Polypharmazie, Teamprüfungen

Polypharmazie im Alter: Teamprüfungen senken Risiken und verbessern Lebensqualität

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Auswertung von 38 Studien verbindet fachübergreifende Medikationsprüfungen mit weniger Fehlverordnungen und höherer Lebensqualität.
Ein heller, minimalistischer Behandlungsraum mit einem leeren Glas Wasser auf einem Holztisch bei natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die gleichzeitige Verordnung mehrerer Arzneimittel stellt das Gesundheitssystem vor wachsende Herausforderungen. Eine am 14. Oktober 2026 im Fachjournal BMC Geriatrics veröffentlichte Auswertung von Aravinda Kumar Balan vom Pondicherry Institute of Medical Sciences in Indien zeigt auf, welche Strategien bei der Versorgung älterer Menschen wirksam sind.

Die Übersichtsarbeit untersuchte 38 Studien aus den Jahren 2010 bis 2024 und belegt, dass gemeinsame Medikationsüberprüfungen durch Fachkräfte aus Pharmazie, Medizin und Pflege die Zahl potenziell unangemessener Verordnungen sowie unerwünschter Arzneimittelereignisse senken können. Zudem ging die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen zurück, während Lebensqualität und Patientenzufriedenheit stiegen.

Kernkomponenten und Hürden im Versorgungsalltag

Als zentrale Pfeiler dieser kooperativen Überprüfung benennt Balan den strukturierten Abgleich der Medikamentenliste, umfassende geriatrische Beurteilungen sowie das gezielte Absetzen nicht mehr notwendiger Präparate. Als standardisierte Hilfsmittel kommen dabei bewährte Instrumente wie die STOPP/START-Kriterien sowie der Medication Appropriateness Index zum Einsatz.

Gleichzeitig verweist die Arbeit darauf, dass die praktische Einführung erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen, standardisierte Abläufe und organisatorischen Rückhalt in den Einrichtungen erfordert. Fragen zur längerfristigen Tragfähigkeit und zur Übertragbarkeit auf breitere Versorgungsebenen gelten demnach weiterhin als offen.

Anzeige

Vorsicht: Diese Medikamente können Senioren ab 60 gefährlich werden. Über 180 Wirkstoffe stehen auf der Priscus-Liste – wahrscheinlich liegt einer davon auch in Ihrem Schrank. Sicherheits-Check für Medikamente kostenlos anfordern

Hohe Risiken durch Polypharmazie und Notaufnahmen

Die Bedeutung strukturierter Prüfungen verdeutlichen internationale Vergleichszahlen. Laut Michael Steinman von der University of California in San Francisco führen Nebenwirkungen von Arzneimitteln in den Vereinigten Staaten jährlich zu mehr als 600.000 Besuchen älterer Menschen ab 65 Jahren in Notaufnahmen.

Daten der John A. Hartford Foundation belegen, dass Senioren in den USA im Durchschnitt vier Medikamente pro Tag einnehmen, wobei über 15 Prozent sogar acht oder mehr Präparate nutzen.

Eine Veröffentlichung im Journal JAMA Internal Medicine aus dem Jahr 2026 ergab zudem, dass einer von 15 Patienten ab 65 Jahren nach einer Entlassung aus der Notaufnahme ein potenziell unangemessenes Medikament erhält.

Dass gezielte Anpassungen messbare Effekte erzielen können, zeigt eine Studie aus The Lancet Regional Health – Americas von 2025: Das Absetzen von Schlafmitteln könnte demnach das lebenslange Sturzrisiko um 8,5 Prozent und das Risiko kognitiver Beeinträchtigungen um rund 2 Prozent verringern. In den USA nehmen fast 12 Prozent der Personen ab 65 Jahren regelmäßig Schlafmittel ein.

Anzeige

Stürze, Schwindel oder Verwirrtheit können oft die Folge unpassender Medikation im Alter sein. Der kostenlose PDF-Ratgeber zeigt sichere Alternativen, über die Sie mit Ihrem Arzt sprechen können. Kostenlosen Ratgeber zur Priscus-Liste herunterladen

Herausforderungen bei Verschreibung und Betreuung

Internationale Daten einer Übersichtsarbeit für die Weltgesundheitsorganisation unter der Leitung von Panagioti, die 100 Studien mit 487.162 Patienten analysierte, zeigen das Ausmaß des Problems: Vermeidbare medikamentenbezogene Schäden betreffen 5 Prozent der behandelten Personen, wobei etwa ein Viertel dieser Ereignisse schwer oder potenziell lebensbedrohlich ausfällt. Weltweit entstehen 53 Prozent dieser Schäden in der Phase der Verschreibung und 36 Prozent bei der Überwachung oder Meldung.

Auch Fachgesellschaften mahnen zur Vorsicht. Die American Geriatrics Society führt in ihren regelmäßig aktualisierten Beers-Kriterien rund 100 Wirkstoffe auf, die für ältere Jahrgänge erhöhte Risiken bergen. Experten betonen in diesem Zusammenhang, dass Patienten verordnete Medikamente keinesfalls eigenmächtig absetzen sollten, sondern Anpassungen stets in enger Abstimmung mit den behandelnden Teams erfolgen müssen.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70352680 |