Protein-Boom, Wissenschaftler

Protein-Boom: Wissenschaftler kritisieren zu niedrige Empfehlungen

Veröffentlicht: 11.07.2026 um 15:32 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Angereicherte Lebensmittel boomen, doch Experten hinterfragen Nutzen und Preis. Der Markt für funktionale Ernährung bleibt für Investoren attraktiv.

Protein-Boom in Deutschland: Nachfrage steigt, Kritik wächst
Eine Anordnung von pflanzlichen Proteinquellen wie Tofu, Tempeh, Quinoa und Linsen, zusammen mit einem Proteinpulverbehälter. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Instantkaffee mit Extra-Eiweiß, Harzer Käse als „Quäse Protein“ oder Skyr-Joghurt, der regelmäßig ausverkauft ist – der deutsche Lebensmittelmarkt erlebt einen regelrechten Protein-Boom. Die Nachfrage nach angereicherten Produkten steigt rasant, während Wissenschaftler und Verbraucherschützer die tatsächlichen Vorteile infrage stellen.

Marketing-Turbo Protein

Die Kennzeichnung „Protein“ hat sich als echter Absatzbeschleuniger erwiesen. Eine Untersuchung von Nielsen IQ zeigt: Instantkaffee mit Protein-Auslobung verzeichnete ein Verkaufsplus von satten 427 Prozent. Besonders clever: Hersteller benennen traditionelle Produkte einfach um. Aus klassischem Harzer Käse wurde „Quäse Protein“ – bei identischer Rezeptur. Die Neupositionierung zielt gezielt auf gesundheitsbewusste und sportaffine Käufer.

Die hohe Nachfrage führt phasenweise zu Lieferengpässen, etwa bei Skyr-Joghurt. Gleichzeitig zeigt sich ein interessanter Gegentrend: Im Bereich der Fleischalternativen verlieren hochverarbeitete Produkte an Boden. In der Schweiz sank der Umsatz von Bio-Fleischimitaten zwischen 2022 und 2024 jährlich um 15 Prozent. Branchenbeobachter sehen einen Trend zum „Clean Eating“ – Verbraucher greifen lieber zu Tofu, Tempeh oder Seitan als zu stark verarbeiteten Ersatzprodukten.

Wie viel Protein braucht der Mensch wirklich?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt gesunden Erwachsenen 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Für Senioren ab 65 Jahren liegt der Wert bei 1,0 Gramm. Eine Ernährungswissenschaftlerin der DGE betont: Eine ausgewogene Ernährung deckt diesen Bedarf problemlos – spezielle High-Protein-Produkte seien meist überflüssig und teurer.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Ein Wissenschaftler der University of Cambridge veröffentlichte 2026 im Fachjournal „Frontiers in Nutrition“ eine Studie, die offizielle Empfehlungen als zu niedrig kritisiert. Sie würden lediglich einen Mangel verhindern, nicht aber die maximale Gesundheitsspanne fördern. Besonders für Ältere, Aktive oder Schwangere sei eine höhere Zufuhr sinnvoll, um etwa dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Einig sind sich die Fachleute immerhin: Der Proteinbedarf lässt sich auch rein pflanzlich decken – über Hülsenfrüchte, Getreide und Kartoffeln.

Neue Produkte, neue Technologien

Anzeige

Verwirrung über den tatsächlichen Proteinbedarf? Die offiziellen Empfehlungen gelten vielen Experten als zu niedrig – besonders für Erwachsene 40+. Unser kostenloser Guide liefert klare Richtwerte und zeigt, wie Sie Ihren Bedarf mit natürlichen Quellen decken. Jetzt Protein-Guide anfordern

Die Industrie reagiert mit Innovationen. Anfang Juli erweiterte das Berliner Food-Tech-Unternehmen vly sein Sortiment um vegane Joghurtdrinks mit 20 Gramm Protein pro Portion. In Frankfurt bereitet CTEA den Launch eines proteinangereicherten Kräutertees mit hydrolysiertem Collagen vor. Auf der Fachmesse „Tomorrow Eats“ im Sommer 2026 wurden Konzepte wie Protein-Pizza oder vegane Konzentrationskaugummis präsentiert.

Technologisch gewinnt die Trockenextrusion an Bedeutung. Eine Kooperation zwischen Crespel & Deiters und dem finnischen Partner Happy Plant Protein will texturiertes Pflanzenprotein aus heimischen Hülsenfrüchten wie Erbsen und Ackerbohnen industriell produzieren. Das Protein aus Ackerbohnen erreicht dabei Gehalte von bis zu 61 Gramm pro 100 Gramm. Diese Entwicklungen passen zum EU-Proteinplan, der den Anteil heimischer Proteine in der Tierfütterung bis 2035 auf 35 Prozent steigern will.

Vorsicht vor überzogenen Versprechen

Verbraucherschützer warnen vor zu hohen Erwartungen an bestimmte Inhaltsstoffe. Der Trend zum „Glow Coffee“ – Kollagenpulver im Kaffee – verspricht angeblich schöne Haut. Doch eine Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern stellt klar: Für eine hautverbessernde Wirkung durch aufgenommenes Kollagen gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Das Eiweiß werde wie jedes andere Protein verdaut, ein gezielter Transport in die Haut finde nicht statt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat hierfür keine gesundheitsbezogenen Werbeaussagen zugelassen.

Dazu kommt der Preis: High-Protein-Produkte sind oft deutlich teurer als herkömmliche Lebensmittel, ohne proportionalen ernährungsphysiologischen Mehrwert. Fachleute raten daher zu natürlichen Proteinquellen wie Linsen, Bohnen, Eiern oder Quark.

Anzeige

Angst vor Muskelschwund im Alter? Mit der richtigen Proteinzufuhr können Sie aktiv gegensteuern. Unser Report erklärt, warum die DGE-Empfehlungen oft nicht ausreichen und welche pflanzlichen Quellen wirklich helfen. Mehr über optimale Proteinversorgung erfahren

Investoren bleiben interessiert

Der Sektor der funktionalen Lebensmittel bleibt für Investoren attraktiv. Das Salzburger Unternehmen Biogena strebt aktuell einen Börsengang an – bei einer Unternehmensbewertung von 475 Millionen Euro. Das Unternehmen erwirtschaftete zuletzt rund 125 Millionen Euro Umsatz. Solche Kapitalmarktbewegungen zeigen: Die Branche rechnet mit langfristig stabilem Interesse an spezialisierter Ernährung – auch wenn der Fokus zunehmend von reiner Mengensteigerung hin zu Qualität und „Clean Label“-Konzepten wandert.

Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.

de | wissenschaft | 69745195 |