Primärer, Aldosteronismus

Primärer Aldosteronismus: Neue Kriterien erkennen fast doppelt so viele Fälle

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 08:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien legen nahe, dass bisherige Grenzwerte viele Fälle übersehen; neue Bildgebung und spezialisierte Zentren erweitern die Abklärung.
Ein klinisches Labor mit medizinischen Testgeräten und Glasphiolen auf einem sauberen Arbeitstisch. Illustration mit AI erstellt.

Der primäre Aldosteronismus gilt in der klinischen Praxis als eine häufig unerkannte Ursache für anhaltend erhöhte Blutdruckwerte. Wie der Mediziner Liu Bo-ren hervorhebt, betrifft diese hormonelle Störung keineswegs nur ältere Patienten, sondern tritt auch bei jungen sowie gesundheitsbewussten Menschen auf.

Ein Überschuss des Hormons Aldosteron führt dazu, dass die Nieren vermehrt Natrium und Wasser zurückhalten. Dieser Prozess treibt den Blutdruck kontinuierlich an und birgt das Risiko schwerer Folgeschäden an Herz, Gefäßen und Nieren, teilweise begleitet von einer Hypokaliämie.

Kriterien für eine gezielte Labordiagnostik

Zur Abklärung eines primären Aldosteronismus empfiehlt Liu Bo-ren eine differenzierte Blutuntersuchung, bei der Aldosteron, Renin und der entsprechende Quotient bestimmt werden. Eine solche Diagnostik sei insbesondere dann ratsam, wenn der Blutdruck trotz der Gabe von drei Blutdruckmedikamenten unkontrolliert bleibt oder eine Hypertonie gemeinsam mit einer Hypokaliämie auftritt.

Weitere Indikationen für eine gezielte Abklärung sind das Auftreten von Bluthochdruck in jungen Jahren, der Nachweis eines Nebennierentumors sowie eine familiäre Vorgeschichte mit Hypertonie und frühen Schlaganfällen.

Patienten sollten bestehende Blutdruckmedikamente jedoch keinesfalls eigenmächtig absetzen, da bestimmte Präparate die Testergebnisse verfälschen können; das Vorgehen müsse stets vorab ärztlich besprochen werden. Ergänzend zur medikamentösen und diagnostischen Betreuung rät der Mediziner zu Lebensstilmaßnahmen wie einer Salzreduktion, regelmäßiger Bewegung, Gewichtskontrolle und ausreichendem Schlaf.

Screening-Grenzwerte und Dunkelziffer in der Forschung

Die Relevanz der hormonellen Abklärung wird durch wissenschaftliche Erhebungen unterstrichen. Laut einer in der Fachzeitschrift Hypertension veröffentlichten Untersuchung von Quest Diagnostics, Mass General Brigham, Harvard und UT Southwestern betrifft der primäre Aldosteronismus etwa 5 bis 10 Prozent der Erwachsenen mit Bluthochdruck.

Auf Basis deidentifizierter Labortests von 60.449 Patienten in den USA kamen die Autoren zu dem Schluss, dass bisherige Screening-Grenzwerte möglicherweise die Hälfte der Betroffenen verfehlen.

Während Kriterien aus dem Jahr 2025 (PRA ?1 ng/mL/h, Aldosteron ?7,5 ng/dL, ARR >15) bei 13,0 Prozent der Fälle positiv ausfielen, führten permissivere Kriterien (PRA ?1 ng/mL/h, Aldosteron >5 ng/dL, ohne ARR) mit 26,2 Prozent zu einer annähernd doppelt so hohen Erkennungsrate. Von den zusätzlich identifizierten Patienten wiesen 79,0 Prozent Aldosteronwerte zwischen 5 und 7,5 ng/dL auf.

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Zusätzliche Erkenntnisse zur Hormonausschüttung lieferte eine Studie in Science Translational Medicine unter Beteiligung von Forschern aus Großbritannien, Norwegen, Schweden und Griechenland.

Mithilfe des tragbaren Messgeräts U-RHYTHM der University of Bristol, das 2023 von Dynamic Therapeutics weiterentwickelt wurde, analysierten die Wissenschaftler bei 60 Patienten über 24 Stunden hinweg alle 20 Minuten die Werte von Aldosteron, 18-Hydroxycortisol und 18-Oxocortisol. Dabei zeigten sich statt dauerhaft erhöhter Werte wiederkehrende nächtliche Hormonspitzen, die teils unter den herkömmlichen Diagnoseschwellen lagen. Dieses Muster trat insbesondere bei einseitigen Nebennierenerkrankungen auf und verschwand nach einer operativen Adrenalektomie vollständig.

Dr. Thomas Upton bezeichnete den primären Aldosteronismus als häufigste Form der sekundären Hypertonie, von der allein im Vereinigten Königreich Millionen Menschen betroffen seien. Prof. Stafford Lightman forderte daraufhin eine Neubewertung bestehender Diagnoseverfahren, während die Endocrine Society grundsätzlich eine Abklärung bei jedem Hypertoniepatienten empfiehlt.

Bildgebung und spezialisierte Versorgungsstrukturen

Um Betroffene präziser und schonender zu untersuchen, arbeiten Forscher an neuen Nachweisverfahren. Das Unternehmen Pentixapharm stellte im Rahmen des Nuklearmedizin-Kongresses EANM 2026 Daten der PENTALON-Studie vor, die bisherige Beobachtungen ergänzen.

Unter Verweis auf australische Studienergebnisse der Monash University im Journal of Nuclear Medicine aus dem Jahr 2026 sowie niederländische Daten der ersten CASTUS-Stufe strebt das Unternehmen an, operable Patienten nicht-invasiv zu identifizieren; bisherige nuklearmedizinische Verfahren hätten einseitige Erkrankungen mit hoher Spezifität nachgewiesen und seien von fast allen Patienten Katheteruntersuchungen vorgezogen worden.

Die Behandlung komplexer Bluthochdruckformen erfordert häufig spezialisierte Zentren. Leitlinien empfehlen, diagnostische und therapeutische Schritte bei schwer einstellbaren Verläufen in spezialisierten Hypertonie-Kliniken zu bündeln. In Deutschland wurden beispielsweise kardiologische Kliniken der Mathias-Stiftung in Ibbenbüren und Rheine als Hypertonie-Zentren der Deutschen Hochdruckliga zertifiziert.

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Differentialdiagnosen und interventionelle Ansätze

Neben hormonellen Störungen müssen bei therapierefraktärem Bluthochdruck auch vaskuläre Ursachen berücksichtigt werden. Bei über 45-Jährigen liegt einer Nierenarterienstenose in über 90 Prozent der Fälle atherosklerotische Plaque zugrunde, während bei jüngeren Frauen häufiger eine fibromuskuläre Dysplasie vorliegt.

Zur Abklärung kommen primär farbcodierte Duplexsonografien der Nierenarterien sowie bei unklarem Befund Angio-CT oder Angio-MR zum Einsatz. Therapeutisch genügen bei stabilen Verläufen Statine und Medikamente; bei unkontrollierter Hypertonie oder raschem Nachlassen der Nierenfunktion werden Angioplastien mit Stent oder bei komplexen Veränderungen Bypässe eingesetzt.

Ergänzend steht bei therapieresistenter Hypertonie die renale Denervation (RDN) zur Verfügung, ein minimalinvasiver katheterbasierter Eingriff an den Nierenarterien. Das Agaplesion Bethesda Krankenhaus Wuppertal erhielt hierfür erneut eine Zertifizierung durch Fachgesellschaften.

Ein wissenschaftlicher Review von UHealth an der University of Miami hält fest, dass moderne sham-kontrollierte Studien zu Verfahren wie Radiofrequenz, Ultraschall oder alkoholvermittelter Denervation eine moderate, aber klinisch bedeutsame Senkung des Blutdrucks belegen.

Das Verfahren dient demnach als Ergänzung zu Lebensstilmaßnahmen und Pharmakotherapie, wirft jedoch bezüglich Langzeit-Outcomes und optimaler Patientenselektion noch offene Fragen auf.

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