Primärversorgung: Ärzte fordern flexibles Koordinationsmodell statt Hausarztpflicht
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 01:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte werden verschiedene Konzepte zur Neugestaltung der ambulanten Versorgung diskutiert. Während Institutionen wie der GKV-Spitzenverband eine zentrale Rolle der Hausärzte favorisieren, bringen Ärzteverbände alternative Modelle ein, die eine flexiblere Steuerung der Patientenströme vorsehen. Im Fokus steht dabei die Vermeidung von Versorgungsengpässen und eine effizientere Nutzung medizinischer Ressourcen.
Koordinationsarztmodell statt starrer Hausarztpflicht
Ein zentrales Element der Diskussion ist der Vorschlag des Virchowbundes, der in Stellungnahmen vom September 2026 die Einführung eines Koordinationsarztmodells anregte. Der Verband lehnt ein Primärversorgungssystem mit einer strikten Hausarztpflicht ab und warnt vor einem sogenannten hausärztlichen Flaschenhals. Statt eines starren Gatekeeper-Systems fordert der Verband eine intelligente Steuerung der Patienten.
Nach diesem Modell wählen Patienten einen festen Vertrauensarzt, der die Behandlung koordiniert. Diese koordinierende Funktion muss jedoch nicht zwingend durch einen Hausarzt ausgeübt werden. Je nach Lebensphase oder Krankheitsbild könnten auch Gynäkologen, Pädiater oder spezialisierte Fachärzte diese Rolle übernehmen.
Der Virchowbund, dessen Mitgliedschaft zu 43 % aus dem hausärztlichen Bereich besteht, sieht hierin erhebliche Vorteile für chronisch Kranke und Pflegebedürftige. Durch eine verbesserte Abstimmung ließen sich Doppeluntersuchungen reduzieren und Risiken durch Fehlmedikation minimieren.
Unterstützend solle eine digitale Ersteinschätzung zum Einsatz kommen, um unnötige Arztbesuche bereits im Vorfeld zu vermeiden. Vertreter des Bundes wie Dr. Dirk Heinrich, Dr. Franziska Drephal, Dr. Dirk Altrichter und Dr. Veit Wambach betonten in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, Patientenpfade effizienter zu lenken, ohne den Zugang zur fachärztlichen Versorgung pauschal zu beschränken.
Konzepte der Selbstverwaltung und Patientensteuerung
Die Debatte um die Primärversorgung gewinnt an Fahrt: Der Virchowbund schlägt ein Koordinationsarztmodell vor, das starre Hausarztpflichten ablösen soll. Erfahren Sie, wie Sie von weniger Doppeluntersuchungen und einer besseren Patientensteuerung profitieren können. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verfolgt einen Ansatz, der stärker auf bestehenden Strukturen aufbaut. In einer Fachveranstaltung im September 2026 in Berlin wurde deutlich, dass die KBV bei der Primärversorgung primär auf die Servicenummer 116117 als zentrale Anlaufstelle setzt, anstatt eine exklusive Hausarztzentrierung zu verfolgen.
Die KBV appellierte an die Politik, die bereits entwickelten Konzepte der Ärzteschaft für die Primärversorgung zu nutzen, um die Schaffung teurer Doppelstrukturen zu verhindern.
Zu den Kernpunkten der KBV-Forderungen gehören eine effizientere Kooperation zwischen den Fachgruppen, eine verstärkte Delegation ärztlicher Leistungen sowie eine verbesserte Patientensteuerung zur Sicherung der Versorgung in ländlichen Regionen. Finanziell fordert die KBV eine Vergütung für sogenannte Blankotermine und beziffert den notwendigen Investitionsbedarf auf einen niedrigen dreistelligen Millionenbereich.
Demgegenüber steht die Position des GKV-Spitzenverbandes, der eine Primärversorgung favorisiert, bei der Hausärzte die erste Anlaufstelle bilden, unterstützt durch digitale Ersteinschätzungen und einen zentralen Terminpool.
Digitalisierung und finanzielle Rahmenbedingungen
Chronisch Kranke und Pflegebedürftige leiden besonders unter ineffizienten Patientenpfaden. Ein flexibles Koordinationsarztmodell könnte Abhilfe schaffen – doch was bedeutet das konkret für Ihre Versorgung? Unser Leitfaden erklärt die Vorschläge und zeigt, wie Sie sich darauf vorbereiten. Leitfaden zur Primärversorgung jetzt sichern
Neben den strukturellen Modellen spielt die digitale Vernetzung eine entscheidende Rolle in der Reformdebatte. Gertrud Demmler, Vorständin der SBK, forderte im September 2026 umfassende Reformen in der Pflege, der Notfallversorgung sowie der Primärversorgung. Die elektronische Patientenakte solle dabei als zentrale Plattform für eine lückenlose digitale Vernetzung dienen.
Gleichzeitig wies die SBK auf erhebliche finanzielle Forderungen gegenüber dem Bund hin. Demnach stünden der Pflegekasse noch 5 Milliarden Euro für Ausgaben aus der Pandemiezeit sowie 5,3 Milliarden Euro für Rentenbeiträge pflegender Angehöriger zu. Diese ausstehenden Mittel werden als wesentlicher Faktor für die Stabilität des sozialen Sicherungssystems und die Handlungsfähigkeit bei künftigen Reformen betrachtet.
