Psychische Belastung: Unternehmen lassen Prävention oft aus, 54 Prozent ohne Konzept
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 01:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie psychische Belastung im Arbeitsalltag rückt zunehmend in den Mittelpunkt europäischer Arbeits- und Gesundheitsschutzinitiativen. Vor dem Hintergrund steigender Fehlzeiten und hoher volkswirtschaftlicher Folgekosten haben die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) und die Europäische Kommission die Europäische Woche für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2026 vom 19. bis 24. Oktober ausgerichtet. Damit verbunden ist der Start der mehrjährigen Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze – Gemeinsam für psychische Gesundheit bei der Arbeit 2026–2028“, die nach ihrem Auftakt am 13. Oktober 2026 in Brüssel auf die gezielte Prävention psychosozialer Risiken am Arbeitsplatz fokussiert.
Hohe Belastungsquoten und erhebliche wirtschaftliche Schäden
Erhebungen der EU-OSHA zeigen das Ausmaß der Problematik: Fast die Hälfte der Beschäftigten in der Europäischen Union, konkret 45 Prozent, ist an ihrem Arbeitsplatz Risiken für die psychische Gesundheit ausgesetzt. Rund 29 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa leiden demnach infolge ihrer beruflichen Tätigkeit unter Stress, Angstzuständen oder Depressionen.
Die wirtschaftlichen Verluste durch psychische Störungen summieren sich innerhalb der EU auf jährlich über 100 Milliarden Euro. Nach Angaben von EU-Kommission und EU-OSHA weisen 85 Prozent der psychisch bedingten Ausfälle einen direkten Bezug zur Arbeit auf.
Dennoch bleiben betriebliche Gegenmaßnahmen bislang lückenhaft: Lediglich 45 Prozent der Beschäftigten in der EU werden überhaupt systematisch zu betrieblichen Stressfaktoren befragt. Zudem setzen 54 Prozent der Unternehmen keine spezifischen Konzepte zur Bewältigung psychischer Belastungen um.
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Dramatischer Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten
Die Relevanz präventiver Strukturen verdeutlichen auch nationale Krankenkassendaten. Laut dem Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), an dem unter anderem der emeritierte Universitätsprofessor Bernhard Badura als Autor mitwirkte, stiegen die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten Beschäftigten innerhalb von zehn Jahren um knapp 42 Prozent. Während 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder verzeichnet wurden, kletterte dieser Wert im Jahr 2025 auf 403 Tage.
Auffällig ist vor allem die lange Ausfalldauer. Im Jahr 2025 registrierte das WIdO bei psychischen Erkrankungen 14,1 Fälle je 100 Mitglieder mit einer durchschnittlichen Erkrankungsdauer von 28,5 Tagen pro Fall. Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen lagen 80,3 Fälle je 100 Mitglieder vor, die Fehlzeit betrug jedoch im Schnitt nur 5,7 Tage.
Bei reinen Burnout-Diagnosen betrug das Plus an Ausfalltagen seit 2016 sogar 77 Prozent – von 11,0 Tagen je 100 AOK-Mitglieder im Jahr 2016 auf 19,5 Tage im Jahr 2025. Diese Entwicklung schlägt sich finanziell nieder: Die Krankengeldausgaben erreichten 2025 eine Summe von 21,6 Milliarden Euro und machten damit 6,1 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aus, verglichen mit 11,2 Milliarden Euro und 5,2 Prozent vor zehn Jahren.
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Betriebliche Programme und europäische Werkzeuge
Die europäische Kampagne zielt darauf ab, Arbeitgeber, Beschäftigte und Sozialpartner zum Austausch bewährter Methoden zu bewegen. Parallel dazu greifen Mitgliedsstaaten und Träger die Thematik mit eigenen Initiativen auf.
In Deutschland startete die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) eine bis zum 15. Dezember 2026 angelegte anonyme Online-Befragung zur psychischen Gesundheit in Kindertagesstätten, der in den Folgejahren weitere Branchen des Sozial- und Gesundheitswesens folgen sollen.
Auf europäischer Ebene stellt unter anderem der belgische Focal Point von EU-OSHA über die Plattform BeSWIC das kostenfreie Online-Risikoanalysetool OiRA zur Erfassung psychosozialer Risiken bereit, um Unternehmen die Gefährdungsbeurteilung in der Praxis zu erleichtern.
