Probiotika bei Säuglingen: Studie zeigt über 50 Prozent weniger Atemwegsinfekte
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 17:07 Uhr | Redaktion boerse-global.deUntersuchungen zur Wechselwirkung zwischen Darmbakterien und dem Wirtsorganismus liefern fortlaufend neue Einblicke in immunologische Prozesse. Eine im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Studie zeigt, dass die Verfütterung des Bakterienstamms Lactobacillus paracasei CNCM I-1518 die Immunabwehr gegen eine Influenza-Infektion bei Mäusen verbessert.
Die Autoren dokumentierten dabei deutliche Veränderungen der Darmmikrobiota: Sowohl die Alpha-Diversität anhand der Anzahl operationaler taxonomischer Einheiten (OTU) als auch die gewichtete Unifrac-Hauptkoordinatenanalyse (PCoA) wurden vor und nach der Infektion an den Versuchstagen 0, 3 und 7 erfasst. Zudem veränderte sich die relative Häufigkeit der Gattungen Allobaculum und Prevotella im Verlauf der Infektion messbar.
Effekte auf Atemwegsinfekte und zelluläre Entzündungsreaktionen
Ergänzende Laboruntersuchungen weisen darauf hin, dass bakterielle Stoffwechselprodukte direkt auf das Darmepithel einwirken. Ein zellfreier Überstand von Lactobacillus brevis führte in mit Dextransulfat-Natrium (DSS) gereizten HT-29-Darmzellen zu einer Verringerung mehrerer entzündungsassoziierter Gene, während andere Signalwege stimuliert wurden oder unverändert blieben.
Klinische Daten bei Säuglingen stützen die These eines systemischen Einflusses auf Atemwegserkrankungen. In einer in Frontiers in Nutrition publizierten, randomisierten und placebokontrollierten Untersuchung aus China erhielten 360 gestillte oder mit Formulamilch ernährte Säuglinge über sechs Monate den Stamm Bifidobacterium animalis subsp. lactis BLa80. Die Inzidenz oberer Atemwegsinfektionen sank in der Verumgruppe um über 50 Prozent im Vergleich zu Placebo, während Fälle von Ekzemen um 70 Prozent zurückgingen.
Neben einem Anstieg sekretorischer Immunglobuline A (sIgA) und einer Abnahme des Entzündungsmarkers Calprotectin im Stuhl zeigte sich eine Anreicherung von Akkermansia und Fusicatenibacter im Mikrobiom.
Systemische Marker und kognitive Beobachtungen
Den Zusammenhang zwischen mikrobieller Zusammensetzung, Entzündungsprozessen und neurodegenerativen Markern analysierte ein Forschungsteam um Dr. Eun Hyun Seo von der Chosun University im Journal of Alzheimer's Disease.
An der 24-wöchigen Doppelblindstudie nahmen Personen ab 60 Jahren mit subjektiver kognitiver Einschränkung oder leichten kognitiven Beeinträchtigungen teil; 87 Probanden mit einem Durchschnittsalter von knapp 74 Jahren schlossen die Studie ab.
Eine Gruppe von 40 Teilnehmenden erhielt täglich eine Mischung aus Bifidobacterium animalis subsp. lactis KL101, Limosilactobacillus fermentum KL271 und Levilactobacillus brevis KL251, während 47 Personen ein Placebo einnahmen.
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Unter der probiotischen Gabe sank der Biomarker pTau181 von 24,5 auf 21,0 pg/ml, während er in der Kontrollgruppe von 22,2 auf 23,2 pg/ml anstieg (p<0,001). Die Marker GFAP und NfL blieben stabil, während sie unter Placebo signifikant um 14 beziehungsweise 15 Prozent zunahmen.
Auch das Zytokin Interleukin-1? ging unter den Bakterienstämmen stärker zurück. Im Clinical Dementia Rating im Bereich Gedächtnis sowie im Rey-Osterrieth-Complex-Figure-Test zeigten sich signifikante Verbesserungen; im Mini-Mental-Status-Test oder bei exekutiven Funktionen ergaben sich hingegen keine Vor- oder Nachteile.
Die beteiligten Forscher stuften die Resultate als vorläufig ein und betonten, dass hieraus keine Empfehlungen zur Prävention oder Therapie einer Alzheimer-Erkrankung abgeleitet werden können.
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Mechanismen der T-Zell-Aktivierung und Onkologie
Grundlagenarbeiten im Fachjournal Science Bulletin verdeutlichen die tiefe Verankerung der Mikrobiota in der Immunreifung. Anhand von 120.649 CD45+-Immunzellen aus zehn Geweben keimfreier und spezifisch pathogenfreier Mäuse identifizierten Wissenschaftler das Protein PDCD4 als mikrobiota-sensitiven Hemmer von T-Lymphozyten.
Das Fehlen von Darmbakterien führte zu einer Hochregulierung von PDCD4 und einer gedämpften Effektorfunktion von CD8+-T-Zellen, was sich durch fäkale Mikrobiota-Transplantationen oder Zusammenführung mit normalen Tieren wieder aufheben ließ.
Im Bereich der Onkologie berichteten Wissenschaftler der Universität Sichuan in Cell Host & Microbe, dass die orale Gabe von Akkermansia muciniphila das Tumorwachstum bei Mäusen mit mikrosatellitenstabilen (MSS) Kolorektalkarzinomen hemmt und die Sensitivität gegenüber PD-1-Blockaden über den cGAS-STING-Signalweg erhöht.
In einer Phase-I-Studie (NCT06865521) mit diesem Bakterienstamm und einem PD-1-Antikörper bei metastasiertem MSS-Darmkrebs lag die objektive Ansprechrate bei 19 Prozent.
Leitlinien und kritische Stimmen aus der Fachwelt
Internationale Richtlinien wie die der ISAPP aus dem Jahr 2026 oder der ESPGHAN aus dem Jahr 2022 führen konkrete Indikationen für ausgewählte Stämme auf. Dazu zählen Lactobacillus rhamnosus GG und Saccharomyces boulardii zur Vorbeugung von Antibiotika-assoziierter Diarrhö sowie Limosilactobacillus reuteri DSM 17938 bei kindlichen Bauchschmerzen.
Gleichzeitig verweisen Fachleute auf bestehende Unsicherheiten. Der Molekularbiologe František Knobloch hob hervor, dass viele Mechanismen des Mikrobioms unvollständig verstanden seien und eine unspezifische Zufuhr von Kapseln wenig zielgerichtet bleibe; stattdessen seien präbiotische Ballaststoffe wie Pektin, Inulin oder fermentierte Lebensmittel ratsam.
Der Infektiologe Milan Trojánek wies darauf hin, dass sich die mikrobielle Flora nach einer Antibiose teils ohne Probiotikagabe schneller erhole, während Professor Hrdý davor warnte, dass eine gleichzeitige Verabreichung mit Antibiotika deren Effektivität dämpfen könne.
