Psychische Erkrankungen: Erstmals Hauptgrund für Fehlzeiten
Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 04:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der Diskussion um die deutsche Arbeitsmarktpolitik und die steigenden Belastungen für Unternehmen zeichnet sich eine neue Debatte über die Nachweispflicht im Krankheitsfall ab. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) äußerte Zweifel an der Wirksamkeit einer generellen Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Obwohl diese Maßnahme zwischen der Union und der SPD vereinbart worden war, plädierte die Ministerin für weitreichende Ausnahmen.
Bas forderte, dass tarifgebundene Unternehmen von dieser Regelung ausgenommen werden sollten. Zudem schlug sie vor, eine solche Pflicht an eine Termingarantie bei Ärzten zu koppeln, um die praktische Umsetzung für Arbeitnehmer sicherzustellen.
Unterstützung für diese Position kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), während Experten aus der Wirtschaft die Wirksamkeit der Maßnahme unterschiedlich bewerten. So erklärte Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass er durch die Einführung einer Attestpflicht ab dem ersten Tag kaum signifikante Veränderungen im Krankenstandsgeschehen erwarte.
Kosten der Entgeltfortzahlung erreichen Rekordniveau
Die Diskussion findet vor dem Hintergrund massiv gestiegener Kosten für die Arbeitgeber statt. Ein Kurzbericht des IW verdeutlichte die finanzielle Dimension: Im Jahr 2025 zahlten Unternehmen in Deutschland nominal 85,6 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung.
Diese Summe setzt sich aus 72,5 Milliarden Euro an Bruttoentgelten und 13,1 Milliarden Euro an Sozialversicherungsbeiträgen zusammen. Damit haben sich die Kosten seit dem Jahr 2010, als sie noch bei 36,9 Milliarden Euro lagen, mehr als verdoppelt.
Als wesentliche Treiber für diesen Anstieg nannten die Experten des IW neben den allgemein höheren Gehältern und einer gestiegenen Anzahl an Beschäftigten vor allem die alternde Belegschaft. Zudem gewinnen psychische Erkrankungen als Ursache für Fehlzeiten zunehmend an Gewicht.
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Wandel der Krankheitsbilder und die Tendenz zum Präsentismus
Aktuelle Gesundheitsdaten bestätigen den strukturellen Wandel bei den Krankheitsursachen. Eine Halbjahresauswertung der DAK-Gesundheit für das erste Halbjahr 2026, die auf Daten von 2,2 Millionen Beschäftigten basiert, weist einen Krankenstand von 5,3 Prozent aus.
Zwar ist dies ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahreswert von 5,4 Prozent, doch zeigt sich eine Verschiebung bei den Diagnosen: Psychische Erkrankungen verzeichneten einen Zuwachs von 9 Prozent und entwickelten sich damit erstmals zum häufigsten Grund für Fehlzeiten.
Regional zeigen sich deutliche Belastungen, etwa in Nordrhein-Westfalen, wo auf 100 Beschäftigte 202 Tage aufgrund psychischer Leiden entfielen. Atemwegserkrankungen gingen hingegen bundesweit um 21 Prozent zurück. Die durchschnittliche Dauer eines Krankheitsfalls stieg leicht von 9,5 Tagen im Vorjahr auf nun 9,7 Tage an.
Parallel zu den Fehlzeiten bleibt das Phänomen des Arbeitens trotz Krankheit – der sogenannte Präsentismus – weit verbreitet. Eine im Dezember 2025 durchgeführte Umfrage von Indeed und Appinio unter 1.000 Berufstätigen ergab, dass 49,6 Prozent der Deutschen angeben, häufiger krank zu arbeiten.
In der Altersgruppe der Generation Z liegt dieser Wert mit 63 Prozent noch deutlich höher. Als Hauptgründe wurden Solidarität mit den Kollegen (34,8 Prozent), eine zu hohe Arbeitslast (31,2 Prozent) sowie die Angst vor Entlassungen oder einem Imageverlust als nicht belastbar (20,8 Prozent) angeführt.
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Arbeitsbelastung und internationaler Vergleich
Die Debatte wird zudem durch einen Diskurs über die allgemeine Arbeitszeit in Deutschland ergänzt. Bundeskanzler Friedrich Merz verwies in Sommerinterviews im Juli und August 2026 auf einen Vergleich mit der Schweiz und merkte an, dass dort jährlich deutlich mehr gearbeitet werde.
Faktenchecks ordneten diese Aussagen dahingehend ein, dass die Differenz bei Vollzeitkräften signifikant sei (42,5 Stunden in der Schweiz gegenüber 38,4 Stunden in Deutschland), sich bei Einbeziehung von Teilzeitkräften jedoch auf etwa 50 Stunden pro Jahr verringere.
Die Unzufriedenheit mit der Belastungssituation spiegelt sich auch in Arbeitgeberbewertungen wider. Eine Auswertung der Plattform kununu von Anfang 2024 bis Juli 2026 zeigte, dass mehr als ein Fünftel der abgegebenen Bewertungen die Work-Life-Balance in den Unternehmen mit lediglich einem oder zwei Sternen bewertete. Dies unterstreicht die Relevanz präventiver Maßnahmen und einer flexiblen Handhabung von Krankmeldungen in der modernen Arbeitswelt.
