Probiotika, Bakterienstamm

Probiotika: Warum der konkrete Bakterienstamm wichtiger ist als die CFU-Zahl

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 08:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Stammspezifische Nachweise, stabile Dosierungen und Sicherheitsprüfungen prägen die Bewertung probiotischer Produkte und ihrer Einsatzmöglichkeiten.
Eine saubere Petrischale mit Nährboden in einer wissenschaftlichen Laborumgebung bei gedämpftem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Die Beurteilung von Probiotika stützt sich im Markt häufig auf möglichst hohe Angaben koloniebildender Einheiten (CFU). Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass reine Mengenangaben wenig über den tatsächlichen Nutzen aussagen.

Wie Dr. Arthur Ouwehand vom Inhaltsstoffhersteller IFF in einem Branchenbericht betont, hängt die Qualität probiotischer Produkte maßgeblich von der Spezifität des jeweiligen Bakterienstamms, seiner Stabilität, der exakten Dosierung und belastbarer wissenschaftlicher Evidenz ab.

Stammspezifität und wissenschaftliche Nachweise

Nach Einschätzung von Dr. Arthur Ouwehand greift die Annahme, dass mehr Bakterien automatisch eine bessere Wirkung erzielen, in der Regel nicht. Eine Ausnahme bilde lediglich der Bereich des Antibiotika-assoziierten Durchfalls. Zugleich seien höhere CFU-Zahlen nicht gefährlich, da Probiotika grundsätzlich als extrem sicher gelten.

Für eine verlässliche Qualitätsbeurteilung fordert Ouwehand klare Kriterien auf den Verpackungen: Erforderlich sei die Nennung des konkreten Stammes und nicht allein der übergeordneten Spezies. Hinzu kommen garantierte CFU-Werte bis zum Ende der Mindesthaltbarkeit, eindeutige Lagerhinweise sowie die Ausrichtung an einer klinisch erprobten Dosierung.

Moderne Biomik-Ansätze wie Metabolomik, Proteomik und Transkriptomik helfen zwar dabei, das Verhalten von Stämmen vorherzusagen und vielversprechende Kandidaten zu identifizieren, sie stellen für sich genommen jedoch keine Wirkungsgarantie dar.

Um bestehende Wissenslücken speziell im Dünndarm zu schließen, setzt die Forschung laut Ouwehand auf Darmmodelle, Sampling-Kapseln und In-silico-Simulationen.

Auch allgemeine Fachratgeber betonen die Relevanz des spezifischen Stamms gegenüber reinen CFU-Mengen. So wird Lactobacillus rhamnosus GG mit Effekten auf die Immunfunktion in Verbindung gebracht, während Lactobacillus acidophilus hinsichtlich der Cholesterinwerte untersucht wird.

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Bei der Bewertung spielen Überlebens- und Ansiedlungsraten eine zentrale Rolle; zudem sind nicht alle fermentierten Lebensmittel automatisch probiotisch wirksam. Wie groß das Interesse an diesem Bereich ist, zeigt eine umfrage aus dem Jahr 2023, nach der rund 70 Prozent der Menschen in Japan die Darmgesundheit als bedeutenden Gesundheitsfaktor einstuften.

Industrielle Parameter und technologische Stabilität

Für industrielle und medizinische Anwendungen gelten strikte Vorgaben bezüglich der Widerstandsfähigkeit von Mikroorganismen. B2B-Leitlinien formulieren für medizinische Probiotika etwa eine Überlebensrate von mehr als 90 Prozent bei einem pH-Wert von 1,5 sowie mindestens 85 Prozent nach 24 Stunden in 0,3-prozentigem Gallensalz.

Zudem werden eine Gefriertrocknungs-Überlebensrate von mindestens 95 Prozent, eine Rehydratationszeit von unter zwei Stunden, ein Gehalt von mindestens 1×10^11 CFU/g sowie eine Chargen-CFU-Varianz von unter 5 Prozent nach GB/T 20246 gefordert.

Im Markt bewegen sich die Preisrichtwerte laut B2B-Übersichten je nach Organismus: Für Bifidobacterium mit mindestens 1×10^11 CFU/g liegen sie zwischen 800 und 1200 RMB/kg, für Lactobacillus mit mindestens 1×10^10 CFU/g zwischen 400 und 600 RMB/kg und für Hefen mit mindestens 1×10^9 CFU/g zwischen 200 und 350 RMB/kg. Eine Mikroverkapselung mit Partikelgrößen von 50 bis 100 µm kann das Überleben der Keime bei 60 Grad Celsius um den Faktor 3 verlängern.

Für den Einsatz bei Nutztieren verlangen entsprechende Leitfäden eine Ausgangs-Lebendkeimzahl von mindestens 1,0×10^10 CFU/g (mindestens 100 Milliarden CFU/g), ein Überleben im simulierten Magensaft von über 80 Prozent und eine Stabilität von mindestens 90 Prozent bei einer Pelletierung von 85 Grad Celsius über eine Minute. Die Haltbarkeit sollte 12 Monate betragen, bei einem Rehydratationsverlust von unter 5 Prozent.

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Forschung zu Trägermatrizen und Isolaten

Wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich verstärkt dem Schutz empfindlicher Stämme. Eine Studie im Journal of Food Science (Band 91, Ausgabe 8, e71393), die unter anderem durch Fördermittel der NSFC und aus Shaanxi unterstützt wurde, untersuchte die Verkapselung von Lactiplantibacillus plantarum in einer Matrix aus Natriumalginat, resistenter Stärke und Epigallocatechingallat (EGCG).

Die Autoren erreichten eine Verkapselungseffizienz von bis zu etwa 97 Prozent sowie eine durchschnittliche Prozessausbeute von 96 Prozent. Während freie Zellen nach einer 90-tägigen Lagerung bei 4 Grad Celsius auf unter 3,5 log CFU/g abfielen, hielt die Matrix über 8,0 log CFU/g. In simulierten Verdauungstests überstanden rund 85 bis 90 Prozent der Bakterien die Magenpassage, gefolgt von einer verzögerten Freisetzung im Darm.

Weitere Erkenntnisse lieferte eine Studie in der Fachzeitschrift Technik und Technologie der Lebensmittelproduktion (Band 28, Nr. 1, S. 58–64) anhand von 69 Proben traditioneller mongolischer Milchprodukte wie Tarag, Airag, Aaruul, Bjaslag und Eesgij aus den Regionen Tov, Chubsugul und Dornogovi.

Von 543 gewonnenen Isolaten zeigten sich 126 resistent gegenüber Gallensalzen und 114 tolerant gegenüber Magensaft (unter Bedingungen von 3 Stunden, 0,04 Prozent Pepsin, pH 3,0 und mindestens 7 log KBE/ml).

Nach Tests zur Adhäsion an 42 Isolaten stuften die Forscher zehn Isolate als probiotisch geeignet ein – davon sechs aus Stutenmilch-Hoormog –, die als L. plantarum und L. paracasei identifiziert wurden. Als bester Stamm erwies sich L. plantarum 05AM23 mit einer Gallensalztoleranz von 97,0 Prozent, einem Wert von 8,1 log KBE/ml und einer Adhäsion von 75,0×10^3 KBE/ml.

Einsatzgrenzen in der Tierhaltung und Sicherheitsaspekte

In der Nutztierhaltung gilt Lactobacillus acidophilus als eine der aussichtsreichsten Alternativen zu antibiotischen Wachstumsförderern. Ein Review chinesischer Forscher zeigt jedoch differenzierte Ergebnisse: Während bei Absetzferkeln eine starke Evidenz für ein verbessertes Wachstum, höhere Nährstoffverdaulichkeit, eine gestärkte Darmbarriere und verringerte Entzündungen vorliegt, fallen die Daten bei Geflügel uneinheitlich aus.

Hier beeinflussen Genetik, Haltungsbedingungen, Fütterung und Formulierung die Resultate. Bei Rindern fehlt bislang ausreichende Evidenz für konsistente Verbesserungen der Produktionsleistung, der Milchmenge oder der Pansenfunktion.

Als Hauptgrund für diese Lücken nennen die Autoren, dass viele Erhebungen unter kontrollierten Bedingungen oder in Disease-Challenge-Modellen stattfanden und L. acidophilus ohne Schutztechnologien empfindlich auf Hitze und Sauerstoff reagiert.

Zudem erfordert die Auswahl probiotischer Mikroorganismen eine sorgfältige Sicherheitsprüfung. Ein Fachartikel zu Enterococcus faecalis verweist darauf, dass neben positiven Eigenschaften wie Säure- und Gallensalztoleranz, Adhäsionsfähigkeit und Immunmodulation stets eine stammspezifische Sicherheitsbewertung zwingend erforderlich bleibt, insbesondere im Hinblick auf potenziell übertragbare Antibiotikaresistenzen.

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