Psychische Fehlzeiten: WIdO zählt 403 Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Dauernde Erreichbarkeit, Personalmangel und wachsender Arbeitsdruck belasten die psychische Gesundheit von Beschäftigten und Management gleichermaßen.
Während individuelle Entlastungsmaßnahmen wie der Einsatz von Technologie auf Führungsebene erprobt werden, zeigen aktuelle Erhebungen von Krankenkassen und Instituten einen deutlichen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten. Reine Wohlfühlangebote reichen dabei oft nicht aus, um struktureller Überlastung wirksam zu begegnen.
Belastungsdruck auf Führungsebene
Wie stark der Druck im Berufsleben wiegt, zeigt sich auch im Top-Management. Oliver Dürr, Chef der Zürcher Rheinmetall-Tochter Air Defence, kündigte seinen Rücktritt an und begründete diesen Schritt mit Erschöpfung, wobei er auf einen Schlaganfall vor sechs Jahren verwies.
Unter seiner Führung hatten sich Umsatz und Belegschaft der Tochtergesellschaft verdreifacht; im April verhängte er zudem ein Homeoffice-Verbot am Zürcher Standort, woraufhin einige Mitarbeitende das Unternehmen verließen. Dürr will sich weiterhin für eine Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes einsetzen und warnte vor schweren Folgen bei einem Nein zur Vorlage Ende November.
Auf andere Entlastungsansätze setzt Pfizer-Chef Albert Bourla. Laut einem Bericht des Wall Street Journal erklärte der Manager, dass ein intern entwickeltes KI-Terminplanungssystem seinen Schlaf verbessere und Stress reduziere, indem es wichtige Besprechungen priorisiere und feste Fokuszeiten blocke. Das Pharmaunternehmen prüft eine breitere Einführung des Systems bei Führungskräften.
Starker Anstieg psychisch bedingter Ausfallzeiten
Die statistische Entwicklung verdeutlicht die Tragweite des Problems im Arbeitsalltag. Laut der DAK führten psychische Erkrankungen im Jahr 2025 zu rund 366 Ausfalltagen je 100 versicherte Beschäftigte, was einem Anstieg von 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Krankschreibungen dauerten dabei durchschnittlich 34,2 Tage. Nach Erhebungen von asz beliefen sich Krankenstände aufgrund psychischer Diagnosen 2025 im Schnitt auf 36,7 Tage, verglichen mit 9,1 Tagen über alle Diagnosen hinweg.
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Der Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der auf Daten von rund 15 Millionen AOK-Versicherten basiert, verzeichnete von 2016 bis 2025 einen Anstieg der psychisch bedingten Fehltage von 284 auf 403 je 100 Mitglieder, was einem Zuwachs von knapp 42 Prozent entspricht.
Im Jahr 2025 gab es 14,1 psychische Fälle je 100 Mitglieder mit durchschnittlich 28,5 Tagen je Fall, während Atemwegserkrankungen im Schnitt 5,7 Tage beanspruchten. Die Burnout-Ausfalltage stiegen laut WIdO zwischen 2016 und 2025 von 11,0 auf 19,5 je 100 Mitglieder – ein Plus von 77 Prozent.
Insgesamt lagen die Fehlzeiten 2025 bei 23,3 Tagen je AOK-Mitglied, nach 24,5 im Jahr 2022 und je 23,9 in den Jahren 2023 und 2024; im ersten Halbjahr 2026 sanken die Fehlzeiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Besonders exponiert waren 2025 Berufe im Dialogmarketing mit 39,0 psychischen Ausfallfällen je 100 Mitglieder, gefolgt von der Haus- und Familienpflege mit 25,6, der Altenpflege mit 24,9, der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik mit 24,6 sowie der Kinderbetreuung und -erziehung mit 23,0 Fällen.
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Die vorläufigen Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung beliefen sich 2025 auf 21,6 Milliarden Euro (6,1 Prozent der Gesamtausgaben), nach 11,2 Milliarden Euro und 5,2 Prozent vor zehn Jahren.
Die psychischen Krankengeldfälle legten zwischen 2021 und 2025 um knapp 25 Prozent zu, während die Ausgaben dafür um 54 Prozent stiegen. Gesetzliche Erleichterungen beim Krankengeld-Management greifen ab Januar 2027.
Betriebliche Rahmenbedingungen und Prävention
Laut SRH ersetzen punktuelle Zusatzangebote wie Obstkörbe oder Yoga keine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung. Der Fachkräfteradar 2026 belegt, dass in 81 Prozent der von Personalmangel betroffenen Betriebe die Arbeitsintensität steigt; 64 Prozent berichten von vermehrten Überstunden.
Die Great Employee Benefits Studie 2026, die 8.000 Mitarbeitende und 3.147 Führungskräfte in acht europäischen Märkten sowie 1.000 Beschäftigte und 381 Arbeitgebende in Deutschland untersuchte, offenbart deutliche Wahrnehmungsunterschiede: Während 83 Prozent der Arbeitgebenden glauben, das Wohlbefinden ausreichend zu unterstützen, empfinden dies nur 53 Prozent der Beschäftigten so.
Zudem stuften 49 Prozent der deutschen Mitarbeitenden ihre Belastung als langfristig nicht nachhaltig ein. Lediglich 50 Prozent äußerten sich wohl dabei, Stress offen mit Vorgesetzten zu besprechen.
Für das Jahr 2027 planen 64 Prozent der deutschen Arbeitgebenden höhere Budgets für betriebliche Zusatzleistungen. Der TÜV Rheinland empfiehlt, Belastungen wie Gereiztheit frühzeitig zu erkennen, Führungskräfte für gesundes Führen zu schulen und Beschäftigte bei Technologieeinführungen eng einzubinden.
Zum Start der vom 10. bis 20. Oktober 2026 laufenden Woche der Seelischen Gesundheit verweisen gesetzliche Krankenkassen zudem auf nahezu 50.000 Präsenzkurse und rund 2.500 Onlineangebote zum Stress- und Ressourcenmanagement.

