Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten im H1 2026 um 9% gestiegen
Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 08:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine neue LGL-Studie zeigt: Gerade kleine Betriebe hinken beim betrieblichen Gesundheitsmanagement massiv hinterher. Dabei steigen psychische Erkrankungen und Stress auf Rekordniveau.
Große Kluft zwischen Konzernen und Kleinstbetrieben
Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hat die Situation in Bayern untersucht – mit ernüchternden Ergebnissen. Nur jedes siebte Unternehmen bietet derzeit Maßnahmen zur Suchtprävention an. Bei Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten liegt die Quote immerhin bei über 50 Prozent, doch Kleinstbetriebe kommen gerade einmal auf 3,4 Prozent. Kleinbetriebe erreichen rund 7,4 Prozent.
Die Zahlen sind alarmierend, denn der Bedarf ist enorm. Rund 4,2 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland gelten als alkoholabhängig – in Bayern sind das schätzungsweise 130.000 Menschen. Bayerns Gesundheitsministerin Gerlach betont deshalb die Bedeutung frühzeitiger Intervention am Arbeitsplatz: Sie sichere die Arbeitsfähigkeit langfristig und minimiere gesundheitliche Risiken.
Psychische Erkrankungen erreichen Höchststand
Die Fehlzeiten wegen psychischer Diagnosen sind laut DAK-Analyse im ersten Halbjahr 2026 um 9 Prozent gestiegen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) fordert angesichts dieses Rekordwerts eine Stärkung der Prävention – und warnt vor möglichen Mittelkürzungen bei den Krankenkassen.
Auch die KKH-Daten belegen den Trend: 2025 wurden knapp 119 Krankentage pro 100 Versicherte wegen akuter Belastungsreaktionen registriert. 2017 lag der Wert noch bei 66 Tagen – eine Steigerung von rund 80 Prozent. Stressbedingte Diagnosen sind damit der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. Besonders betroffen: die Generation der 18- bis 44-Jährigen, die laut einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover vermehrt gesundheitliche Einschränkungen erlebt.
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Alkoholbedingte Fehltage: Regionale Unterschiede
Die AOK NordWest liefert konkrete Zahlen für 2025: Im Kreis Ostholstein stiegen alkoholbedingte Fehltage von 3.204 auf 5.223 Tage. In Siegen-Wittgenstein entfielen 4.982 Arbeitstage auf diese Diagnose. Krankenkassen warnen vor den betriebswirtschaftlichen Risiken solcher Entwicklungen.
Auch der Medikamentenkonsum erreicht Rekordniveau. Die Techniker Krankenkasse verzeichnete 2025 rund 6,2 Millionen Erwerbspersonen mit Rezepten – insgesamt über 34 Millionen Präparate. Spitzenreiter sind Herz-Kreislauf-Medikamente. Regional klaffen die Werte weit auseinander: Sachsen-Anhalt kommt auf 329 Tagesdosen pro Kopf, Baden-Württemberg nur auf 257.
Gastgewerbe besonders betroffen
Keine Branche leidet so sehr unter psychischen Erkrankungen wie die Hotellerie. Der Krankenstand in Hotels lag 2025 rund 25 Prozent höher als noch zehn Jahre zuvor. Positivbeispiele wie die SV Schweiz zeigen jedoch: Strategisch verankertes BGM funktioniert. Labels wie „Friendly Work Space“ und Führungscoachings helfen, Strukturen zu etablieren.
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Innovative Pilotprojekte sollen nun auch körperliche Beschwerden angehen – etwa mit Elektrostimulationsgurten gegen Rückenschmerzen. Ein sechsmonatiges Programm wird derzeit mit einer Krankenkasse erprobt.
Teilkrankschreibung: Unternehmen skeptisch
Bis 2028 soll die Teilkrankschreibung kommen – doch die Wirtschaft zögert. Laut Ifo-Institut und Randstad hält fast die Hälfte der befragten Firmen das Instrument für nicht sinnvoll. Während in administrativen Bereichen 55 Prozent zustimmen, sehen nur 8 Prozent der Produktionsunternehmen einen Nutzen. Ob das Modell kommt, dürfte auch von der weiteren Diskussion abhängen.
