hohe Bedeutung psychischer Erkrankungen mit regionalen Daten aus Hessen. Er hebe hervor, mehr als 750.000 Menschen hätten dort eine ärztlich dokumentierte Depression; außerdem verweist er auf deutliche Unterschiede nach Alter, Geschlecht und Landkreis sowie auf steigende Fehltage. Anders als die dpa-Meldung richte sich der Schwerpunkt damit stärker auf regionale Versorgung und Arbeitswelt.
Deutschlandfunk: „Deutschlandfunk - Fortlaufende Nachrichten vom 08. Oktober 2026“ (08.10.2026)
Der Nachrichtenüberblick berichte, die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Probleme habe weiter zugenommen. Er setze damit einen arbeitsmarktbezogenen Akzent, während die dpa-Meldung vor allem die Entwicklung von Symptomen, besonders betroffene Gruppen und Prävention behandle. Gemeinsam sei beiden Darstellungen die Einschätzung, dass psychische Erkrankungen eine wachsende gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung hätten.
Medienübergreifend werde die Zunahme psychischer Belastungen als relevantes Gesundheits- und Arbeitsweltthema beschrieben. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Blickwinkel: Im Vordergrund stünden einmal bundesweite Trends und Prävention, einmal regionale Diagnosen und Fehlzeiten.

