Potsdam besteuert Einwegverpackungen: Neue Abgabe startet am 1. Oktober
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 02:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zahlreiche Initiativen zur Abfallvermeidung und Ansätze für ein verändertes Konsumverhalten rücken einen schonenden Umgang mit Rohstoffen sowie die Reduzierung alltäglicher Ausgaben in den Fokus. Ob im Bereich von Lebensmitteln, bei langlebigen Konsumgütern oder beim Verpackungsmüll: Gesetzliche Vorgaben und kommunale Projekte versuchen zunehmend, Wertstoffkreisläufe zu schließen und das Entstehen von Restmüll bereits an der Quelle zu verringern.
Reduzierung von Lebensmittelabfällen im Alltag
Ein wesentlicher Hebel für Ressourceneffizienz liegt im Konsumbereich. Nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) fallen in Deutschland entlang der gesamten Lebensmittelversorgungskette jährlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Auf die privaten Haushalte entfallen dabei rund 60 Prozent dieser Menge.
Eine Nationale Strategie bindet neben den Verbrauchern auch Primärproduktion, Verarbeitung, Groß- und Einzelhandel sowie die Außer-Haus-Verpflegung ein. Zudem wurden ein Pakt mit dem Handel und eine Zielvereinbarung für die Außer-Haus-Verpflegung geschlossen. Ergänzend unterstützt die Kompetenzstelle KLAV bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) entsprechende Prozesse.
Zur praktischen Sensibilisierung organisiert das BMLEH gemeinsam mit den Bundesländern bereits zum siebten Mal die bundesweite Aktionswoche „Zu gut für die Tonne!“, die vom 29. September bis zum 6. Oktober 2026 unter dem Motto „Alles auf dem Zettel“ stattfindet. Mehr als 180 kostenlose Aktionen sind auf einer interaktiven Deutschlandkarte verzeichnet.
Regulatorischer Rahmen für Reparatur und Transparenz
Parallel zu Aufklärungsmaßnahmen verändern neue Vorgaben die Rahmenbedingungen für den Einzelhandel und Hersteller. Seit dem 31. Juli 2026 greift in Deutschland das Recht auf Reparatur. Hersteller sind verpflichtet, für bestimmte Gerätekategorien Reparaturmöglichkeiten für bis zu zehn Jahre zu gewährleisten.
Entscheiden sich Kunden im Rahmen der Gewährleistung für eine Reparatur statt für einen kompletten Austausch, verlängert sich die Gewährleistungsfrist um zwölf Monate. Verbraucherschützer weisen in diesem Kontext jedoch darauf hin, dass bei Geräten mit Netzspannung, Lithium-Akkus oder medizinischen Produkten von eigenständigen Reparaturen abgesehen werden sollte.
Zudem zeigt eine Auswertung des Umweltbundesamts, dass der Austausch besonders ineffizienter Altgeräte im Einzelfall klimafreundlicher sein kann – etwa bei Kühl-Gefrier-Kombinationen ab 340 Kilowattstunden pro Jahr, Gefrierschränken ab 430 Kilowattstunden pro Jahr oder Kühlschränken ab 460 Kilowattstunden pro Jahr.
Ab dem 27. September 2026 sind Verkäufer in Deutschland zudem dazu verpflichtet, Verbraucher mit einem einheitlichen Label über die gesetzlichen Gewährleistungsrechte zu informieren, um die Transparenz beim Kauf langlebiger Konsumgüter zu verbessern.
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Verpackungsvermeidung und Kreislaufwirtschaft
Auch im Verpackungssektor verschärfen sich die Regeln. Das Bundeskabinett beschloss am 11. Februar 2026 das Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz mit Inkrafttreten zum 12. August 2026, um die seit dem 1. Januar 2026 rechtskräftige EU-Verpackungsverordnung umzusetzen. Diese verlangt eine Recyclingquote von mindestens 65 Prozent aller Verpackungsabfälle. Eine Organisation für Reduzierungs- und Vermeidungsmaßnahmen soll Mehrweglösungen und Wiederverwendung weiter ausbauen.
Auf kommunaler Ebene greifen Städte zu eigenen Steuerungsinstrumenten. Nach Tübingen, Konstanz und Freiburg führt die Stadt Potsdam zum 1. Oktober 2026 eine Steuer auf Einwegverpackungen ein, gegen die es kurz vor dem Start weiterhin Kritik und Änderungsforderungen aus der CDU-Fraktion gibt.
Wie groß der Hebel bei Einwegbehältern ist, verdeutlicht die hessische Initiative „BecherBonus“: Bundesweit fallen jährlich schätzungsweise 2,8 Milliarden Einwegbecher an – das entspricht rund 320.000 Bechern pro Stunde und erzeugt circa 40.000 Tonnen Müll im Jahr.
Gleichzeitig verweist die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft auf strukturelle Herausforderungen. Eine Studie des Fraunhofer UMSICHT im Auftrag des Umweltdienstleisters Interzero für das Betriebsjahr 2025 zeigt, dass die Kreislaufführung von rund 1 Million Tonnen Kunststoffen etwa 3 Millionen Barrel Rohöl einsparen konnte.
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Allerdings erschweren steigende Anteile von Verbundverpackungen, Multilayer-Folien und Sortierresten im Gelben Sack die Wiederverwertung, weshalb Fachleute eine konsequent recyclinggerechte Produktgestaltung fordern.
Regionale Tausch- und Sammelprojekte
Ergänzend zu gesetzlichen Vorgaben gewinnen Wiederverwendungsinitiativen vor Ort an Bedeutung. Die Deutsche Umwelthilfe verweist darauf, dass in deutschen Haushalten rund 167 Millionen ungenutzte Althandys lagern, in denen wertvolle Rohstoffe wie rund 3.700 Tonnen Aluminium, 765 Tonnen Kupfer, 21 Tonnen Silber und über eine Tonne Gold gebunden sind.
Bei jährlich etwa 20 Millionen neu verkauften Mobiltelefonen ließen sich durch die Weiternutzung eines einzelnen Geräts 14 Kilogramm Ressourcen und 58 Kilogramm Treibhausgasemissionen vermeiden. Gemeinsam mit Bundestagsabgeordneten verschiedener Fraktionen führt die Organisation daher bis zum 23. Dezember 2026 eine bundesweite Handysammlung über Regional- und Wahlkreisbüros durch.
Kommunale Akteure setzen auf ähnliche Modelle: In Frankfurt organisiert die FES im Herbst Tausch- und Sammeltermine für Kleidung und Gebrauchsgegenstände, während der Kanton Basel-Stadt mit dem Pilotprojekt „Pretty Good Basel“ funktionstüchtige oder leicht defekte Alltagsgüter über Wertstoffhöfe sammelt und nach Aufbereitung dem Secondhand-Kreislauf zuführt.
