Proteinangaben: Neue Faktoren senken berechnete Werte um bis zu 20 Prozent
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 01:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Verlässlichkeit von Nährwertangaben und Gesundheitsversprechen steht zunehmend im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Forschungsinstitute und Experten betonen die Notwendigkeit, herkömmliche Berechnungsmethoden sowie Marketingaussagen kritisch zu hinterfragen, um Verbrauchern eine fundierte Grundlage für bewusste Ernährungsentscheidungen zu ermöglichen.
Aktuelle Daten weisen darauf hin, dass insbesondere bei Proteinangaben und ökologischen Werbeversprechen erhebliche Abweichungen zwischen deklarierten Werten und der tatsächlichen Zusammensetzung bestehen können.
Neue Standards bei der Berechnung von Proteingehalten
Ein Konsortium bestehend aus dem Max Rubner-Institut (MRI), EuroFIR, der TU München und der Universität Bonn hat eine neue Datenbank für Stickstoff-zu-Protein-Umrechnungsfaktoren (NCF), die sogenannten NiCE-Factors, veröffentlicht.
Die in der Fachzeitschrift Food Chemistry publizierten Ergebnisse legen nahe, dass die seit rund 200 Jahren pauschal genutzte Umrechnungszahl von 6,25 wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist. Die neu ermittelten Faktoren liegen stattdessen in einem Bereich von 5,0 bis 5,9.
Diese Anpassung führt dazu, dass die berechneten Proteingehalte je nach Lebensmittelgruppe um etwa 5 bis 20 Prozent niedriger ausfallen als bisher angenommen. Da der Faktor 6,25 weltweit als Grundlage für die Lebensmittelinformationsverordnung, nationale Nährstoffdatenbanken sowie für die Ableitung von Zufuhrempfehlungen dient, warnen Experten vor systematischen Verzerrungen in der bisherigen Datenlage.
Ungenauigkeiten bei Lebensmittelkennzeichnungen und Ersatzstoffen
Berichten zufolge basieren Proteinangaben auf Verpackungen vielfach auf Verfahren aus dem 19. Jahrhundert, was zu unpräzisen Werten führen kann. So weisen etwa Haselnüsse 16,3 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm auf, während bei Sardinen 23 Gramm, bei Nudeln 14 Gramm und bei Joghurt 4,8 Gramm verzeichnet werden. Fachleute empfehlen als Richtwert für die tägliche Proteinzufuhr eine menge von mindestens 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Wer sich mit Nährstoffangaben und der eigenen Ernährung befasst, sollte auch die Auswirkungen auf den Körper im Blick behalten. Dieser kostenlose Report erklärt, welche Blutwerte wirklich wichtig sind und wie man Vitalstoffmängel frühzeitig erkennt. Laborwerte-Selbstcheck: Jetzt kostenlosen PDF-Report sichern
Eine Studie der Cornell University aus dem Jahr 2026, die rund 150.000 Produkte in US-Supermärkten analysierte, verdeutlicht zudem die Problematik von Ersatzstoffen. Lebensmittel, die als zucker- oder fettreduziert beworben wurden, enthielten demnach oft ungesündere Alternativen wie erhöhte Mengen an Natrium oder anderen Zuckerarten.
Während in Deutschland der Nutriscore als freiwilliges System existiert, fehlt in den USA bislang ein vergleichbares Hinweissystem zur schnellen Bewertung des Nährstoffprofils.
Strenge Regeln für Umweltaussagen und Verbraucherschutz
Seit dem 27. September 2026 gelten innerhalb der EU verschärfte Bestimmungen für Umweltaussagen durch die EmpCo-Richtlinie. Allgemeine Begriffe wie „umweltfreundlich“ sind seither nur noch zulässig, wenn sie durch anerkannte Nachweise, etwa die Energieeffizienzklasse A oder ISO-zertifizierte Siegel, belegt werden können.
Werbebehauptungen zur „Klimaneutralität“, die ausschließlich auf CO2-Kompensationszertifikaten basieren, wurden untersagt. Ankündigungen über künftige Nachhaltigkeitsziele müssen zudem durch konkrete und unabhängig geprüfte Umsetzungspläne untermauert werden.
Parallel dazu warnen Behörden wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vor illegalen Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Onlinehandel. Insbesondere Lithiumverbindungen, die als nicht sichere Lebensmittel oder nicht zugelassene Arzneimittel eingestuft werden, bergen erhebliche Gesundheitsrisiken bis hin zur Lithiumvergiftung.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beobachtet zudem, dass Influencer den Markt für Supplemente stark forcieren, wobei laut Umfragen 77 Prozent der Befragten mindestens ein solches Präparat einnehmen.
Nicht nur bei Supplementen, sondern auch bei der täglichen Ernährung können versteckte Entzündungstreiber die Gesundheit belasten. Erfahren Sie in diesem Ratgeber, welche 12 Lebensmittel als natürliche Entzündungs-Killer wirken und wie Sie Erschöpfung sanft lindern können. Gratis-Ratgeber zur entzündungshemmenden Ernährung hier herunterladen
Gesundheitliche Aspekte spezieller Ernährungsformen
Experten wie Peter Hasselblatt vom Universitätsklinikum Freiburg betonen, dass spezielle Diäten wie eine glutenfreie Ernährung für gesunde Menschen keinen nachweisbaren Vorteil bieten. Während der Verzicht bei Zöliakie essenziell ist, riskieren Gesunde eine einseitige Nährstoffzufuhr sowie eine höhere Belastung durch Fett, Zucker oder Schwermetalle in Ersatzprodukten.
Auch im Bereich der Stoffwechselforschung werden neue Erkenntnisse diskutiert. Auf einer Fachtagung des VDBD im September 2026 wurden Studien vorgestellt, die zwischen „sparsamen“ und „verschwenderischen“ Stoffwechseltypen unterscheiden.
Ein künftiger Biomarker könnte hier das Hormon FGF21 sein, welches Aufschluss über die Aktivierbarkeit des braunen Fettgewebes gibt. Diese Forschungsergebnisse sind jedoch noch nicht in der medizinischen Routineversorgung etabliert.
Qualität und Nachhaltigkeit in der Lebensmittelkette
Untersuchungen von Öko-Test zeigen zudem Qualitätsmängel bei Fleischprodukten auf. In einem Test waren 14 von 23 Hähnchenbrustfilets mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Während einige Bio-Produkte unauffällig blieben, wurden bei anderen Marken bedenkliche Belastungen festgestellt. Ein Rückgang des Antibiotikaverbrauchs in der Tierhaltung konnte für das Jahr 2024 über keine Wirkstoffklasse hinweg beobachtet werden.
Gleichzeitig bleibt die Reduzierung von Lebensmittelabfällen eine zentrale Herausforderung. In Österreich fallen jährlich über eine Million Tonnen genießbare Lebensmittel als Abfall an, wovon 54 Prozent in privaten Haushalten entstehen.
Forschungsprojekte der TU Berlin und von Slow Food Deutschland konnten zeigen, dass durch gezielte Dokumentation der Abfälle in Haushalten eine Reduktion der vermeidbaren Mengen um bis zu 27,1 Prozent erreicht werden kann.
