Produktivität, Job

Produktivität im Job: Warum eine 60-Stunden-Woche kein Maßstab ist

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 07:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute empfehlen klare Prioritäten, wirksame Routinen und gezielten KI-Einsatz statt bloßer Aktivität und ständiger Erreichbarkeit.
Ein minimalistischer, aufgeräumter Arbeitsplatz mit einer Kaffeetasse und einem geschlossenen Notizbuch in natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In der modernen Arbeitswelt rückt die Frage nach echter Produktivität verstärkt in den Fokus. Wie mehrere Fachbeiträge Ende Oktober 2026 herausarbeiten, unterliegen viele Bemühungen um Effizienzsteigerung grundlegenden Fehlannahmen. Statt bloßer Aufgabenbewältigung und reiner Geschäftigkeit fordern Arbeitsmarktexperten, Psychologen und Autoren eine Rückbesinnung auf Tätigkeiten, die tatsächliche Wertschöpfung erzeugen.

Die Falle der scheinbaren Produktivität

Kritiker verweisen auf das Phänomen ästhetisch aufbereiteter Produktivitätsmethoden, die zwar kurzfristige Befriedigung verschaffen, die Erledigung der eigentlichen Kernaufgaben jedoch oft nur aufschieben.

Wenn Individuen ihre Selbstkontrolle an digitale Anwendungen oder Smartwatches abgeben, droht eine gefährliche Verwechslung von Leistung mit persönlichem Wert. Auch theologische Perspektiven mahnen hier Grenzen an. So betonte bereits Johannes Paul II. in der Enzyklika Laborem exercens, dass die Arbeit für den Menschen da sei und nicht umgekehrt.

Papst Franziskus verwies darauf, dass die Menschenwürde niemals beeinträchtigt werden dürfe, selbst wenn jemand wirtschaftlich nicht mehr produktiv sei. Nicht zuletzt verleiht der biblische Rhythmus von Arbeit und Sabbat der bewussten Ruhe einen eigenständigen Wert.

Gleichzeitig wird sogenannte Scheinbeschäftigung – das demonstrative Beschäftigt-Wirken ohne greifbares Ergebnis – in Fachmedien wie dem Podcast t3n Arbeit in Progress als wachsendes Problem analysiert. Der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz könnte dieses Phänomen nach Einschätzung von Fachleuten sogar noch verstärken.

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Wirkung statt reiner Aktivität

Für ein grundlegendes Umdenken in Unternehmen plädierte am 20. Oktober 2026 Silke Mekat von der Haufe Akademie bei einer Veranstaltung in München. Nicht eine 60-Stunden-Woche sei beeindruckend, sondern wer gute Arbeit abliefere und dennoch Zeit und Energie für das eigene Leben behalte.

Mekat, die seit 2015 über 400 Seminare geleitet hat, warnte vor ständiger Erreichbarkeit und häufigen Aufgabenwechseln, da diese die Produktivität schwächen. Betriebe müssten Prioritäten deutlicher setzen, Störungen reduzieren und Erwartungen an die Erreichbarkeit klar und transparent regeln.

In dieselbe Richtung argumentiert Sophie Descollaz in ihrem Buch über Wege zu einer neuen Leistungskultur. Wahre Leistung zeige sich an Wirkung und nicht an bloßer Aktivität. Ein klares Rollenprofil, das den Beitrag sowie das erwartete Resultat beschreibt, erfülle diesen Zweck weit besser als ein herkömmlicher Jobtitel.

Eigenverantwortung verlange allerdings eindeutige Spielräume, während KI-Tools dann am wirksamsten seien, wenn sie mit einer präzisen Aufgabenstellung und menschlichen Kontrollpunkten kombiniert werden.

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Auch der Arbeitspsychologe und Organisationsberater Markus Väth distanzierte sich in einem Fachgespräch von der New-Work-Bewegung. In seinem Buch spricht er sich für eine Arbeit frei von Scheinkonzepten und Angst aus, die stattdessen auf Sinnhaftigkeit und echte Wirksamkeit abzielt.

Strukturierte Methoden für den Arbeitsalltag

Um aus der Optimierungsfalle zu entkommen, hebt Vera Strauch im Female Leadership Podcast sieben Hebel hervor. Als Fundament diene klare Zielorientierung, ergänzt durch Routinen auf Monats-, Wochen- und Tagesebene, identitätsbasierte Gewohnheiten sowie standardisierte Prozesse zur Verringerung von Reibungsverlusten.

Zudem brauche es Mut zu schnellen Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung abzugeben. Strauch kündigte in diesem Kontext eine kostenfreie Veranstaltung mit Magdalena Rogl zum Thema Imposter-Befreiung für den Vormittag des 4. November an.

In praxisorientierten Modellen wie der sogenannten Ablaufgestaltung fließen methodische Elemente zusammen: die Bestandsaufnahme von Arbeitsabläufen, eine Priorisierung über bekannte Instrumente wie die Eisenhower-Matrix oder Kanban-Systeme sowie die Taktung durch Zeitintervalle nach dem Pomodoro-Prinzip oder die Anwendung der 80/20-Regel.

Für eine verlässliche Organisation spielen dabei auch die Berücksichtigung persönlicher Energiezyklen, klare Ablagestrukturen am Arbeitsplatz sowie das Bewusstsein für typische Planungsfehler und kognitive Verzerrungen in betrieblichen Prozessen eine entscheidende Rolle.

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