Psychische Erkrankungen: Krankenstände dauern im Schnitt 36,7 Tage
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die systematische Analyse von Belastungsmustern im Arbeitsalltag und ein offener Dialog über betriebliche Veränderungen gewinnen für die mentale Klarheit und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten zunehmend an Bedeutung.
Angesichts von technologischen Transformationen, Arbeitsverdichtung und wachsendem Leistungsdruck verweisen Arbeitspsychologen und Präventionsexperten darauf, dass transparente Information und klare Rahmenbedingungen entscheidend sind, um psychischer Erschöpfung in Unternehmen wirksam vorzubeugen.
Warnsignale im Arbeitsalltag und steigende Fehlzeiten
Veränderungen in betrieblichen Abläufen und anhaltende Belastungen schlagen sich deutlich in den Ausfallzeiten nieder. Laut Berichten von asz Arbeitspsycholog:innen dauerten Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen im Jahr 2025 durchschnittlich 36,7 Tage, während der Durchschnitt über alle Krankheitsdiagnosen hinweg bei lediglich 9,1 Tagen lag.
Zu den maßgeblichen Belastungsfaktoren zählen dabei Arbeitsverdichtung, Personalmangel, ständige Erreichbarkeit sowie Unsicherheiten im Zuge von Umstrukturierungen und dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Im Rahmen des Fachkräfteradars 2026 berichteten 81 Prozent der betroffenen Betriebe von einer steigenden Arbeitsintensität, während 64 Prozent eine Zunahme von Überstunden verzeichneten.
Fachleute weisen auf typische Warnsignale hin, an denen sich eine fortschreitende Überlastung im Betrieb frühzeitig ablesen lässt. Dazu gehören zunehmende Konflikte, ein verändertes zwischenmenschliches Miteinander, häufigere Fehler und Konzentrationsprobleme sowie ausbleibende Erholung bei den Beschäftigten.
Eine besondere Herausforderung liegt darin, dass gerade besonders leistungsstarke Fachkräfte unter hoher Belastung oft sehr lange weiterfunktionieren, bevor ein Zusammenbruch erfolgt.
Wer sich mit den steigenden Belastungen im Berufsalltag befasst, findet in diesem kostenlosen Ratgeber praxiserprobte Hilfsmittel, um Gefährdungen rechtzeitig zu erkennen. Gefährdungsbeurteilung: Kostenlose Vorlagen und Checklisten herunterladen
Technologischer Umbruch verlangt nach offener Kommunikation
Ein wesentlicher Treiber aktueller Verunsicherung ist der betriebliche Einsatz neuer Technologien. Nach Auswertungen des KI-Monitors 2026 durch Peter Buxmann von der Technischen Universität Darmstadt halten Beschäftigte, die sehr gut über künstliche Intelligenz informiert sind, den eigenen Arbeitsplatz zu 42,8 Prozent für ersetzbar.
Der Projektleiter mahnt daher Qualifizierungsmaßnahmen sowie ehrliche Antworten seitens der Führungskräfte an, anstatt auf bloße Beschwichtigungen zu setzen. Fehlt es an transparenter Information über geplante Veränderungen, äußert sich unausgesprochene Angst im Betrieb häufig in Form von zunehmenden Gerüchten, sozialem Rückzug, heimlicher Nutzung von KI-Tools oder wachsendem Zynismus.
Arbeitgeber stehen hierbei auch rechtlich in der Pflicht. Gemäß Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes müssen psychische Belastungen beurteilt und bei wesentlichen Änderungen der Arbeitsbedingungen – etwa durch die Einführung neuer Techniken – aktualisiert werden. Zudem fordert Artikel 4 des europäischen KI-Gesetzes die gezielte Förderung der KI-Kompetenz innerhalb der Belegschaft.
Der rechtssichere Umgang mit neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz erfordert eine präzise Dokumentation aller Risiken und Pflichten. Dieser kostenlose Umsetzungsleitfaden bietet Unternehmen einen kompakten Überblick über die aktuellen Anforderungen der EU-Verordnung. Kostenlosen Leitfaden zur KI-Verordnung jetzt sichern
Betriebliche Rahmenbedingungen als Basis für mentale Stärke
Um mentale Klarheit und Stabilität zu fördern, fordern Präventionsverantwortliche verbindliche Schutzmaßnahmen im Betriebsalltag. Dr. Gustav Wirtz von der RPK Wiesloch betont, dass Stress nicht als isoliertes Problem einzelner Personen verhandelt werden dürfe. Realistische Arbeitsmengen, ausreichende Personalbesetzungen und verlässliche Arbeitszeiten fielen klar in die unternehmerische Verantwortung.
Auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hebt anlässlich der Woche der Seelischen Gesundheit die Bedeutung einer gesundheitsgerechten Arbeitsgestaltung hervor. DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer unterstreicht, dass Unternehmen bei Präventionsmaßnahmen nicht bei null anfangen müssten und auf erprobte Lösungen zurückgreifen sollten.
Bereits vergleichsweise kleine Anpassungen im Betrieb – wie eindeutig festgelegte Zuständigkeiten, klare Kommunikationswege, verlässliche Pausenregelungen und erweiterte Handlungsspielräume – können Stress spürbar reduzieren, die psychische Stabilität stärken und die Arbeitsmotivation aufrechterhalten.

