Prostatakrebs, Männer

Prostatakrebs: Über 70.000 Männer erkranken jährlich in Deutschland

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 18:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Niedrige Vorsorgequoten treffen auf kostenlose Kassenleistungen und Movember-Aktionen zu Krebsfrüherkennung und psychischer Gesundheit.
Ein heller, minimalistischer Behandlungsraum mit einer leeren Untersuchungsliege und natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Während des jährlichen Movember-Aktionsmonats im November rufen Gesundheitsbehörden, Mediziner und Krankenkassen verstärkt dazu auf, Angebote zur Früherkennung wahrzunehmen. Hintergrund dieser Initiativen ist die anhaltend verhaltene Inanspruchnahme präventiver Untersuchungen durch Männer, obwohl viele Angebote von den gesetzlichen Kassen getragen werden.

Geringe Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen

Regionale und bundesweite Daten verdeutlichen das Defizit bei der Inanspruchnahme von Präventionsangeboten. Nach Angaben der Krankenkasse AOK NordWest nimmt im Kreis Gütersloh nicht einmal jeder fÜnfte Mann die Krebsfrüherkennung in Anspruch.

Auch in anderen Regionen zeigt sich ein ähnliches Bild: In Mecklenburg-Vorpommern nutzen laut Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und der Landesgesundheitsministerin Stefanie Drese lediglich gut 44 % der anspruchsberechtigten Männer ab 35 Jahren den allgemeinen Gesundheits-Check-up, während die Quote bei Frauen bei rund 50 % liegt. Bundesweit nehmen Drese zufolge nur etwa 25 % der berechtigten Männer die Früherkennung von Prostata- und Genitalkrebs wahr.

In Deutschland erkranken jährlich über 70.000 Männer an Prostatakrebs. Studien belegen, dass weniger als die Hälfte der männlichen Bevölkerung regelmäßig zur Krebsvorsorge geht. Die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach wies anlässlich des Weltmännertags ebenfalls auf den Nachholbedarf hin.

Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik belegen für das Bundesland im Zeitraum von 2023 bis 2025 eine Lebenserwartung von 79,7 Jahren bei Männern gegenüber 84 Jahren bei Frauen. Das Krebsregister in Bayern erfasste für das Jahr 2024 rund 41.000 Krebsneuerkrankungen bei Männern und 35.000 bei Frauen.

Mit 12.946 Fällen stellte Prostatakrebs die häufigste Krebsneudiagnose bei Männern dar, gefolgt von Darmkrebs mit 4.496 und Lungenkrebs mit 3.810 Neuerkrankungen. Bei den krebsbedingten Todesfällen lag Lungenkrebs mit 3.074 Fällen an erster Stelle vor Prostatakrebs mit 2.153 und Darmkrebs mit 1.722 Verstorbenen.

Ursachen für Krankheitslast und Lebenserwartungsunterschiede

Die Diskrepanz bei der Lebenserwartung zeigt sich länderübergreifend. Eine Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung weist für Männer in Mecklenburg-Vorpommern eine durchschnittliche Lebenserwartung von 77 Jahren aus, was im Jahr 2025 bundesweit den vorletzten Platz bedeutete, während Frauen im Land 83,4 Jahre erreichen.

In Österreich leben Männer mit durchschnittlich 80 Jahren rund 4,5 Jahre kürzer als Frauen mit 84,5 Jahren. Bei mehr als 7.500 Neuerkrankungen pro Jahr ist Prostatakrebs auch in Österreich die häufigste Krebserkrankung bei Männern.

Laut einer Untersuchung eines internationalen Forscherteams in der Fachzeitschrift The Lancet fällt die Krankheitslast bei Männern weltweit um 16 % höher aus als bei Frauen. Für Deutschland beziffert die Studie diesen Unterschied auf 14 %, für die Schweiz auf 4 %. Demnach sterben Männer im Schnitt nicht nur früher, sondern verbringen auch mehr Lebensjahre in Krankheit.

Als Ursachen nennen die Autoren gesellschaftliche Männlichkeitsnormen, wirtschaftliche Unsicherheit, Armut und Bildungsfaktoren. Andreas Walther von der Universität Graz hob hervor, dass nicht Männlichkeit an sich die Gesundheit belaste, sondern starre Vorstellungen.

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Michael Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verwies zudem darauf, dass Männer in Bereichen wie Industrie, Bau, Handwerk und Transport überproportional von körperlicher Schwerarbeit, Schichtdienst und Unfallrisiken betroffen sind. Hinzu kommt, dass in Deutschland vor dem 45. Lebensjahr kein geschlechtsspezifisches Vorsorgeangebot für Männer existiert.

Auch psychische Erkrankungen spielen eine Rolle. Das Pasteur-Institut in Lille machte darauf aufmerksam, dass Männer von Depressionen nicht ausgenommen sind, das Einholen von Hilfe jedoch oft fälschlicherweise als Schwäche wahrgenommen werde.

Daten von Public Health France aus dem Jahr 2024 zeigen, dass 12,8 % der Männer und 18,2 % der Frauen innerhalb von zwölf Monaten eine depressive Episode durchlebten; 54 % der betroffenen Männer erhielten dabei keine therapeutische Unterstützung.

Aufklärungskampagnen und Informationsangebote im Movember

Die 2003 gestartete Movember-Bewegung zielt darauf ab, Aufmerksamkeit für Prostata- und Hodenkrebs sowie für die psychische Gesundheit von Männern zu schaffen. Louis Delannoy vom Pasteur-Institut in Lille wies darauf hin, dass Prostatakrebs im frühen Stadium oft völlig beschwerdefrei verläuft.

Zudem müsse nicht jeder festgestellte Prostatatumor sofort operiert werden, da vielfach eine aktive Überwachung möglich sei. Dagegen betrifft Hodenkrebs primär jüngere Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren, weshalb regelmäßige Selbstuntersuchungen empfohlen werden.

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In Deutschland setzt die Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft im November auf die Kampagne „Check dich selbst“, um junge Männer über die Hoden-Selbstabtastung aufzuklären und Sportvereine sowie Unternehmen einzubinden.

Sven Weise, Geschäftsführer der Gesellschaft, erklärte dazu, dass die Aktion dann wirke, wenn aus dem sichtbaren Zeichen ein inhaltliches Gespräch entstehe. In Greifswald findet vom 16. bis 22. November eine Männer-Aktionswoche mit insgesamt 47 Veranstaltungen statt.

Kliniken informieren ebenfalls über Warnsignale. Die Urologie am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur unter Chefarzt Dr. Alexander Höinghaus rät Männern ab 45 Jahren, insbesondere bei familiärer Vorbelastung, die Früherkennung aktiv einzufordern.

Zu den Warnzeichen gehören Blut im Urin, häufiges nächtliches Wasserlassen, ein schwacher Harnstrahl, Veränderungen am Hoden sowie ungewollter Urinverlust. Bei plötzlich einsetzenden starken Hodenschmerzen oder einem vollständigen Harnverhalt sei umgehend medizinische Hilfe erforderlich.

In Österreich organisieren die Österreichische Krebshilfe, der Berufsverband Österreichischer Urolog:innen und die Österreichische Gesellschaft für Urologie am 9. November 2026 eine bundesweite „Lange Nacht der Urologie“.

Männer ab 50 Jahren erhalten dort ohne Voranmeldung und Überweisung eine Erstuntersuchung inklusive PSA-Bluttest und Beratung. Fachärzte wie Gottfried Pfleger von der Klinik Oberwart und Stefan Aufderklamm, Primar am LKH Feldkirch, betonen, dass Prostatakrebs bei frühzeitiger Erkennung sehr gut heilbar sei.

Während die manuelle Tastuntersuchung in der modernen Diagnostik kaum noch eine Rolle spiele, stehe der PSA-Wert aus der Blutprobe im Mittelpunkt, gefolgt von Magnetresonanztomografien oder Gewebebiopsien bei Auffälligkeiten. Ein erhöhter PSA-Wert sei jedoch nicht mit einer Krebsdiagnose gleichzusetzen.

Auch international gibt es Initiativen: So bietet das Kreiskrankenhaus in Nowy Tomy?l am 14. November 2026 im Rahmen der polnischen Kampagne kostenfreie Blut- und Laboruntersuchungen für Männer ab 40 Jahren an, für die unter anderem der stellvertretende Landrat Jakub Skrzypczak wirbt.

Leistungsumfang der gesetzlichen Früherkennung

In Deutschland und Österreich sind wesentliche Früherkennungsmaßnahmen im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen verankert:

  • Gesundheits-Check-up: Gesetzlich Versicherte haben ab dem 35. Lebensjahr alle drei Jahre Anspruch auf eine Untersuchung von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinwerten (in Bayern einmalig auch zwischen 18 und 34 Jahren).
  • Hautkrebs-Screening: Steht Versicherten ab 35 Jahren alle zwei Jahre zu.
  • Prostatakrebs-Früherkennung: Männer können ab dem 45. Lebensjahr einmal jährlich eine gezielte Früherkennungsuntersuchung in Anspruch nehmen.
  • Darmkrebs-Früherkennung: Ab einem Alter von 50 Jahren übernehmen die Kassen entweder einen Test auf verborgenes Blut im Stuhl alle zwei Jahre oder zwei Darmspiegelungen im zeitlichen Mindestabstand von zehn Jahren.
  • Bauchaorten-Screening: Für Männer ab 65 Jahren besteht ein einmaliger Anspruch auf eine Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Aneurysmen der Bauchschlagader.

Für Hodenkrebs, der vorwiegend im Alter zwischen 15 und 40 Jahren auftritt, existiert kein gesetzlich geregeltes Screeningprogramm; Urologen raten Männern in diesem Lebensabschnitt zu einer regelmäßigen monatlichen Selbstabtastung.

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