Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten steigen binnen zehn Jahren um 42 Prozent
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 12:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Psychische Erkrankungen nehmen als Ursache für Fehlzeiten im Berufsleben einen wachsenden Stellenwert ein. Wie aus dem Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervorgeht, stiegen die krankheitsbedingten Fehlzeiten infolge seelischer Leiden bei AOK-versicherten Beschäftigten innerhalb von zehn Jahren um knapp 42 Prozent.
Während im Jahr 2016 noch 284 Tage mit Arbeitsunfähigkeit (AU) je 100 Mitglieder verzeichnet wurden, kletterte dieser Wert für das Jahr 2025 auf 403 AU-Tage.
Diagnosemuster und lange Ausfallzeiten
Im Jahr 2025 verursachten psychische Erkrankungen 14,1 AU-Fälle je 100 AOK-Mitglieder. Charakteristisch bleibt dabei eine vergleichsweise lange Krankheitsdauer: Sie lag im Schnitt bei 28,5 Tagen je Fall.
Im Vergleich dazu führten Atemwegserkrankungen zwar zu 80,3 Fällen je 100 Mitglieder, die Ausfalldauer betrug dort jedoch lediglich 5,7 Tage pro Fall.
Einen auffälligen Zuwachs verzeichneten Burnout-Diagnosen, die im Zehnjahresvergleich um 77 Prozent zulegten. Entfielen im Jahr 2016 rechnerisch 11,0 Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder auf diese Diagnose, stieg der Wert bis 2025 auf 19,5 Ausfalltage an.
Über alle Krankheitsursachen hinweg verzeichnete das Institut für 2025 insgesamt 23,3 AU-Tage je AOK-Mitglied, nach 24,5 Tagen im Jahr 2022 sowie jeweils 23,9 Tagen in den Jahren 2023 und 2024. Für das erste Halbjahr 2026 lag das Gesamtniveau unter dem Vorjahreswert.
Gleichzeitig belasten die Entwicklungen die gesetzlichen Kassen finanziell. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für das Krankengeld erreichten 2025 die Summe von 21,6 Milliarden Euro, was 6,1 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben entsprach. Zehn Jahre zuvor lagen diese Aufwendungen bei 11,2 Milliarden Euro beziehungsweise 5,2 Prozent.
Zwischen 2021 und 2025 stiegen die Krankengeldfälle wegen psychischer Erkrankungen um knapp 25 Prozent. Die Ausgaben der Kassen für psychische Diagnosen nahmen in dieser Spanne um 54 Prozent zu, während die Ausgaben für somatische Erkrankungen um 27 Prozent stiegen.
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Betroffene Branchen und regionale Unterschiede
Die Auswertung nach Berufsfeldern zeigt erhebliche Unterschiede. Die höchsten Fallzahlen verzeichnete das WIdO im Dialogmarketing mit 39,0 AU-Fällen je 100 Mitglieder. Dahinter folgten die Haus- und Familienpflege (25,6), die Altenpflege (24,9), die Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6) sowie die Kinderbetreuung (23,0).
Regionale Auswertungen der AOK Bayern veranschaulichen ähnliche Tendenzen: Die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen je 100 Mitglieder stiegen dort binnen zehn Jahren von 248 auf 349 Tage, was einem Zuwachs von knapp 41 Prozent entspricht.
Auf psychische Leiden entfielen 2025 in Bayern 12,5 Krankmeldungen je 100 Mitglieder mit einer Falldauer von knapp 28 Tagen, während Atemwegsinfekte 77,1 AU-Tage je 100 Versicherte bei einer Dauer von 5,3 Tagen ausmachten. Burnout-Diagnosen kletterten bei der AOK Bayern um 83 Prozent von 8,8 auf 16,1 Ausfalltage je 100 Mitglieder.
Die längsten Ausfallzeiten verursachten depressive Episoden und wiederkehrende depressive Störungen, gefolgt von Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen. Die Vorstandschefin der AOK Bayern, Irmgard Stippler, führt den Anstieg seit 2022 vor allem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurück.
In Mecklenburg-Vorpommern war 2025 knapp ein Fünftel aller erfassten Fehltage psychisch bedingt. Es fielen 497 AU-Tage je 100 Beschäftigte an, verglichen mit rund 314 Tagen im Jahr 2016. Auch dort führte das Dialogmarketing die Statistik mit 44,3 Krankschreibungen je 100 Beschäftigte an – mehr als doppelt so viele wie im Schnitt aller Berufe (17,4).
Die Falldauer betrug rund 29 Tage, gegenüber rund 7 Tagen bei Atemwegserkrankungen. Als häufigste Diagnosen traten Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen vor depressiven Episoden auf; in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen führten depressive Episoden das Feld an.
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Übergreifende Arbeitsmarktdaten und Prävention
Die Zunahme von Abwesenheiten spiegelt sich auch in weiteren Erhebungen wider. Das WTW-Barometer 2026 wies für ein Panel von 3.100 Unternehmen mit 427.800 Vollzeitäquivalenten für 2025 eine Fehlzeitenquote im privaten Sektor von 4,95 Prozent aus.
Die durchschnittliche Abwesenheitsdauer betrug 38 Tage. Auffällig war dabei die Konzentration auf Langzeitfälle: 11 Prozent der Beschäftigten mit Fehlzeiten (4 Prozent aller Beschäftigten) fehlten mehr als 90 Tage und verursachten 61 Prozent der gesamten Fehlzeiten.
Vor diesem Hintergrund gewinnen Maßnahmen der betrieblichen Prävention an Bedeutung. Anlässlich der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober 2026 betonte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Dr. Stephan Fasshauer, den Wert erprobter betrieblicher Lösungen.
Zentrales Instrument sei die Gefährdungsbeurteilung, für die das DGUV-Angebot „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA) Orientierung biete. Der Schutz der seelischen Gesundheit bildet zudem das Schwerpunktthema der Nationalen Präventionskonferenz 2026. Parallel dazu fordert das EU-Parlament verbindliche Vorgaben zum Umgang mit psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz.
