Psychische, Erkrankungen

Psychische Erkrankungen im Job: WIFO beziffert Kosten in Österreich auf 12,4 Milliarden

Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
WIFO-Daten beziffern Österreichs arbeitsbedingte Krankheits- und Unfallkosten auf 12,4 Milliarden Euro; die EU startet eine Schutzkampagne.
Ein leerer, minimalistischer Industrieflur mit kühlem Licht und klaren architektonischen Linien. Illustration mit AI erstellt.

Berufsverbände und Medienberichte verzeichnen einen deutlichen Anstieg arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen. Angesichts steigender Fehlzeiten, hoher Folgekosten und zunehmender Überlastung in zahlreichen Branchen fordern Arbeitnehmervertretungen und Fachorganisationen verstärkte präventive Schutzmaßnahmen in den Betrieben.

Steigende Ausfallzeiten und erhebliche wirtschaftliche Belastungen

Die Zunahme psychischer Leiden schlägt sich deutlich in den Bilanzen des Gesundheits- und Wirtschaftssystems nieder. Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO in einer am 13. Oktober 2026 veröffentlichten Studie für die Arbeiterkammer darlegte, verursachten arbeitsbedingte Unfälle und Erkrankungen im Jahr 2023 in Österreich Kosten von 12,4 Milliarden Euro.

Fast 90 Prozent dieser Schadenssumme entfielen auf arbeitsbedingte Erkrankungen. Die Kosten tragen zu 58,3 Prozent die Arbeitnehmer, zu 30,8 Prozent die Kranken- und Pensionsversicherung und zu 10,8 Prozent die Arbeitgeber.

Das WIFO verzeichnete für 2023 über 54.000 neu aufgetretene arbeitsbedingte psychische Erkrankungen; gemeinsam mit Muskel-Skelett-Erkrankungen machten sie mehr als vier Fünftel der über 168.000 erfassten Fälle aus.

Auf europäischer Ebene bezifferte das Europäische Gewerkschaftsinstitut die jährlichen Gesamtkosten arbeitsbedingter Depressionen infolge von Fehlzeiten, Produktivitätsverlusten sowie Gesundheits- und Sozialausgaben auf über 100 Milliarden Euro.

In Großbritannien meldete die Arbeitsschutzbehörde Health and Safety Executive für das Betriebsjahr 2024/25 rund 964.000 Beschäftigte mit arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder Angstzuständen, was einem Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Psychische Diagnosen machten dort 52 Prozent aller arbeitsbedingten Krankheitsfälle und 22,1 Millionen verlorene Arbeitstage aus.

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Krankenkassendaten zeigen Zunahme von Langzeiterkrankungen

In Deutschland verzeichnen gesetzliche Krankenkassen eine kontinuierliche Verlagerung hin zu längeren Ausfallzeiten. Das Wissenschaftliche Institut der AOK ermittelte für das Jahr 2025 insgesamt 403 Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Diagnosen je 100 Mitglieder, verglichen mit 284 Tagen im Jahr 2016. Eine entsprechende Krankschreibung dauerte durchschnittlich 28,5 Tage.

Der AOK-Bundesverband wies darauf hin, dass die Krankengeldfälle wegen psychischer Erkrankungen von 2021 bis 2025 um knapp 25 Prozent stiegen, während die Ausgaben hierfür um 54 Prozent zulegten.

Aus regionalen Daten der AOK Bayern geht hervor, dass Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von psychischen Erkrankungen mit einer Dauer von über sechs Wochen zwischen 2016 und 2025 um fast 50 Prozent zunahmen.

Bei der Techniker Krankenkasse in Bayern stiegen die Fehlzeiten durch psychische Diagnosen im Jahr 2025 auf 3,1 Tage je versicherte Erwerbsperson, was 0,4 Tage mehr als 2022 darstellt. Die BKK Bayern verzeichnete für 2025 bei psychischen Diagnosen eine durchschnittliche Dauer von 38 Tagen je Fall.

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Kumulierte Risikofaktoren und Forderungen nach Prävention

Wissenschaftliche Erhebungen belegen, dass insbesondere das Zusammentreffen mehrerer Belastungsfaktoren die Gefährdung erhöht. Das dänische Nationale Forschungszentrum für Arbeitsumwelt stellte fest, dass Beschäftigte mit gleichzeitig starkem Zeitdruck und hohen emotionalen Anforderungen ein mehr als doppelt so hohes Risiko für depressive Symptome aufweisen.

Laut der OSH-Pulse-Erhebung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz aus dem Jahr 2025 gaben 29 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union an, unter arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder Angst zu leiden.

Vor diesem Hintergrund startete die EU-Agentur am 13. Oktober 2026 eine paneuropäische Arbeitsschutzkampagne für die Jahre 2026 bis 2028. Agenturdirektor William Cockburn erklärte, die Scheu vor offenen Gesprächen über mentale Probleme stelle das größte Hindernis dar, weshalb eine strukturierte Gefährdungsbeurteilung der erste Schritt sein müsse.

Gewerkschaftsvertreter wie EGB-Generalsekretärin Esther Lynch dringen auf verbindliche Präventionsmaßnahmen in den Betrieben. Bereits Anfang Oktober 2026 hatte das Europäische Parlament einen Bericht unterstützt, der die Europäische Kommission zu verbindlichen Schritten gegen arbeitsbedingte psychosoziale Risiken auffordert.

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