Prostatakrebs: Mikroultraschall entdeckt 26 Läsionen zusätzlich zur MRT
Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 13:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Diagnostik und Behandlung des Prostatakarzinoms steht im Zentrum mehrerer aktueller Forschungsarbeiten, die gemeinsam ein Kernproblem adressieren: die Gefahr der Übertherapie bei Männern mit niedrigem Risikoprofil.
Eine Studie von Vickers et al., veröffentlicht in JAMA Oncology, schlägt vor, Prostatakarzinome der ISUP-Gruppe 1 nicht mehr als Krebs, sondern als präkanzeröse Läsion zu klassifizieren.
Modellrechnungen der Autoren zeigen ein Potenzial zur Reduktion von Übertherapie – und könnten paradoxerweise sogar mehr Männer dazu bewegen, sich einem PSA-Screening zu unterziehen, da die Diagnose weniger bedrohlich wirken würde.
Fokale Therapie oft außerhalb der Leitlinien-Empfehlung
Wie relevant die Frage der Klassifikation ist, belegt eine ergänzende US-Analyse, die in JAMA erschienen ist. Demnach gehört rund die Hälfte der Patienten, die mit fokaler Therapie behandelt werden, einer Risikogruppe an, für die diese Behandlungsform laut aktuellen Leitlinien – darunter jene von AUA/ASTRO, EAU und der deutschen S3-Leitlinie – gar nicht empfohlen wird.
Die Daten deuten darauf hin, dass in der klinischen Praxis eine erhebliche Diskrepanz zwischen Leitlinienempfehlung und tatsächlicher Therapieentscheidung besteht.
Mikroultraschall als Ergänzung zur MRT-Diagnostik
Auf der diagnostischen Seite liefert die OPTIMUM-Studie, 2025 in JAMA publiziert, weitere Erkenntnisse. In der Untersuchung an 678 Männern in 19 Zentren in Kanada, den USA und Europa zeigte der Einsatz von Mikroultraschall eine mit der MRT vergleichbare Biopsie-Erfolgsrate.
Zusätzlich wurden 26 weitere Läsionen entdeckt, darunter drei signifikante Karzinome, die sonst möglicherweise unentdeckt geblieben wären. Die Studienautoren betonen jedoch, dass die Methode als Ergänzung und nicht als Ersatz für die MRT zu verstehen ist.
Neue Wirkstoffklasse gegen fortgeschrittene Tumoren
Auch auf der Ebene der Therapieentwicklung tut sich etwas: Die chinesische Arzneimittelbehörde CDE der NMPA hat der Firma InnoCare Pharma die Genehmigung für einen klinischen Prüfantrag (IND) für den Wirkstoff ICP-B381 erteilt. Es handelt sich um das erste bispezifische Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC), das gegen die Zielstrukturen PSMA und STEAP1 gerichtet ist und bei soliden Tumoren einschließlich Prostatakrebs eingesetzt werden soll.
Präklinischen Daten zufolge zeigt der Wirkstoff Vorteile gegenüber monovalenten ADCs; weltweit ist bislang kein vergleichbares bispezifisches ADC gegen diese beiden Targets zugelassen. Angesichts von weltweit rund 1,5 Millionen Neuerkrankungen an Prostatakrebs im Jahr 2024 dürfte das Interesse an neuen Wirkstoffklassen hoch bleiben.
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Einordnung: Ein Feld im Umbruch
Die vorliegenden Arbeiten zeichnen das Bild eines Fachgebiets, das sich in einer Phase der Neubewertung befindet. Auf der einen Seite steht die Erkenntnis, dass viele niedrig eingestufte Tumoren möglicherweise gar nicht als Krebs im klassischen Sinne behandelt werden sollten – eine Neuklassifikation könnte hier sowohl psychologische Entlastung für Patienten als auch eine Reduktion unnötiger Eingriffe bewirken.
Auf der anderen Seite zeigt die Analyse zur fokalen Therapie, dass selbst etablierte Leitlinien in der Praxis nicht durchgängig befolgt werden, was auf einen Bedarf an klarerer Kommunikation zwischen Fachgesellschaften und behandelnden Ärzten hindeutet.
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Die diagnostischen Fortschritte durch Mikroultraschall könnten mittelfristig helfen, die Grundlage für Therapieentscheidungen zu verbessern, indem mehr relevante Läsionen erkannt werden, ohne dass unnötige Eingriffe zunehmen.
Und die Entwicklung neuer, zielgerichteter Wirkstoffe wie des bispezifischen ADC von InnoCare Pharma zeigt, dass parallel zur Debatte um Übertherapie bei frühen Stadien auch an Behandlungsoptionen für fortgeschrittene, schwerer therapierbare Formen der Erkrankung gearbeitet wird.
Für Patienten und behandelnde Ärzte dürfte in den kommenden Jahren entscheidend sein, wie sich diese teils gegenläufigen Entwicklungen – präzisere Diagnostik einerseits, zurückhaltendere Klassifikation andererseits – in überarbeiteten Leitlinien niederschlagen.
