Probiotika, Antibiotika

Probiotika bei Antibiotika: Studie zeigt bis zu 42 Prozent weniger Durchfall

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 20:55 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Nutzen hängt vom konkreten Bakterienstamm und der Indikation ab; bei Antibiotika ist eine pauschale Einnahme nicht belegt.
Ein Labor-Glasgefäß mit einem strukturierten Gel-Substrat in einer sterilen Forschungsumgebung. Illustration mit AI erstellt.

Bei der Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen wie akuter infektiöser Diarrhö und dem Reizdarmsyndrom rückt die gezielte Auswahl von Probiotika zunehmend in den Fokus medizinischer Fachberichte.

Anstelle pauschaler Empfehlungen gilt die Stammspezifität mittlerweile als das zentrale Kriterium für den therapeutischen Nutzen. Internationale Fachgesellschaften betonen, dass nicht jedes mikrobiologische Präparat gleichermaßen wirksam ist und die Indikation eng an klinische Daten gekoppelt sein muss.

Kriterien für Wirksamkeit und Abgrenzung zu Lebensmitteln

Nach der Definition der International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP) handelt es sich bei Probiotika um Kulturen lebender Mikroorganismen, die dem Wirt in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen bringen.

Fachärzte verweisen darauf, dass jeder Bakterienstamm eine eigene DNA aufweist. Zu den grundlegenden Kriterien bei der Produktwahl gehören neben der Viabilität und der Resistenz gegenüber Magensäure sowie Gallensalzen vor allem ein belegtes Sicherheitsprofil und ein nachgewiesener klinischer Nutzen.

Zudem wird in Fachkreisen eine klare Grenze zwischen Probiotika und herkömmlichen Lebensmitteln gezogen. Fermentierte Produkte wie Joghurt und Kefir gelten nicht automatisch als Probiotika. Die Mehrheit der kommerziell erhältlichen Joghurts wird pasteurisiert, wodurch lebende Mikroorganismen abgetötet werden.

Bei Kefir wiederum ist eine genau definierte Konzentration an koloniebildenden Einheiten pro Milliliter (KBE/ml) erforderlich, um überhaupt mikrobiologische Effekte beurteilen zu können. Als Orientierung für die klinische Anwendung dienen etablierte Leitlinien, darunter die Empfehlungen der ESPGHAN aus dem Jahr 2022, der WGO/OMGE aus 2023, der LASPGHAN aus 2025 sowie der ISAPP aus dem Jahr 2026.

Evidenzbasierter Einsatz spezifischer Stämme

Die wissenschaftliche Datenlage stützt den Einsatz bestimmter Stämme bei definierten Indikationen. Zur Prävention einer antibiotikaassoziierten Diarrhö werden insbesondere Lactobacillus rhamnosus GG (LGG) und die Hefe Saccharomyces boulardii empfohlen.

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Der Stamm Saccharomyces boulardii CNCM I-745 wird zudem als Adjuvans bei der Eradikation von Helicobacter pylori aufgeführt. Für die Behandlung von Koliken bei gestillten Säuglingen und funktionellen Bauchschmerzen bei Kindern unter 18 Jahren existieren Empfehlungen für Limosilactobacillus reuteri DSM 17938.

Eine Studie aus China zeigte zudem konsistente Resultate für Kombinationen aus LGG und Bifidobacterium bei pädiatrischen Allergien, darunter Nahrungsmittelallergien, Asthma, allergische Rhinitis und atopische Dermatitis.

Auch im onkologischen Kontext modulieren Probiotika das Mikrobiom, entfalten antiinflammatorische sowie antioxidative Effekte und können Begleiterscheinungen einer Chemotherapie abmildern.

Fachleute unterstreichen dabei die Notwendigkeit genauer Stammunterscheidungen: Während beispielsweise Escherichia coli Nissle 1917 therapeutisch genutzt wird, besitzen enteropathogene Stämme der gleichen Spezies ein gegenteiliges, krankheitsauslösendes Potenzial.

Postinfektiöses Reizdarmsyndrom und Infektionsrisiken

Ein wesentliches Einsatzgebiet betrifft das postinfektiöse Reizdarmsyndrom (PI-IBS). Nach einer bakteriellen gastrointestinalen Infektion entwickeln Schätzungen zufolge bis zu 25 Prozent der Betroffenen ein derartiges Beschwerdebild.

Auslöser sind häufig Pathogene wie Campylobacter, Salmonella, Shigella, pathogene E. coli sowie Noroviren. Allein in den USA verursachen sieben Hauptpathogene geschätzt 9,9 Millionen Fälle von lebensmittelbedingten Erkrankungen pro Jahr.

Untersuchungen an Patienten nach einer Campylobacter-Infektion verdeutlichen das Chronifizierungsrisiko: 21 Prozent der zuvor beschwerdefreien Befragten entwickelten im Anschluss ein Reizdarmsyndrom. Bei 40 Prozent der Patienten mit bereits vorbestehendem obstipationsdominantem Reizdarm wandelte sich das Bild zu einem gemischten Subtyp, und 38 Prozent berichteten über häufigere Bauchschmerzen.

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Die Symptome können über Jahre anhalten, klingen jedoch schätzungsweise innerhalb von 3 bis 5 Jahren ab. Da keine ursächliche Heilung existiert, erfolgt die Behandlung symptomorientiert über Ernährungsumstellungen, Antidiarrhoika, Antispasmodika oder niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva.

Dosierung und Differenzierung bei Antibiotikagabe

Hinsichtlich der Begleitung von Antibiotikatherapien bleibt die Evidenzlage differenziert. Eine Studie in der Fachzeitschrift JAMA belegt, dass Probiotika das Auftreten einer antibiotikaassoziierten Diarrhö um bis zu 42 Prozent senken können.

Gleichzeitig ergab eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2023 einen begrenzten Nutzen bei einer zeitgleichen Gabe mit dem Antibiotikum. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2018 deutet zudem darauf hin, dass die Gabe von Probiotika nach einer Antibiotikatherapie die Erholung der natürlichen Darmflora verzögern kann.

Fachmediziner weisen deshalb darauf hin, dass eine pauschale Verordnung von Probiotika zu jeder Antibiotikabehandlung nicht gerechtfertigt sei; internationale Leitlinien empfehlen dies vor allem bei einem hohen Risiko für schwere Dysbiosen.

Fachleute raten in der Regel zu einer Dosierung von mindestens 5 Milliarden KBE pro Gabe, wobei eine higher Keimzahl nicht automatisch mit einer besseren Wirkung einhergeht. Zwischen der Antibiotika-Einnahme und dem Probiotikum wird ein zeitlicher Abstand von 2 bis 3 Stunden empfohlen.

Bei schwer immungeschwächten Patienten ist hingegen Vorsicht geboten, da in seltenen Fällen systemische Infektionen auftreten können. Treten Warnzeichen wie hohes Fieber, anhaltendes Erbrechen oder Dehydratationsanzeichen mit fehlender Urinausscheidung über sechs Stunden auf, ist eine umgehende ärztliche Abklärung erforderlich.

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