Präsentismus, Trend

Präsentismus: 72 Prozent arbeiten krank – Trend verschärft sich

Veröffentlicht: 19.07.2026 um 04:09 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Studien belegen: Nachteulen haben höheres Depressionsrisiko, Hitze raubt Schlaf und 72% der Beschäftigten arbeiten krank.

Schlafmangel und Präsentismus: Neue Risiken für Arbeitnehmer
Eine Person im Dunkeln, beleuchtet vom schwachen Schein einer Digitaluhr, die späte Stunden anzeigt, mit müdem Ausdruck. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Aktuelle Studien aus dem Jahr 2026 zeigen: Wer gegen seine innere Uhr arbeitet, riskiert nicht nur Schlafentzug, sondern auch psychische Probleme.

Nachteulen tragen ein höheres Risiko

Forschende der Stanford University werteten rund 74.000 Datensätze der UK-Biobank aus. Ihr Ergebnis: Menschen mit spätem Chronotyp – sogenannte Nachteulen – haben ein höheres Risiko für Depressionen und Angststörungen.

Entscheidend ist dabei nicht die Übereinstimmung mit dem natürlichen Rhythmus, sondern die absolute Uhrzeit der Ruhephase. Experten empfehlen, das Licht spätestens um 1 Uhr nachts auszuschalten. Für Schichtarbeiter wird das zur Herausforderung: Die chronische Verschiebung der Ruhephasen erhöht die Anfälligkeit für psychische Belastungen.

Klimawandel raubt den Schlaf

Auch die Umwelt beeinflusst die Erholung. Eine Analyse von Climate Central für den Zeitraum 2020 bis 2025 zeigt: Weltweit verlieren Menschen durch zunehmende Hitze durchschnittlich 56 Stunden Schlaf pro Jahr. Das entspricht etwa sieben verlorenen Nächten.

Zum Vergleich: In den 1970er Jahren lag der hitzebedingte Verlust noch bei 46 Stunden. Besonders betroffen sind Ballungsräume im Nahen Osten und Südostasien mit bis zu 91 Stunden jährlichem Schlafverlust. In Neapel wurden 51 Stunden registriert, in Athen 45 und in Valencia 42.

Für die Arbeitswelt ist das relevant: Rund ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland leidet bei extremer Hitze unter gesundheitlichen Problemen. Das schränkt die Regenerationsfähigkeit nach belastenden Schichten zusätzlich ein.

Präsentismus auf dem Vormarsch

Ein wachsendes Problem ist der sogenannte Präsentismus – das Arbeiten trotz Krankheit. Daten der Arbeiterkammer Oberösterreich für 2025 belegen: 72 Prozent der Beschäftigten gingen krank zur Arbeit. 2015 waren es noch 30 Prozent.

Bei stark belasteten Arbeitnehmern liegt die Quote sogar bei 94 Prozent. Eine Umfrage unter rund 2.000 Erwerbstätigen aus dem Juni 2026 bestätigt den Trend: Über 95 Prozent gaben an, bereits trotz Krankheit gearbeitet zu haben. Die Gründe: Angst vor beruflichen Nachteilen und empfundener Rechtfertigungsdruck.

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Arbeitswissenschaftler warnen: Der Trend gefährdet die langfristige Gesundheit. In sicherheitskritischen Bereichen wie der Nachtschicht in Logistikzentren erhöht sich die Fehlerquote. Die durchschnittlichen Krankenstandstage lagen 2025 bei 15,4 – ein Rückgang gegenüber 1980 (17,4 Tage), der jedoch nicht auf eine gesündere Belegschaft, sondern auf steigenden Präsentismus zurückgeht.

Unternehmen setzen auf kürzere Arbeitszeiten

Einige Firmen reagieren auf die steigenden Belastungen. Der italienische Klimatechnik-Hersteller Galletti führte 2026 eine 34-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Für Schichtarbeiter bedeutet das: von Montag bis Donnerstag jeweils sieben Stunden Arbeit, vergütet als acht Stunden. Ziel ist es, die Erholungsphasen zu verlängern.

Parallel dazu gewinnen Automatisierungslösungen an Bedeutung. Der Medizintechnikhersteller Stryker-Leibinger setzt auf unbemannte Produktionen in Nebenzeiten. Moderne Mess- und Vermessungssysteme übernehmen Werkzeugwechsel und Qualitätssicherung ohne menschliches Eingreifen. So lassen sich personalintensive Nachtschichten reduzieren.

Prävention wird immer wichtiger

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont in aktualisierten Leitlinien: Bis zu 45 Prozent der Demenzrisiken sind durch Prävention vermeidbar – etwa durch regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und die Behandlung von Bluthochdruck. Für Schichtarbeiter sind solche Empfehlungen wegen unregelmäßiger Lebensweisen schwer umzusetzen.

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Gleichzeitig steigen die Kosten im Gesundheitswesen. Die IKK Classic erhöht den Zusatzbeitrag zum 1. August 2026 um 0,45 Prozentpunkte auf 3,85 Prozent. Politisch wird zudem über eine Verschärfung der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag diskutiert. Gewerkschaften kritisieren das: Sie befürchten, dass eine solche Regelung den Präsentismus weiter verstärkt und die Arztpraxen zusätzlich belastet.

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