PRIMA bei Makuladegeneration: 80 Prozent lesen nach dem Training wieder
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Behandlung fortgeschrittener Netzhauterkrankungen verzeichnet durch mikroelektronische Sehprothesen spürbare Fortschritte. Im Zentrum der aktuellen Entwicklungen steht das Netzhautimplantat „PRIMA“ des US-Unternehmens Science Corporation mit Sitz in Alameda, Kalifornien.
Nach der im Juli 2026 erteilten EU-Zulassung erfolgte am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) am Campus Lübeck die weltweit erste Implantation dieses Systems bei einer 80-jährigen Patientin, die infolge einer geographischen Atrophie – der Spätform der trockenen altersbedingten Makuladegeneration (AMD) – erblindet war.
Die Operation führte Prof. Dr. Salvatore Grisanti durch. Die Kanzlei McDermott Will & Schulte beriet das Medizintechnikunternehmen bei den Verhandlungen mit der Lübecker Universitätsklinik über diesen ersten kommerziellen Eingriff.
Technische Funktionsweise des Implantats
Das System von Science Corporation ist als erstes Brain-Computer-Interface-Gerät für die Wiederherstellung des Formensehens zertifiziert, womit das Erkennen von Buchstaben, Zahlen und Wörtern gemeint ist.
Der Chip misst lediglich 2x2 Millimeter und wird direkt unter die Netzhaut gesetzt. Das Implantat verfügt über 378 Pixel, die jeweils mit einer Elektrode und zwei Photodioden ausgestattet sind. Die Energieversorgung funktioniert dabei batterielos nach dem Prinzip einer Solarzelle.
Gekoppelt ist der Mikrochip an eine Spezialbrille. Deren integrierte Kamera arbeitet mit rund 5 Millionen Pixeln bei einer Bildrate von 30 Bildern pro Sekunde. Ein Prozessor wandelt die optischen Daten in ein Nahinfrarotsignal mit einer Wellenlänge von 880 Nanometern um.
Über eine Laserprojektion gelangt das Signal durch die Pupille auf das Implantat. Dort nimmt der Chip das Licht auf und transformiert es in elektrische Impulse, welche die noch verbliebenen Netzhautnervenzellen anregen.
Ergebnisse klinischer Studien und therapeutische Grenzen
In einer klinischen Studie an 17 Zentren mit 38 Patienten stellte das System funktionelles zentrales Sehen um bis zu 81 Prozent wieder her. Nach einem Zeitraum von 12 Monaten wiesen 80 Prozent der Studienteilnehmer eine Verbesserung um mindestens 0,2 logMAR beziehungsweise 10 ETDRS-Buchstaben auf.
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Nach entsprechender Trainingsphase waren über 80 Prozent der behandelten Personen wieder in der Lage, Texte zu lesen, Kreuzworträtsel zu lösen oder ein Smartphone zu bedienen. Für die Patientin in Lübeck prognostizierte Grisanti nach der Implantation das künftige Erkennen mittelgroßer Buchstaben.
Im Oktober 2026 berichteten Fachmedien zudem über die erstmalige Erprobung bei einem Patienten mit Stargardt-Erkrankung, einer erblichen Makuladegeneration. Dieser konnte nach zwei Rehabilitationssitzungen zunächst einen Buchstaben und daraufhin ein Wort erfassen.
Science-Corporation-CEO Max Hodak dämpfte auf der TechCrunch-Disrupt-Konferenz im Oktober 2026 jedoch verfrühte Erwartungen: Die aktuelle Generation liefere lediglich ein eng begrenztes zentrales Schwarz-Weiß-Fenster mit hohem Kontrast. Ein Farb- oder Weitwinkelsehen existiere bislang nicht, zudem stünden Bewertungen zur Langzeitsicherheit und Stabilität noch aus.
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Eine am 16. Oktober 2026 offengelegte Untersuchung unterstrich ebenfalls den vorläufigen Charakter der Resultate bei begrenzter Patientenzahl; vor weiterführenden Zulassungsschritten bedürfe es größerer Teilnehmergruppen und längerer Beobachtungszeiträume.
Regulatorischer Rahmen und Branchenumfeld
Während in Europa die CE-Zertifizierung vorliegt und in Deutschland die erste kommerzielle Implantation vorbereitet wird, steht die US-Zulassung durch die Food and Drug Administration (FDA) noch aus. In den Vereinigten Staaten führt die Behörde das System bislang unter den Statusbezeichnungen „Breakthrough Device“ sowie „Humanitarian Use Device“, was noch keine reguläre Marktzulassung darstellt.
Der Bedarf an Therapien ist hoch: Allein in Deutschland gilt die AMD mit über einer Million Betroffenen als häufigste Ursache für Erblindungen, weltweit leiden mehr als fünf Millionen Menschen an geographischer Atrophie. Neben Science Corporation arbeiten weitere Akteure an Lösungen; so startete das belgische Unternehmen ReVision Implant im Oktober 2026 seine erste klinische Studie am Menschen.
