Psychische, Belastung

Psychische Belastung im Job: KKH zählt knapp 119 Krankentage je 100 Versicherte

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 12:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Krankenkassendaten zeigen mehr psychisch bedingte Ausfälle; besonders Softwareentwickler und junge Beschäftigte berichten von hoher Belastung.

Psychische Belastungen im Job: Fehlzeiten und Stress nehmen zu
Ein leerer, ruhiger Arbeitsplatz in einem minimalistischen Büro bei Dämmerlicht, der die Themen Stress und Erschöpfung symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Die Fehlzeiten infolge psychischer Belastungen im Berufsleben haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Wie Auswertungen der KKH Kaufmännischen Krankenkasse für das Jahr 2025 zeigen, summierten sich die Fehlzeiten wegen Belastungsreaktionen und Angststörungen auf knapp 119 Krankentage je 100 Versicherte.

Im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei rund 112 Tagen, während er im Jahr 2017 lediglich 66 Tage betrug. KKH-Ärztin Aileen Könitz verwies darauf, dass neben allgemeinen Arbeitsbelastungen auch moderne Arbeitsweisen und unklare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit als Stressfaktoren wirken. Vor diesem Hintergrund sprach sie sich für klare Arbeits- und Ruhezeiten aus.

Regionale Entwicklungen und bundesweite Befunde

Ähnliche Tendenzen zeigen Daten weiterer Krankenkassen. Nach der DAK-Krankenstandsanalyse für das erste Halbjahr 2026 stiegen die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen in Schleswig-Holstein im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 um 15 Prozent.

Die Fehltage je 100 Beschäftigte kletterten dabei von 187 auf 214. Als Datenbasis dienten rund 111.000 berufstätige DAK-Versicherte in diesem Bundesland. Claudia Buengeler hob hervor, dass psychisch bedingte Ausfälle im Schnitt rund einen Monat andauern.

Während eine unterstützende, klare und wertschätzende Führung das Wohlbefinden stärken könne, führten anhaltende Überforderung, destruktive Führungsansätze und fehlende Erholung zu massiven Belastungen.

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene spiegeln sich diese Tendenzen in Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI) wider. In einer RKI-Befragung aus dem Jahr 2024 berichteten rund 22 Prozent der Erwachsenen über depressive Symptome. Rund 28 Prozent schätzten ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht ein, verglichen mit lediglich rund 11 Prozent, die es als eher gut bewerteten.

Anzeige

Wenn die Anforderungen im Job steigen, ist eine gute Balance zwischen Beruf und Privatleben entscheidend für die langfristige Gesundheit. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit im stressigen Berufsalltag. Work-Life-Balance E-Book jetzt kostenlos herunterladen

Für das Jahr 2023 wies das RKI ambulante Diagnosen depressiver Störungen bei etwa 17 Prozent aus. Seit dem Jahr 2020 zeigen RKI-Umfragen eine Zunahme depressiver und Angstsymptome. Besonders betroffen sind junge Erwachsene sowie speziell junge Frauen; überdies treten depressive Symptome gehäuft bei Menschen mit niedrigem Einkommen oder ohne höheren Bildungsabschluss auf.

Hohe Belastungen im Tech-Sektor und bei Nachwuchskräften

Spezifische Berufsgruppen stehen unter erheblichem Transformationsdruck. In der Umfrage „State of Devs 2026“ von Devographics, die zwischen dem 5. Juli und dem 5. September 2026 unter 5.463 Softwareentwicklern erhoben wurde, gaben die Befragten an, dass im Median 63 Prozent ihres Codes aus Werkzeugen der künstlichen Intelligenz stammen; 83 Prozent arbeiten in Firmen, die den Einsatz von KI fördern.

Gleichzeitig berichteten 66 Prozent von einer sinkenden Motivation, und 62 Prozent kennen Burnout aus dem eigenen Berufsleben. Nur 23 Prozent konstatierten durch KI eine verbesserte psychische Verfassung, während 46 Prozent dem widersprachen; 42 Prozent hielten einen unfreiwilligen Jobwechsel innerhalb von fünf Jahren für wahrscheinlich.

Zugleich trifft der Stress vermehrt den Berufsnachwuchs. Laut einer Jugendtrendstudie unter über 2000 Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren fühlte sich im Jahr 2025 mehr als ein Drittel durch Arbeitsstress ausgebrannt – unter den über 50-Jährigen lag der Anteil bei 18 Prozent.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit kletterte die Jugendarbeitslosigkeit 2025 auf 6,1 Prozent und markierte damit den höchsten Stand seit zehn Jahren.

Eine Auswertung von Indeed belegte zudem, dass Stellenangebote für Berufseinsteiger seit ihrem Höchststand im Jahr 2022 um zwei Drittel einbrachen, während das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelte, dass die Erwerbsquote der 20- bis 24-Jährigen zwischen 2015 und 2025 um 7,1 Prozentpunkte auf 76,8 Prozent anzog.

Führungsverhalten und Reformansätze im Betrieb

Auch abseits offensichtlicher Krisen bleiben Belastungen oft unbemerkt. Der Psychiater Ulrich Hegerl legte dar, dass auch leistungsfähige Beschäftigte schwer depressiv sein können. Der Begriff der hochfunktionalen Depression sei zwar keine eigenständige Diagnose, doch würden Depressionen trotz guter Behandelbarkeit häufig zu spät diagnostiziert.

Führungskräfte sollten bei Veränderungen das Gespräch suchen und bei Suizidgedanken nachhaken. Laut Statistiken aus Skandinavien liege die Lebenserwartung bei einer Depression durchschnittlich rund zehn Jahre niedriger.

Anzeige

Wer Verantwortung für Teams trägt, steht oft vor der Herausforderung, Motivation und psychische Gesundheit aktiv zu fördern. Erfahren Sie in diesem Gratis-E-Book, wie Sie durch psychologische Sicherheit echtes Vertrauen aufbauen und Ihr Team wirksam stärken. Kostenlosen Leitfaden zur Führungspsychologie sichern

Der Arbeits- und Organisationspsychologe Jan Dettmers betonte für 2025, dass nach acht Arbeitsstunden die Fehlerquote exponentiell ansteige und Unfälle zunähmen. Er empfahl Blöcke von 45 bis 60 Minuten konzentrierter Arbeit mit anschließenden Pausen. Heimliche Auszeiten, sogenannte „Soft Off Days“, seien nicht auf die Generation Z beschränkt, sondern oft ein Anzeichen für missbräuchliche Führung oder dauerhafte Überlastung.

Im gesamten Jahr 2025 lag der allgemeine Krankenstand bei etwa 19 Tagen je Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer, was auch mit der lückenloseren digitalen Erfassung über die 2022 eingeführte elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zusammenhängen könnte.

Unterdessen forderte die Techniker Krankenkasse für das Jahr 2026, betriebliche Gesundheitsförderung vermehrt an gesunder Führung und Arbeitsbedingungen auszurichten. Vor monetären Anwesenheitsprämien wurde gewarnt, da diese das Risiko von Präsentismus steigern und das Arbeitsklima schädigen können.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70232325 |