Prostatakrebs, DKFZ-Konsortium

Prostatakrebs: DKFZ-Konsortium PROMETHEUS entwickelt KI-Agenten für die Diagnostik

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 13:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
PROMETHEUS erhält vier Millionen Euro; zugleich werden KI-Verfahren für Diagnose, Therapieplanung und Bestrahlung untersucht.
Modernes medizinisches Forschungslabor mit diagnostischen Geräten und Mikroskopen in einer klinischen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Die Diagnostik und Behandlung des Prostatakarzinoms stehen vor einem strukturellen Wandel durch digitale Technologien. Ein zentrales Vorhaben bildet das europäische Forschungsprojekt „PROMETHEUS“, das unter der Leitung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) vorangetrieben wird.

Die Europäische Kommission fördert das Konsortium über einen Zeitraum von vier Jahren mit insgesamt vier Millionen Euro. Auf das DKFZ entfallen dabei 1,6 Millionen Euro. Im Mittelpunkt der Initiative steht die Entwicklung von Agenten auf Basis künstlicher Intelligenz (KI), Big Data sowie patientenzentrierter Entscheidungshilfen, um die klinische Versorgung bei Prostatakrebs zu präzisieren.

Früherkennung aggressiver Tumoren im Fokus

Das PROMETHEUS-Konsortium setzt darauf, KI-Agenten so zu trainieren, dass aggressive Tumorformen frühzeitig und exakt identifiziert werden können. Ziel ist es, unnötige medizinische Eingriffe zu vermeiden und therapeutische Entscheidungen individueller auf die jeweilige Erkrankung abzustimmen.

Bislang führt die Früherkennung häufig zu Biopsien und Therapien von Tumoren, die über Jahre hinweg keine klinische Relevanz entwickelt hätten, während hochaggressive Verläufe einer zügigen Intervention bedürfen.

Parallel dazu investieren auch regionale Verbünde massiv in onkologische Daten- und KI-Infrastrukturen. In Nordrhein-Westfalen haben sich mehrere Universitätskliniken zum Cluster AI4CancerCure.NRW formiert.

Das Land fördert diesen Zusammenschluss mit 200 Millionen Euro. Am Standort Essen zielt Koordinator Prof. Martin Schuler auf personalisierte Früherkennungsprogramme für das Prostatakarzinom, Brustkrebs, kolorektale Karzinome sowie Lungenkrebs ab. Angestrebt werden angepasste Untersuchungsintervalle, eine gesteigerte Prätestsicherheit und eine Verringerung von Intervallkarzinomen.

Am Standort Bonn zeichnet Prof. Michael Hölzel für die computergestützte Wirkstoffentwicklung im Center for AI-Designed Therapeutics and Diagnostics verantwortlich, das von der Uniklinik Bonn, der Universität Bonn und dem Lamarr-Institut getragen wird. Die Forschung reicht dort von synthetischen Molekülen bis hin zu Antikörpern, wobei erste Machbarkeitsprojekte das Potenzial untermauern.

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Regulierung und klinische Erprobung in Europa

Neben Grundlagenforschung und Modellprojekten rückt der Übergang in die medizinische Regelversorgung in den Fokus regulatorischer Behörden. In Großbritannien sieht eine Entwurfsleitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) vor, fünf KI-Systeme über eine zweijährige Evidenzphase im National Health Service (NHS) zur Verfügung zu stellen.

Die Systeme – namentlich AI-Rad Companion Prostate MR, DeepHealth Prostate, ProstatID, Prostate Intelligence (Pi) und QP-Prostate – sollen klinisch signifikanten Prostatakrebs in Magnetresonanztomografien (MRT) aufspüren. Das Komitee betont, dass die Algorithmen Radiologen unterstützen, jedoch nicht ersetzen sollen.

Die Evidenzbasis gilt derzeit als begrenzt, weshalb im Rahmen der laufenden Konsultation zusätzliche Realdaten aus dem NHS gefordert werden. Andere Anwendungen wie hProstate und mdprostate wurden mangels nachgewiesener klinischer Wirksamkeit oder Wirtschaftlichkeit nicht empfohlen. In England wurden 2023 mehr als 58.000 Neudiagnosen verzeichnet.

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Praktische Erfahrungen sammeln regionale Einrichtungen bereits: Der Somerset NHS Foundation Trust setzt KI im Versorgungspfad bei Prostatakrebs ein, während am Bristol NHS Foundation Trust eine entsprechende Studie läuft.

Fortschritte in Histologie, Bestrahlung und Biopsie

Auch die histopathologische und strahlentherapeutische Forschung liefert neue Ansätze. Ein Zusammenschluss aus Fred Hutch, NCI, Weill Cornell und MD Anderson entwickelte das Werkzeug NEURAL-PC, das Schnittbilder aus Standard-Gewebeproben analysiert und einen Score von 0 bis 1 sowie räumliche Wahrscheinlichkeitskarten liefert.

Die Validierung ergab starke Korrelationen mit den Markern SYP und INSM1; bei neuroendokrinem Prostatakrebs erreichte der mediane Wert 0,877 gegenüber 0,243 bei Adenokarzinomen. In Mausmodellen nach Kastration wandelten sich die anfänglich negativen Befunde über 24 Wochen hin zu einem nach 46 Wochen einheitlich neuroendokrinen Bild.

Klinisch zeigte sich eine deutliche Differenz: In einer Kohorte lag das mediane Überleben der Niedrigrisikogruppe bei über 24 Monaten, in der Hochrisikogruppe dagegen bei 14,3 Monaten.

Auf dem ESMO-Kongress in Madrid wurde am 24. Oktober 2026 eine retrospektive Analyse der Phase-III-Studie STAMPEDE an 401 Hochrisikopatienten ohne Metastasen vorgestellt. Bei Patienten ohne Lymphknotenbefall zeigte sich bei der Gabe von Abirateron zusätzlich zur Androgendeprivationstherapie (ADT) eine signifikante Interaktion des Biomarker-Scores Decipher mit dem Ansprechen bei Fernmetastasen.

Der absolute Nutzen bezüglich der Metastasenvermeidung nach fünf Jahren belief sich bei hohen Scores auf 10 Prozent und bei sehr hohen Werten auf 11 Prozent, während er bei niedrigeren Werten 2 Prozent betrug. Vor einem breiten Routineeinsatz mahnen Experten weitere Validierungen an.

Zur Qualitätssicherung bei neurovaskulär-schonender stereotaktischer Radiotherapie (SABR) untersuchte eine Arbeitsgruppe ein Deep-Learning-Verfahren zur Konturierung der Arteria pudenda interna als Risikoorgan bei 107 Fällen. Das Modell erzielte bei 14 Parametern eine AUROC von 0,836 auf einem Testset.

Ein weiteres, in BMC Urology publiziertes Vorhersagemodell wies eine AUC von 0,839 im Trainingsset auf. Bei einer Schwelle von 10 Prozent hätten 44,6 Prozent der sofortigen Biopsien aufgeschoben werden können, wobei 7,6 Prozent der signifikanten Karzinome übersehen worden wären.

Trotz dieser methodischen Fortschritte erfordert die klinische Implementierung Sorgfalt. Eine Übersichtsarbeit zur KI-Entwicklung von 1994 bis 2025 in der Fachzeitschrift Discover Artificial Intelligence verdeutlicht, dass bis Ende 2025 keine prospektive Untersuchung einen signifikanten Vorteil bezüglich Gesamtüberleben oder Lebensqualität bei lokalisiertem Prostatakarzinom durch KI nachweisen konnte.

Programme wie PROMETHEUS sollen in den kommenden vier Jahren prüfen, inwieweit vernetzte Assistenzsysteme diesen Schritt in die klinische Wirksamkeit vollziehen können.

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