Psychische Fehlzeiten: DAK meldet neun Prozent mehr Krankschreibungen
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 23:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Um der anhaltenden Arbeitsbelastung ihres Personals entgegenzuwirken und die Zufriedenheit der Beschäftigten zu verbessern, setzen Krankenhäuser verstärkt auf finanzielle Anreize sowie technologische Optimierungen bei der Dienstplanung.
Vor dem Hintergrund steigender Fehlzeiten und eines sich verschärfenden Fachkräftemangels suchen Klinikleitungen nach Wegen, den Schichtbetrieb verlässlicher zu organisieren und Teams von fachfremden Aufgaben zu entlasten.
Schichtplanung zwischen Automatisierung und Belastung
Die zunehmende Digitalisierung der Personaleinsatzplanung bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich. Berichten zufolge führen KI-gestützte Dienstplansysteme in Kliniken mitunter zu schwer vorhersehbaren Schichtfolgen für Pflegekräfte. Betroffene werten derartige Unregelmäßigkeiten als Sicherheitsrisiko für die Versorgung der Patienten.
Die automatisierte Taktung kann die Arbeitsbedingungen verschärfen und zu Ermüdung führen. Zugleich fehlen bislang umfassende Studien oder detaillierte Statistiken über die genaue Verbreitung einzelner Planungswerkzeuge, sodass sich die Betrachtung vor allem auf Erfahrungsberichte stützt.
Auch andere digitale Systeme binden mitunter wertvolle Arbeitszeit. So müssen Beschäftigte im US-Gesundheitswesen bei Softwarelösungen des Anbieters Palantir regelmäßig Fehler und Lücken manuell ausgleichen.
Pflegekräfte und Ärzte wenden Zeit für Korrekturen von Fehlfunktionen, verlorenen Daten und Doppeleingaben auf, statt Patienten zu versorgen. Eine öffentliche Stellungnahme des Unternehmens zu diesen Vorgängen liegt bislang nicht vor, und belastbare Zahlen über die Fehlerhäufigkeit fehlen.
Hohe Unzufriedenheit und steigende psychische Fehlzeiten
Die Notwendigkeit verlässlicher Rahmenbedingungen spiegelt sich in aktuellen Personaldaten wider. Eine im Oktober 2025 veröffentlichte Analyse der Plattform Pflegia, die auf anonymisierten Daten von über 100.000 Pflegekräfte-Kandidaten aus dem Zeitraum von September 2024 bis September 2025 basiert, verzeichnete eine spürbare Polarisierung: 32 Prozent der Arbeitsuchenden zeigten sich zufrieden bis sehr zufrieden mit ihrem damaligen Arbeitgeber, 29 Prozent unzufrieden und 39 Prozent neutral.
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Während in den ersten zehn Berufsjahren die Zufriedenheit überwiegt, sinkt sie im weiteren Karriereverlauf ab. Bei den Leitungskräften lag die Zufriedenheit der Einrichtungsleitungen bei 36,4 Prozent, jene der Stationsleitungen bei 34,6 Prozent. Pflegia-Geschäftsführer Felix Westphal bezeichnete die Arbeitsbelastung als Hauptgrund für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Beruf.
Gleichzeitig verzeichneten gesetzliche Krankenversicherungen im Jahr 2026 eine Zunahme mentaler Belastungen bei Erwerbstätigen. Laut der DAK-Fehlzeitenanalyse für das erste Halbjahr 2026, die rund 2,2 Millionen erwerbstätige Versicherte umfasst, stiegen die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen um neun Prozent und stellten erstmals den häufigsten Grund für Arbeitsunfähigkeit dar. Der Gesamtkrankenstand sank in diesem Zeitraum leicht auf 5,3 Prozent.
Bei der Techniker Krankenkasse entfielen im ersten Quartal 2026 durchschnittlich 0,99 Tage je Erwerbsperson auf psychische Diagnosen, verglichen mit 0,92 Tagen in den Vorjahresquartalen 2025 und 2024. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK waren AOK-Versicherte im Jahr 2025 im Schnitt an 23,3 Tagen krankgeschrieben; psychische Leiden bildeten dabei mit durchschnittlich 28,5 Arbeitsunfähigkeitstagen je Fall die Diagnosegruppe mit der längsten Ausfallzeit.
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Demografischer Druck erfordert Entlastungskonzepte
Der Handlungsdruck auf die Kliniken wächst auch durch langfristige demografische Verschiebungen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben in Deutschland knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftige, mit steigender Tendenz.
Berechnungen gehen davon aus, dass bis 2049 bis zu 690.000 Pflegekräfte fehlen könnten, während die Zahl der Pflegebedürftigen auf 6,7 bis 7,5 Millionen steigen dürfte. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wächst das Pflegepersonal seit 2022 ausschließlich durch internationale Zuwanderung; die Zahl deutscher Pflegekräfte in Krankenhäusern stagniert oder ist rückläufig.
Um Zeit für die eigentliche Pflege freizusetzen, prüfen Einrichtungen vermehrt auch automatisierte Logistikansätze. So berechnete der Hersteller Neura Robotics für eine autonome mobile Plattform zum Transport leerer Betten und von Sterilgut, dass bei rund 20 Fahrten pro Tag jährlich mehr als 1.300 Arbeitsstunden eingespart werden könnten.
Ob technische Hilfsmittel und finanzielle Steuerungselemente die Arbeitsbedingungen im Klinikalltag nachhaltig verbessern können, hängt jedoch entscheidend davon ab, ob Systeme praxistauglich eingeführt und Schichtmodelle für die Beschäftigten verlässlich gestaltet werden.
