Psychische, Fehlzeiten

Psychische Fehlzeiten: Krankschreibungen in Schleswig-Holstein steigen um 15 Prozent

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 04:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Psychische Belastungen verursachten im ersten Halbjahr 2026 in Schleswig-Holstein 15 Prozent mehr Krankschreibungen als im Vorjahreszeitraum.

Burnout im Job: Warnzeichen, Gesundheitsrisiken und steigende Fehlzeiten
Ein leerer, ruhiger Arbeitsplatz in der Dämmerung mit Blick auf die Stadt, der eine Atmosphäre von Rückzug und Erholung vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere aktuelle Fachbeiträge und Ratgeber thematisieren die frühzeitigen Warnsignale von Burnout sowie Strategien, mit denen Beschäftigte stressbedingte Belastungen in schwierigen Arbeitsumfeldern bewältigen können. Hintergrund sind anhaltend hohe Belastungswerte in verschiedenen Berufsfeldern und steigende Ausfallzeiten infolge psychischer Beanspruchung.

Typische Warnsignale und gesundheitliche Risiken

Die Psychologin Claudia Garbrecht hebt drei wesentliche Kernanzeichen für eine beginnende Burnout-Entwicklung hervor: eine anhaltende Energielosigkeit, die auch durch Erholungsphasen wie das Wochenende nicht mehr ausgeglichen wird, eine zunehmende innere Distanz zur eigenen Arbeit sowie eine spürbar sinkende Leistungsfähigkeit trotz eines unverändert hohen Arbeitsaufwands.

Wie stark einzelne Berufsgruppen betroffen sind, belegt unter anderem eine Metaanalyse zu europäischen Ärzten, in der die Burnout-Rate je nach Definition zwischen 7 und 43 Prozent schwankt. Chronischer Druck am Arbeitsplatz bleibt zudem selten ohne physische Konsequenzen.

Einer Übersichtsarbeit zufolge kann beruflicher Stress das Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen um etwa 10 bis 40 Prozent erhöhen. Zudem gilt Workaholismus als messbarer Risikofaktor, der mit einem chronisch erhöhten Cortisolspiegel, schlechterem Schlaf, einem erhöhten Ruhepuls und einem geschwächten Immunsystem einhergeht.

Wirtschaftliche Folgen und steigende Fehlzeiten

Überlastung stellt auch für Unternehmen eine erhebliche finanzielle Belastung dar. Nach einer US-Berechnung belaufen sich die jährlichen Kosten durch Burnout und emotionale Distanz auf rund 10.000 US-Dollar pro Führungskraft, gut 20.000 US-Dollar pro Topmanager und etwa 4.000 US-Dollar pro weiterem Beschäftigten.

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Für einen US-Betrieb mit 1.000 Beschäftigten errechnet sich daraus eine Summe von rund 5 Millionen US-Dollar, wovon circa 90 Prozent auf Präsentismus zurückgehen – also das Arbeiten trotz bestehender gesundheitlicher Einschränkungen.

In Deutschland schlagen sich psychische Belastungen ebenfalls in den Fehlzeiten nieder. Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler von der Universität Kiel weist darauf hin, dass psychische Erkrankungen in Schleswig-Holstein für mehr Fehltage als je zuvor verantwortlich sind; ein berufsbedingter Ausfall wegen einer psychischen Erkrankung dauere dort im Schnitt rund einen Monat.

Eine Krankenstandsanalyse im Auftrag der DAK-Gesundheit auf Basis von rund 111.000 berufstätigen Versicherten in Schleswig-Holstein verzeichnete für das erste Halbjahr 2026 ein Plus von 15 Prozent bei den Krankschreibungen wegen psychischer Diagnosen.

Die Fehltage je 100 Beschäftigte stiegen von 187 im ersten Halbjahr 2025 auf 214 im ersten Halbjahr 2026, womit psychische Leiden den häufigsten Grund für Fehlzeiten darstellten.

Demgegenüber steht eine weitgehend starre Freizeitspanne: Berechnungen von Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen zeigen, dass die Freizeit an Werktagen seit rund 40 Jahren fast unverändert bei vier Stunden verharrt.

Belastungsfaktoren im Arbeitsalltag und Lösungsansätze

Zu den Treibern beruflicher Erschöpfung zählen neben Arbeitsverdichtung auch zwischenmenschliche Spannungen. Die Psychologin und Mediatorin Melanie Berger verweist auf fünf psychologische Mechanismen bei Konflikten im Kollegium: den Spiegeleffekt durch emotionale Ansteckung, Amygdala-Hijacking, kognitive Verzerrungen, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und den Schutz des eigenen Selbstwerts.

Eine Meta-Analyse mit 95 unabhängigen Stichproben und über 25.000 Personen zu Ausgrenzung am Arbeitsplatz zeigt deutliche Zusammenhänge mit einem geringeren Zugehörigkeitsgefühl, sinkender Arbeitszufriedenheit und emotionaler Erschöpfung auf.

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Fachleute betonen, dass bloße Willenskraft selten ausreicht, um chronischem Stress zu begegnen. Wirksam seien vielmehr verbindliche externe Strukturen und fest terminierte Erholungsphasen. Forschende der Universität Oslo stellten fest, dass regelmäßige Abkoppelungsrituale den subjektiven Stress nach Arbeitsende signifikant senken.

Die Diplom-Psychologin Diane Manz sieht neben der Akzeptanz gegebener Rahmenbedingungen und der Arbeit an der inneren Haltung eine konsequente Selbstfürsorge mit ausreichend Schlaf, Bewegung, gesunder Ernährung und bewussten Pausen als grundlegend an.

Zudem streichen Gesundheitspsychologen die Bedeutung sozialer Faktoren heraus: Eine stabile Beziehungsqualität gehört langfristig zu den wirksamsten Schutzfaktoren für Gesundheit und Wohlbefinden.

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de | wissenschaft | 70229107 |