Psychische Erkrankungen: Erstmals führend bei Krankschreibungen
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 16:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Struktur der krankheitsbedingten Fehlzeiten in Deutschland durchläuft einen signifikanten Wandel. Daten der DAK-Gesundheit für das erste Halbjahr 2026 verdeutlichen, dass psychische Diagnosen erstmals die Statistik der Krankschreibungen anführen.
Mit einem allgemeinen Krankenstand von 5,3 Prozent unter den rund 2,2 Millionen versicherten Beschäftigten der Kasse zeigt sich eine deutliche Verschiebung der Krankheitsbilder.
Während die psychischen Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9 Prozent zunahmen, verzeichneten Atemwegserkrankungen einen Rückgang um 21 Prozent. Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung stieg in diesem Zeitraum leicht von 9,5 auf 9,7 Tage an.
Wirtschaftliche Belastung durch Lohnfortzahlungen
Parallel zu der Entwicklung der Krankheitsarten steigen die finanziellen Aufwendungen für die Arbeitgeber massiv an. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beliefen sich die Kosten für die Lohnfortzahlung im Jahr 2025 auf insgesamt 85,6 Milliarden Euro. Diese Summe setzt sich aus 72,5 Milliarden Euro an Bruttoentgelten und 13,1 Milliarden Euro an Sozialbeiträgen zusammen.
Im Vergleich zum Jahr 2020 entspricht dies einem Zuwachs von 21 Milliarden Euro oder rund 33 Prozent. Bereits im Jahr 2024 hatten die Kosten mit 81,2 Milliarden Euro ein hohes Niveau erreicht. Langfristig betrachtet haben sich die Ausgaben seit 2010, als sie noch bei 36,9 Milliarden Euro lagen, mehr als verdoppelt.
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Das IW führt diesen Anstieg auf mehrere Faktoren zurück. Neben den gestiegenen Löhnen – der Nominallohnindex kletterte von 81,4 auf 100 Punkte, was einem Plus von 23 Prozent entspricht – spielt die gestiegene Zahl der Beschäftigten eine Rolle. Die Anzahl der Arbeitnehmer wuchs von 33,3 Millionen auf 34,9 Millionen an.
Zudem belasten eine alternde Belegschaft und ein generell hohes Krankenstandsniveau die Bilanzen. Laut Daten des BKK Dachverbandes lag der Krankenstand im Jahr 2025 bei 5,83 Prozent, nach 5,90 Prozent im Jahr zuvor. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) registrierte für das Jahr 2025 durchschnittlich 23,3 Fehltage pro AOK-Versicherten.
Besonderheiten psychischer Erkrankungen im Ausfallgeschehen
Obwohl psychische Erkrankungen quantitativ weniger als 5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle (AU-Fälle) ausmachen, ist ihr Einfluss auf das gesamte Ausfallgeschehen überproportional groß. Laut IW-Analysen verursachen diese Diagnosen 13 Prozent aller Ausfalltage. Dies liegt vor allem an der langen Dauer der einzelnen Fälle.
Generell prägen Kurzzeiterkrankungen das Bild: 69 Prozent aller AU-Fälle dauern maximal eine Woche. Demgegenüber stehen Langzeiterkrankungen, die mehr als vier Wochen andauern. Diese machen zwar nur 5,8 Prozent der Fälle aus, sind jedoch für 40 Prozent der gesamten AU-Tage verantwortlich. Diese statistische Schieflage wird auch durch die seit 2022 flächendeckend eingeführte elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) präziser erfasst, da auch Kurzerkrankungen systematischer in die Datenbanken einfließen.
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Regionale Unterschiede und politische Debatten
Regionale Auswertungen für das erste Halbjahr 2026 stützen den Trend der hohen Fehlzeiten, zeigen aber leichte Rückgänge auf hohem Niveau. Bei der AOK Rheinland-Pfalz sank der Krankenstand von 6,7 Prozent im Vorjahr auf 6,4 Prozent. Die Versicherten fehlten dort im Schnitt 11,6 Tage.
Atemwegserkrankungen machten hier 25 Prozent der Fälle aus, während Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 20,5 Prozent den größten Anteil an den AU-Tagen hatten, gefolgt von Atemwegen (13,5 Prozent) und psychischen Leiden (12,9 Prozent). In Thüringen lag der Krankenstand bei der AOK PLUS mit 7,4 Prozent deutlich höher, wobei auch hier Atemwegserkrankungen mit 24,9 Prozent der Fälle dominierten.
Angesichts der hohen Kosten und Fehlzeiten werden verschiedene politische Gegenmaßnahmen diskutiert. Eine Verpflichtung zur Vorlage eines ärztlichen Attests ab dem ersten Krankheitstag gilt jedoch als umstritten. Der IW-Ökonom Pimpertz erwartet von einer solchen Regelung kaum Verhaltensänderungen bei den Beschäftigten.
Auch Arbeitsministerin Bas äußerte Zweifel an der Wirksamkeit einer Attestpflicht ab Tag eins. Als alternativer Ansatz wurde von dem FDP-Politiker Kubicki ein Anwesenheitsbonus ins Gespräch gebracht. Eine dazu herangezogene Untersuchung lieferte jedoch kontraintuitive Ergebnisse: In einem untersuchten Szenario erhöhte ein Geldbonus die Fehlzeiten um 5,4 Tage pro Jahr.
