Psychische Belastung: 83 % arbeiten trotz mentaler Erschöpfung weiter
Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
**Analysen aus dem Jahr 2026 verdeutlichen die wachsende Bedeutung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz. Dabei rückt insbesondere die Rolle von Führungskräften in den Fokus, die sowohl als Belastungsfaktor als auch als zentrale Akteure der Prävention identifiziert werden.
Aktuelle Erhebungen wie die Mavie Stress-Studie 2026 zeigen eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Belastungsempfinden der Beschäftigten und der Kommunikation innerhalb der Unternehmen.**
Psychische Belastung und das Phänomen des Präsentismus
Die Ergebnisse der Mavie Stress-Studie 2026 zeichnen ein deutliches Bild der aktuellen Arbeitssituation: Demnach geben 83 % der befragten Personen an, trotz mentaler Erschöpfung ihrer Arbeit nachzugehen. Dieser ausgeprägte Präsentismus wird durch internationale Studien gestützt, die das Ausmaß auf durchschnittlich 57,5 Tage pro Jahr beziffern. Ein Drittel der Betroffenen arbeite demnach weiter, um keine Schwäche zu zeigen.
Der Stresslevel wird von 67 % der Befragten als oft oder sehr oft hoch eingestuft. Besonders betroffen zeigen sich Frauen mit 73 %, während bei Männern 61 % von häufigem Stress berichten. Als Hauptursache wird für 37 % der Befragten die Arbeit selbst genannt, gefolgt von einem weiteren Anteil von 23 %, die berufliche Faktoren an zweiter Stelle sehen. Zudem gaben 40 % an, aufgrund von finanziellem Druck trotz Belastungen weiterzuarbeiten.
Das Führungsverhalten als Stressmultiplikator
Führungskräfte nehmen in diesem Gefüge eine ambivalente Rolle ein. Laut der Mavie-Studie erleben 56 % der Beschäftigten ihre Vorgesetzten als sichtbar gestresst. Diese Beobachtung hat direkte Auswirkungen auf die Belegschaft: 32 % berichten von sinkender Motivation, 19 % von schlechterer Konzentration und 20 % denken infolge des wahrgenommenen Stresses ihrer Führungskraft über einen Jobwechsel nach.
Gleichzeitig besteht eine erhebliche Barriere in der Kommunikation über psychische Probleme. Rund 75 % der Befragten sprechen nicht über entsprechende Belastungen; 42 % befürchten negative Konsequenzen für ihre Karriere.
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Nur 30 % würden sich an ihre Vorgesetzten wenden, während 27 % angaben, eher eine künstliche Intelligenz zu konsultieren. Die Mehrheit von 82 % sucht Unterstützung vorrangig im privaten Umfeld, während lediglich 14 % professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Ökonomische Folgen und Rekrutierungsrelevanz
Die wirtschaftliche Dimension psychischer Erkrankungen bleibt erheblich. Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft für das Jahr 2024 beziffern die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf rund 82 Milliarden Euro, bei durchschnittlich 22,3 Fehltagen je Beschäftigten. Die Barmer in Zwickau meldete für denselben Zeitraum 23,8 Krankheitstage. In Nordrhein-Westfalen stiegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen im ersten Halbjahr 2026 um 9 %.
Diese Entwicklung beeinflusst zunehmend die Mitarbeitergewinnung. Laut der „Great Employee Benefits Study 2026“ würden 39 % der Bewerber einen Job aufgrund eines unzureichenden Benefit-Pakets ablehnen; in der Generation Z liegt dieser Wert bei 54 %. Zudem sehen 54 % der Befragten in der Mavie-Studie die Förderung der mentalen Gesundheit als ein wesentliches Kriterium bei der Jobsuche an.
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Strategien und präventive Ansätze
Um den Herausforderungen zu begegnen, verweisen Experten auf internationale Standards wie die ISO 45003 aus dem Jahr 2021, die ein Management psychosozialer Risiken im Arbeitssystem empfiehlt. Bereits im Jahr 2019 erkannte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Burnout als „occupational phenomenon“ an, das durch Erschöpfung, Distanzierung und verringerte Effizienz gekennzeichnet ist.
Moderne Management-Ansätze setzen vermehrt auf sogenannte „Power Skills“. Das Project Management Institute (PMI) betont im Jahr 2026 die Bedeutung von Kommunikation und kollaborativer Führung. Projektmanager seien angehalten, Kapazitäten vor Zusagen kritisch zu prüfen und klare Erreichbarkeitskriterien zu definieren.
In der praktischen Anwendung werden auch prominente Führungsbeispiele analysiert. Der Leadership-Experte Roman Briker von der WHU untersuchte den Stil des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp und hob dabei Zuversicht, Ehrlichkeit und Humor als erlernbare Führungstechniken hervor. Solche Ansätze könnten dazu beitragen, die Identifikation zu stärken und das Stressniveau in Teams zu senken.
Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen zudem spezifische Angebote zur Verfügung. So wurde im Juli 2026 ein digitales Portal des BGF-Koordinierungsbüros freigeschaltet, um die betriebliche Gesundheitsförderung zu unterstützen.
Auch politische Akteure wie die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach werben für einen offeneren Umgang mit psychischen Belastungen, insbesondere vor dem Hintergrund steigender Suizidzahlen, die im Jahr 2024 deutschlandweit bei rund 10.370 Fällen lagen.
Mehr zum Thema bei DER STANDARD: „83 Prozent der Angestellten gehen trotz Erschöpfung arbeiten - Karriere“
