Psychische, Belastung

Psychische Belastung: Fälle in 10 Jahren vervierfacht, 516.000 Ausfalltage

Veröffentlicht am: 14.08.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Überstunden und Fristdruck gefährden die mentale Gesundheit in Steuerkanzleien. Krankenkassen melden einen deutlichen Anstieg psychischer Diagnosen.

Steuerkanzleien: Psychische Belastung erreicht kritische Grenze
Ein erschöpfter Mann sitzt an einem Schreibtisch in einem Steuerbüro und wirkt nachdenklich. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Arbeitsbelastung in Steuerkanzleien hat ein Niveau erreicht, das zunehmend die psychische Gesundheit der Beschäftigten gefährdet. Aktuelle Analysen der Psychologin Ann-Katharin Lorenzen (LOR Mental Health) identifizieren eine Kombination aus extremen Arbeitszeiten von 50 bis 60 Wochenstunden, anhaltendem Fristendruck sowie den Herausforderungen durch Digitalisierung und Fachkräftemangel als zentrale Belastungsfaktoren. Diese Entwicklung spiegelt sich in branchenübergreifenden Statistiken wider, die eine signifikante Zunahme psychischer Belastungsreaktionen belegen.

Belastungsprofil und Produktivitätsgrenzen

In vielen Kanzleien gehören Überstunden zur Routine. Laut Erkenntnissen vom August 2026 sind es vor allem der hohe Zeitdruck und die Personalknappheit, die das Burnout-Risiko erhöhen. Der Arbeitszeitexperte Ufuk Altun vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Produktivität nicht linear mit der Arbeitszeit steige.

Vielmehr sei ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeitszeit, Pausen und Flexibilität entscheidend. Statistiken für das Jahr 2024 verdeutlichen die Problematik: In diesem Zeitraum arbeiteten knapp 25 Prozent der Vollzeit-Führungskräfte mehr als 48 Stunden pro Woche.

Solche überlangen Arbeitszeiten führen laut Experten nicht nur zu einer höheren Fehlerquote, sondern verschärfen auch den Fachkräftemangel, da die Attraktivität der Berufsfelder sinkt. Während Betriebe, die ihre Arbeitszeit um 11 Prozent senkten, oft keine Leistungseinbußen verzeichneten, bleibt der Druck in spezialisierten Dienstleistungssektoren wie der Steuerberatung hoch.

Warnsignale und Präventionsstrategien im Kanzleialltag

Ein kritisches Phänomen in der Branche ist der Präsentismus – das Arbeiten trotz Krankheit. Umfragen der Arbeiterkammer (AK) Stilling deuten darauf hin, dass neun von zehn Beschäftigten krank zur Arbeit erscheinen. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sieht darin ein massives Problem und fordert neben besseren Arbeitsbedingungen auch einen verstärkten Kündigungsschutz im Krankheitsfall.

Ann-Katharin Lorenzen nennt konkrete Warnsignale für eine drohende Überlastung in Kanzleiteams: Dazu zählen eine steigende Fluktuation, häufige Kurzkrankenmeldungen und der bereits erwähnte Präsentismus. Zur Prävention empfiehlt die Expertin strukturierte Maßnahmen wie:

  • Regelmäßige Fürsorgegespräche und Team-Check-ins.
  • Etablierung klarer Teamregeln für die Zusammenarbeit.
  • Bereitstellung von Coaching-Budgets für Mitarbeiter.
  • Einführung verbindlicher Ruhezeiten, etwa durch einen Verzicht auf E-Mails nach 18 Uhr.
Anzeige

Wer im Berufsalltag unter ständigem Zeitdruck steht, läuft Gefahr, die eigene Belastungsgrenze zu überschreiten. Dieser kostenlose Ratgeber unterstützt Sie mit 5 Sofortmaßnahmen dabei, Stress zu reduzieren und eine gesunde Balance wiederzufinden. Work-Life-Balance E-Book kostenlos herunterladen

Geschlechtsspezifische Symptomatik und gesellschaftliche Trends

Untersuchungen zu traditioneller Männlichkeit, wie sie Mitte August 2026 im Kontext einer Studie aus Andalusien thematisiert wurden, zeigen, dass psychisches Leiden bei Männern oft anders in Erscheinung tritt als bei Frauen.

Statt emotionaler Ausdrucksfähigkeit stünden häufig Reizbarkeit, sozialer Rückzug und Alkoholmissbrauch im Vordergrund. Programme wie das seit 2016 bestehende GRUSE-Projekt zeigen jedoch, dass gezielte Unterstützung das Hilfe-Such-Verhalten und die Lebenszufiederheit verbessern kann.

Die globale Relevanz wird durch Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstrichen, wonach einer von acht Menschen weltweit von einer psychischen Störung betroffen ist.

Statistische Entwicklung der psychischen Belastungen

Die Krankenkassen verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Diagnosen. Die AOK Sachsen-Anhalt berichtete für das Jahr 2025 von 22.100 Fällen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen unter ihren 854.000 Versicherten.

Im Vergleich zum Jahr 2015, als noch 4.160 Fälle registriert wurden, entspricht dies einer Steigerung um den Faktor vier. Die damit verbundenen Ausfalltage stiegen im gleichen Zeitraum von 110.000 auf 516.000 Tage.

Aktuelle Daten der AOK Rheinland/Hamburg für das erste Halbjahr 2026 bestätigen diesen Trend: Während der allgemeine Krankenstand mit 7,04 Prozent leicht unter den Werten der Vorjahreszeiträume lag (H1 2025: 7,22 Prozent; H1 2024: 7,30 Prozent), stieg der Anteil psychischer Erkrankungen um 7,0 Prozent an.

Anzeige

Um die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz langfristig zu sichern, ist das frühzeitige Erkennen von Überlastungssignalen für Arbeitgeber und Verantwortliche essenziell. Nutzen Sie diese praxiserprobten Vorlagen und Checklisten, um Belastungen rechtssicher zu dokumentieren und präventiv zu handeln. Kostenloses Paket zur Gefährdungsbeurteilung sichern

Auch der Langzeitkrankenstand von mehr als 42 Tagen erhöhte sich leicht auf 1,76 Prozent. In Österreich lagen die Krankenstandstage pro Beschäftigtem im Jahr 2025 bei durchschnittlich 14,7 Tagen, was einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr (15,1 Tage) darstellt.

Besonders belastet zeigen sich Arbeitnehmer im Schichtdienst. Im Jahr 2025 arbeiteten rund 14,6 Prozent der deutschen Erwerbstätigen – etwa 6 Millionen Menschen – im Schichtbetrieb. Nur 23 Prozent dieser Gruppe bewerteten ihre Gesundheit als sehr gut oder ausgezeichnet, während dieser Wert bei Beschäftigten ohne Schichtdienst bei 34 Prozent lag. Bei Nachtdiensten gaben lediglich 19 Prozent der Befragten an, beschwerdefrei zu sein.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 69951263 |