Postakute, Infektionsfolgen

Postakute Infektionsfolgen: 8,6 Prozent haben Symptome über zwölf Wochen

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 02:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschungsarbeiten beleuchten, wie Erreger Krebs begünstigen und Immunreaktionen sowie Beschwerden nach Infektionen langfristig beeinflussen.

Infektionen und Langzeitfolgen: Studien zeigen Krebs- und Entzündungsrisiken
Mikroskopische Aufnahme von biologischem Gewebe mit komplexen zellulären Strukturen und organischen Texturen. Illustration mit AI erstellt.

Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien beschäftigt sich damit, wie Infektionen im Körper Prozesse auslösen, die weit über die akute Erkrankung hinaus wirken. Von Magenkrebs über Autoimmunerkrankungen bis hin zu Long-Covid-ähnlichen Syndromen zeichnet sich ab, dass das Immunsystem nach einer Infektion mitunter dauerhaft verändert bleibt – mit teils schwerwiegenden Folgen.

Helicobacter pylori und der Weg zum Magenkrebs

Forscher der Charité um Prof. Michael Sigal und Dr. Manqiang Lin, mit Erstautorin Giulia Beccaceci im Rahmen des Exzellenzclusters ImmunoPreCept, haben untersucht, wie das Bakterium Helicobacter pylori, das zu 90 Prozent Ursache von Magenkarzinomen ist, das Schutzsystem der Magenschleimhaut außer Kraft setzt.

Der Keim regt Immunzellen zur Produktion von Interleukin-1beta an, das auf Bindegewebe wirkt und darüber ein Gewebshormon aktiviert. Dieses schaltet die Schleimhaut in einen Reparaturmodus – ein embryonales Programm –, in dessen Folge Zellen unkontrolliert wachsen können. Die in Nature Communications veröffentlichte Studie stützt sich auf Einzelzell-Sequenzierungen, Tiermodelle sowie Organoide und Assembloide.

Zwar gilt eine Antibiotikatherapie als beste Behandlungsoption, normalisiert die Schleimhaut den Forschern zufolge jedoch nicht bei allen Betroffenen – bleibt die Umprogrammierung bestehen, besteht weiterhin ein Krebsrisiko.

Marker zur Früherkennung von Krebsvorstufen befinden sich in Entwicklung, ein möglicher therapeutischer Angriffspunkt wäre, Bindegewebszellen unempfänglich für Interleukin-1beta zu machen. Frühere Bevölkerungsstudien zeigten zudem, dass die regelmäßige Einnahme von COX-2-Blockern das Risiko für Magen-Darm-Tumoren senken kann.

Bei erhöhtem Risiko – etwa durch familiäre Vorbelastung, Beschwerden oder bekannte Infektion – wird ein Helicobacter-Test mit anschließender antibiotischer Behandlung empfohlen. In Österreich erkrankten 2022 nach Angaben von kurier.at 1.173 Menschen an Magenkrebs, 703 starben daran.

Globale Dimension infektionsbedingter Krebserkrankungen

Eine Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon, veröffentlicht in The Lancet Oncology, kommt zu dem Ergebnis, dass 2024 weltweit rund 2,3 Millionen neue Krebsfälle auf Infektionen mit Viren, Bakterien und Parasiten zurückgingen – etwa 12 Prozent aller neu diagnostizierten Fälle. Häufigster Erreger war Helicobacter pylori mit 760.000 neuen Fällen, gefolgt von HPV mit 750.000 Fällen und dem Hepatitis-B-Virus.

Fast drei Viertel aller infektionsbedingten Krebserkrankungen entfielen auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Ostasien verzeichnete 990.000 Fälle, in Subsahara-Afrika war rund ein Viertel aller Krebsfälle infektionsbedingt, vor allem durch HPV. Die geringste Betroffenheit wiesen Nord-, West- und Südeuropa, Nordamerika und Ozeanien auf – Westeuropa kam auf einen Anteil von 5 Prozent.

Deutschland verzeichnete 29.000 solcher Fälle. Die IARC stuft 13 Erreger als gesichert krebserregend ein, darunter neun Viren, ein Bakterium und drei Parasiten. Die HPV-Impfrate in Deutschland lag bei 15-Jährigen bei 55 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen, deutlich niedriger als in Portugal und Schweden mit rund 90 Prozent.

In England, wo seit 2008 geimpft wird, gab es zwischen 2020 und 2024 bei Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren keinen Todesfall durch Gebärmutterhalskrebs, statistisch wären 23 erwartet worden. Die IARC rechnet mit einem Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen von rund 20 Millionen auf 35 Millionen bis 2050.

Erhöhtes Risiko bei Autoimmunerkrankungen

Eine Kohortenstudie von Gros C et al. von der Université Sorbonne Paris Nord, veröffentlicht in RMD Open, untersuchte 122.316 Patienten mit immunvermittelten entzündlichen Erkrankungen (IMID) gegenüber 316.047 Kontrollpersonen über acht Jahre mit einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 4,11 Jahren.

Das Risiko für HPV-bedingte Krebserkrankungen und schwere Dysplasien war demnach fast doppelt so hoch. Innerhalb der IMID-Gruppe zeigte sich das höchste Risiko bei Frauen sowie bei systemischem Lupus erythematodes. Die Autoren empfehlen verstärkte HPV-Vorsorge und Impfstrategien bei IMID-Patienten.

Zellmechanismen und Darmentzündungen

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Eine im September 2026 veröffentlichte Studie in Nature Structural and Molecular Biology identifizierte das Protein HERC4 als Schlüsselkomponente der durch den Botenstoff TNF ausgelösten Zellabläufe, die zu Zelltod und Entzündung führen.

Forscher um Prof. Sudan He, Prof. Henning Walczak und Prof. She Chen zeigten in Mausmodellen, dass Tiere ohne HERC4 vor TNF-induzierten systemischen Entzündungsreaktionen und akuter Leberschädigung geschützt waren. Therapeutisches Potenzial sehen die Forscher unter anderem bei rheumatoider Arthritis, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Psoriasis und Sepsis.

Kieler Forschungsgruppen fanden zudem, dass bei aktiver Darmentzündung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa weniger vom Enzym QPRT gebildet wird, wodurch sich Quinolinsäure anreichert und weniger NAD? entsteht – mit der Folge eines Energieengpasses in der Darmschleimhaut, der die Regeneration erschwert.

Der Körper weicht dann auf alternative Stoffwechselwege aus, wobei Nicotinamid (Vitamin B3) unter Entzündungsbedingungen besonders effizient zur NAD?-Bildung beiträgt. Die klinische Studie ORNATUS prüft derzeit lokal wirksames Nicotinamid bei Colitis ulcerosa.

Mikrobiom, Nervensystem und Langzeitfolgen

Weitere Forschungsansätze widmen sich dem Zusammenhang zwischen Darmbakterien und neurodegenerativen Erkrankungen. Eine KI-Analyse zahlreicher Mikrobiomproben identifizierte das Bakterium Segatella copri, das bei Parkinson-Patienten überdurchschnittlich häufig vorkommt und die Darmbarriere schwächen sowie entzündliche Prozesse fördern könnte.

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Weitere Untersuchungen zu Demenz brachten eine verringerte Mikrobiom-Diversität und das Überwiegen entzündungsfördernder Bakterienstämme mit einem höheren Risiko für kognitive Einbußen im Alter in Verbindung. Schnelltests aus Stuhlproben zur Risikoabschätzung befinden sich in Entwicklung, sind aber noch nicht klinisch einsetzbar.

Auch die DigiHero-Studie der Universitätsmedizin Halle unter Leitung des Epidemiologen Rafael Mikolajczyk, mit Erstautorin Friederike Peter, verdeutlicht das Ausmaß langfristiger Infektionsfolgen.

Von über 50.000 Befragten zwischen September 2024 und August 2025 waren 37 Prozent mindestens einmal erkältet oder hatten einen fieberhaften Infekt; 8,6 Prozent berichteten von Symptomen über zwölf Wochen nach der Infektion, einem sogenannten postakuten Infektionssyndrom.

Als Auslöser wurden bei 17,2 Prozent Sars-CoV-2, bei 3,7 Prozent Influenza und bei 1,3 Prozent RSV genannt, bei 75,5 Prozent blieb der Erreger unbekannt. Nur bei 17 Prozent der Betroffenen heilten die Symptome innerhalb eines Jahres vollständig aus.

Frauen waren doppelt so häufig betroffen wie Männer, Menschen über 50 Jahre doppelt so häufig wie jüngere. 87 Prozent fühlten sich mäßig bis stark belastet, jedoch suchten nur 58 Prozent ärztliche Hilfe auf. Die Ergebnisse wurden in Scientific Reports und im Deutschen Ärzteblatt International veröffentlicht.

Auch bei HIV-Infektionen zeigt sich, wie hartnäckig sich Erreger im Körper halten können: Eine Studie von Fengting Wu und Kollegen der Johns-Hopkins-Universität, veröffentlicht in Science, wies nach, dass bei HIV-Patienten mit dauerhaft nachweisbaren, aber niedrigen Viruskopien trotz antiretroviraler Therapie identische, sich nicht weiterentwickelnde Virus-RNA-Varianten zirkulieren.

In Untersuchungen an Blutproben von acht Infizierten bildeten bei sieben von acht Teilnehmenden T-Helferzellen nach Kontakt mit körpereigenen Antigenen HIV-RNA – ein Hinweis darauf, dass Medikamente zwar die Infektion weiterer Zellen unterdrücken, das Virus im Körper aber bestehen bleibt.

Einordnung und Faktenlage zu Impfungen

Angesichts der Diskussionen um Ursachen chronischer Erkrankungen weist ein Faktencheck von dpa und Paul-Ehrlich-Institut Behauptungen zurück, wonach Impfungen einen Großteil chronischer Erkrankungen verursachten.

Das Institut sieht keine wissenschaftlichen Belege für einen solchen Zusammenhang; chronische Krankheiten entstünden vielmehr aus einem Zusammenspiel genetischer, physiologischer, umweltbezogener und verhaltensbedingter Faktoren.

Eine große dänische Studie mit Daten von mehr als einer Million Kindern fand keinen Zusammenhang zwischen aluminiumhaltigen Impfstoffen und 50 untersuchten Krankheiten, darunter Autismus, Asthma, Allergien und Autoimmunerkrankungen.

In Deutschland ist laut einem Report der Robert Bosch Stiftung und der Universität Frankfurt aus dem Jahr 2020 mehr als jeder zweite Mensch über 65 Jahren von chronischen Erkrankungen betroffen – ein Befund, der die Suche nach den tatsächlichen, infektionsbedingten Mechanismen umso dringlicher macht.

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