Postinfektiöse Erkrankungen: Leopoldina kritisiert Versorgungslücken für 1,5 Millionen
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Deutschland leiden über 1,5 Millionen Menschen unter bleibenden Symptomen nach einer Virusinfektion. Eine im Oktober 2026 vorgelegte Stellungnahme verdeutlicht erhebliche Defizite in der wissenschaftlichen Erforschung sowie der flächendeckenden medizinischen Versorgung von Patienten mit postinfektiösen Erkrankungen (PIE).
Betroffene sehen sich oft mit schweren Erschöpfungszuständen und chronischen Schmerzen konfrontiert, während bestehende Versorgungsstrukturen erhebliche Lücken aufweisen.
Ökonomische Dimension und Mängel in der Dateninfrastruktur
Nach Schätzungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sind bis zu 0,2 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts erforderlich, um eine angemessene Versorgung sicherzustellen. Die Leopoldina wies darauf hin, dass postinfektiöse Erkrankungen über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden seien.
Als wesentliches Problem gilt die derzeitige Datengrundlage. Krankenkassendaten dienen vorrangig Abrechnungszwecken, weshalb wichtige medizinische Details fehlen – darunter die konkrete Symptomschwere, der Impf- und Immunstatus sowie spezifische Testergebnisse.
Da diese Daten zudem getrennt verwaltet werden und Datenschutz- sowie Ethikkommissionen auf Ebene der einzelnen Bundesländer die Erhebungen erschweren, bleibt die wissenschaftliche Auswertung fragmentiert.
Leopoldina-Sprecher Norbert Suttorp und die Akademie fordern vor diesem Hintergrund, Versorgungslücken zu schließen, einheitliche Standards zu etablieren und eine gezielte Dateninfrastruktur zur Erfassung von Biomarkern aufzubauen.
Über 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit bleibenden Beschwerden nach einer Virusinfektion — und die Leopoldina benennt in ihrer Stellungnahme vom Oktober 2026 genau die Lücken, die Betroffene täglich spüren: fehlende Anlaufstellen, fragmentierte Daten, wenig spezialisierte Diagnostik. Dieser kostenlose Leitfaden bündelt, was Sie trotzdem in der Hand haben: eine Übersicht spezialisierter Ambulanzen, eine Checkliste für das nächste Arztgespräch und Strategien, um Ihre Energie über den Tag zu retten. Kostenlosen Leitfaden für Betroffene sichern
Wissenschaftliche Debatten um Abgrenzung und Datenlage
Die Thematik stand auch im Mittelpunkt einer Bundespressekonferenz am 1. Oktober 2026, an der Leopoldina-Vizepräsidentin Regina Riphahn, Charité-Infektiologe Norbert Suttorp und die Immunologin Carmen Scheibenbogen teilnahmen. Dabei wurde festgehalten, dass zu gesundheitlichen Beschwerden infolge von Impfungen (Post-Vac) bislang nur wenige Daten vorliegen.
Im Zuge der Veröffentlichung kam es auch zu Debatten über Definitionen: Das Portal Zeiten-News thematisierte Vorwürfe, wonach die Leopoldina Impfreaktionen in die Definition von Long-COVID einbezogen habe. Dies stehe im Widerspruch zum Konzept des Robert Koch-Instituts, welches Long-COVID ausschließlich als Folge einer Infektion mit SARS-CoV-2 definiert. Eine Verwischung von Infektionsfolgen und Impfreaktionen könne die wissenschaftliche Genauigkeit beeinträchtigen.
Schwere Beeinträchtigungen und verzögerter Ausbau von Ambulanzen
Wie schwer die Belastung für Patienten im Alltag wiegt, zeigt das Krankheitsbild ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom). Betroffene beschreiben ihr Energieniveau mit dem Zustand eines Mobiltelefons, dessen Akku nur noch zu 5 Prozent geladen ist.
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Jede Kraftanstrengung muss über den Tag hinweg streng eingeteilt werden, um schwere Rückfälle zu vermeiden. Bei schweren Verläufen mit bis zu 40 unterschiedlichen Symptomen ist ein Verlassen des Betts zeitweise unmöglich; selbst Gespräche oder das bloße Zuhören überfordern die Belastungsgrenzen, sodass die Verständigung teils auf Handzeichen beschränkt bleibt.
Die Etablierung spezialisierter Anlaufstellen kommt indes nur langsam voran. Das Uniklinikum Graz plant, im Dezember 2026 eine neue ambulante Einheit für ME/CFS und Long-COVID in Betrieb zu nehmen. Während die personelle Leitung bereits feststeht, befindet sich die Spezialambulanz derzeit weiter im Aufbau.
