Psychische Erkrankungen: Erstmals häufigster Grund für Krankschreibungen
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 05:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die Struktur des Krankenstandes in Deutschland maßgeblich verändert. Nach einer aktuellen Auswertung der hkk Krankenkasse, die auf Daten von rund 610.000 krankengeldberechtigten Mitgliedern basiert, sind psychische Erkrankungen erstmals die häufigste Ursache für Krankschreibungen.
Während der allgemeine Krankenstand mit 5,0 % leicht unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums lag, stiegen die psychisch bedingten Fehlzeiten deutlich an.
Analyse der Ausfallzeiten nach Diagnosegruppen
Die hkk-Fehlzeitenanalyse verdeutlicht eine gegenläufige Entwicklung bei den führenden Krankheitsarten. Während die Fehltage aufgrund von Atemwegserkrankungen um 19,6 % zurückgingen, verzeichneten psychische Diagnosen wie Depressionen, Angststörungen und Belastungsreaktionen ein Plus von 9,3 %. Damit rangieren psychische Leiden in der Häufigkeit nun vor Atemwegsinfekten und Muskel-Skelett-Erkrankungen, die den dritten Platz belegen.
Besonders markant ist die Dauer der jeweiligen Arbeitsunfähigkeit. Im ersten Halbjahr 2026 betrug die durchschnittliche Dauer je Fall über alle Diagnosen hinweg 10,9 Tage. Bei psychischen Erkrankungen lag dieser Wert jedoch bei durchschnittlich 38,8 Tagen pro Fall. Zum Vergleich: Muskel-Skelett-Erkrankungen führten im Schnitt zu 17,8 Fehltagen, Atemwegsinfekte lediglich zu 5,8 Tagen.
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Zudem nimmt die Bedeutung von Langzeiterkrankungen zu. Fälle, die länger als sechs Wochen dauerten, machten im ersten Halbjahr 2026 zwar nur 3,2 % aller Krankmeldungen aus, waren jedoch für 45,8 % aller Fehltage verantwortlich. Im Vorjahreszeitraum hatten diese Werte noch bei 2,8 % der Fälle und 42,6 % der Tage gelegen.
Regionale Unterschiede und internationale Entwicklungen
Die Daten zeigen regionale Schwerpunkte bei den Krankheitsursachen. In Bremen wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 20,4 Fehltage je Beschäftigten registriert. Psychische Beschwerden führten hier die Ursachenliste an und machten 22,8 % aller Ausfalltage aus, gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 17,6 %.
In Niedersachsen hingegen lag die Zahl der Fehltage mit 21,4 Tagen pro Kopf zwar höher, dort stellten jedoch Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 20,0 % die führende Ursache dar, während Atemwegserkrankungen 16,8 % ausmachten.
Auch international rücken psychische Belastungen verstärkt in den Fokus von Unternehmen und Behörden. In der Schweiz bezifferte der CEO der Versicherung Helsana, Roman Sonderegger, die jährlichen Kosten psychischer Probleme in der Arbeitswelt Mitte September 2026 auf rund 6,5 Milliarden Franken.
Psychisch bedingte Absenzen dauern dort im Durchschnitt 150 Tage, wobei Frauen zu 60 % und Männer zu 40 % betroffen seien. Als wesentlicher Faktor gelten in der Schweiz Konflikte am Arbeitsplatz, die mit mehr als der Hälfte dieser Krankschreibungen in Verbindung gebracht werden.
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In Brasilien trat bereits am 26. Mai 2026 eine aktualisierte Richtlinie (NR-1) in Kraft, die Unternehmen verpflichtet, psychosoziale Risiken in ihre Programme zur Gefahrenabwehr aufzunehmen. Hintergrund ist ein massiver Anstieg der entsprechenden Krankmeldungen, die laut dem brasilianischen Ministerium für soziale Sicherheit zwischen 2023 und 2024 um 67 % auf über 440.000 Fälle gestiegen sind.
Gesundheitsmanagement im Mittelstand
Eine Studie der BARMER mit dem Titel „Gesunde Arbeit. Anspruch und Wirklichkeit im Mittelstand“, für die zwischen März und Mai 2026 rund 550 Führungskräfte befragt wurden, unterstreicht die wachsende Bedeutung der Mitarbeitergesundheit. Demnach betrachten 94 % der Befragten die Gesundheit der Belegschaft als wichtigen Erfolgsfaktor für ihr Unternehmen.
Allerdings variiert die Umsetzung konkreter Maßnahmen stark. Während 79 % der mittelständischen Betriebe kostenlose Getränke anbieten und 63 % auf ergonomische Arbeitsplatzgestaltung setzen, wertet lediglich ein knappes Drittel (29 %) regelmäßig Gesundheitsberichte aus.
Simone Schwering von der BARMER wies darauf hin, dass ein aktives Gesundheitsmanagement nicht nur Fehlzeiten reduziere, sondern im Hinblick auf den Fachkräftemangel auch die Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität stärke.
Als größte Hürden für die Implementierung solcher Programme nannten die befragten Unternehmen neben Mehrkosten und Verwaltungsaufwand vor allem einen Mangel an zeitlichen Ressourcen.
