Psychische Erkrankungen: Erstmals häufigster Grund für Krankschreibungen
Veröffentlicht am: 21.07.2026 um 22:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Während Forscher neue Wirkmechanismen gegen therapieresistente Verläufe entdecken, kämpfen Arztpraxen und Krankenkassen mit Lieferengpässen und steigenden Patientenzahlen.
Neue Hoffnung bei schwer behandelbaren Depressionen
Ein vielversprechender Kandidat heißt Xanamem. Eine Phase-2-Studie, veröffentlicht im British Journal of Psychiatry, untersuchte den Wirkstoff an 165 Teilnehmern mit schwer behandelbaren Depressionen. Das Ergebnis: Nach zehn Wochen zeigte die Verumgruppe einen Vorteil von 2,7 Punkten auf der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) gegenüber Placebo.
Besonders profitierte eine Untergruppe: Patienten, die zusätzlich selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) einnahmen, verbesserten sich um 4,2 MADRS-Punkte. Die Forscher betonen: Die Besserung der depressiven Symptome hing nicht mit kognitiven Effekten zusammen. Das deutet auf einen eigenständigen Wirkmechanismus hin. Der Wirkstoff galt in der Studie als sicher und gut verträglich.
Ketamin: Ein alter Bekannter mit neuen Geheimnissen
Parallel dazu liefert die Grundlagenforschung neue Einblicke in ein etabliertes Mittel: Ketamin. Eine Studie in Translational Psychiatry untersuchte den Einfluss der Substanz auf Signalwege im Mäusegehirn.
Die Forscher fanden heraus: Eine Dosis von 10 mg/kg Ketamin kehrt depressionsähnliches Verhalten um, indem es einen bestimmten Signalweg (CX3CL1/CX3CR1) hemmt. Die Folge: verbesserte synaptische Plastizität. Blockierten die Wissenschaftler diesen Signalweg künstlich, blieb die Wirkung aus. Das macht den Weg zu einer möglichen Zielstruktur für präzisere Therapien.
Psychische Erkrankungen sind erstmals der häufigste Grund für Krankschreibungen – mit 184 Fehltagen pro 100 Versicherten. Gleichzeitig gefährden Lieferengpässe bei Psychopharmaka und weniger Therapieplätze die Behandlung. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie als Arbeitgeber gegensteuern: mit einer Checkliste für betriebliche Gesundheitsförderung, einem Leitfaden zum Umgang mit Lieferengpässen und einer Übersicht neuer Therapieoptionen. Jetzt kostenlosen HR-Leitfaden anfordern
Lieferengpässe: Jede dritte kritische Lücke betrifft Psychopharmaka
Doch während die Forschung voranschreitet, zeigt die Versorgungslage ein düsteres Bild. In Österreich fehlten im Juli 2026 rund 74.000 Medikamentenpackungen. Besonders betroffen: Psychopharmaka. Fast ein Drittel der als lieferkritisch eingestuften Wirkstoffe betrifft Medikamente für das Nervensystem.
Bereits im April 2025 hatte Österreich eine viermonatige Lagerhaltung für die umsatzstärksten Präparate vorgeschrieben. Die Lage bleibt angespannt. Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind jährlich auf Psychopharmaka angewiesen. Ein kurzfristiger Wechsel des Medikaments ist bei psychischen Erkrankungen oft medizinisch riskant.
Psychische Erkrankungen sind jetzt der häufigste Grund für Krankschreibungen
Während die Forschung mit Xanamem und Ketamin neue Wege gegen Depressionen findet, verschärft das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Versorgungskrise. Für HR-Verantwortliche heißt das: längere Ausfallzeiten und höhere Belastung der Teams. Unser Report liefert konkrete Handlungsempfehlungen – von der Früherkennung bis zur Wiedereingliederung. Report jetzt kostenlos anfordern
Die Brisanz wird durch neue Arbeitsmarktdaten unterstrichen. Ein Bericht der DAK-Gesundheit zeigt: Psychische Erkrankungen waren im ersten Halbjahr 2026 erstmals die häufigste Ursache für Krankschreibungen in Deutschland. Mit 184 Fehltagen pro 100 Versicherten stieg die Zahl um neun Prozent – während Atemwegserkrankungen deutlich zurückgingen.
Gleichzeitig verschärfen politische Weichenstellungen die Lage. Das am 10. Juli 2026 verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz strich unter anderem Zuschläge auf psychotherapeutische Leistungen. Fachleute befürchten längere Wartezeiten und weniger Therapieplätze. Eine Studie des IGES-Instituts warnt zudem vor einem langfristigen Hausärztemangel: Bis 2040 könnten über 12.000 Hausarztsitze unbesetzt bleiben – das würde die primärmedizinische Betreuung psychisch Erkrankter zusätzlich gefährden.
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