Polypharmazie, Demenzrisiko

Polypharmazie: Demenzrisiko steigt um 54 Prozent bei Anticholinergika

23.06.2026 - 19:36:26 | boerse-global.de

45 Prozent der Hochbetagten nehmen täglich fünf oder mehr Medikamente ein. Neue Studien belegen erhöhte Demenz- und Frakturrisiken.

Polypharmazie: Gefährliche Wechselwirkungen bei Senioren
Polypharmazie - Ältere Hände haben Mühe, Medikamentenflaschen und Blisterpackungen zu öffnen, was die Komplexität der Polypharmazie symbolisiert. 23.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Besonders die Altersgruppe der 85- bis 94-Jährigen ist betroffen.

In Europa nehmen rund 30 Prozent der über 65-Jährigen täglich fünf oder mehr Präparate ein. Bei den 85- bis 94-Jährigen steigt dieser Anteil auf 45 Prozent. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des spanischen Gesundheitsministeriums.

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Das Problem: Mit jedem zusätzlichen Wirkstoff steigt das Risiko für unerwünschte Wechselwirkungen erheblich. Ziel der Behandlung im Alter bleibt laut klinischen Leitfäden zwar der Erhalt der Lebensqualität und Selbstständigkeit. Doch die praktische Umsetzung scheitert oft an simplen Hürden.

Wenn die Verpackung zur Barriere wird

Eine Studie des Universitätsklinikums Essen aus dem Jahr 2026 zeigt die alltäglichen Probleme. Von 102 Teilnehmern ab 70 Jahren gaben 20 Prozent an, dass ihnen Medikamente ausgegangen seien. Fünf Prozent berichteten von Verwechslungen bei der Einnahme.

Besonders auffällig: 40 Prozent der Teilnehmer hatten Probleme mit Augentropfen. Knapp 20 Prozent scheiterten am Öffnen der Verpackungen. Die Forscher führen das auf altersbedingte Einschränkungen der Feinmotorik, Sehfähigkeit und Gedächtnisleistung zurück.

Anticholinergika: Demenzrisiko steigt um 54 Prozent

Ein kritischer Punkt der Polypharmazie sind kognitive Beeinträchtigungen. Bestimmte Wirkstoffgruppen wie Antipsychotika, Benzodiazepine oder Statine blockieren die Wirkung von Acetylcholin. Die dauerhafte Einnahme solcher Präparate erhöht das Demenzrisiko um bis zu 54 Prozent.

Die gute Nachricht: In vielen Fällen sind diese Effekte umkehrbar – wenn die Medikation frühzeitig angepasst wird.

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Kaffee stört die Eisenaufnahme massiv

Auch Ernährungsgewohnheiten spielen eine wesentliche Rolle. Aktuelle Untersuchungen belegen: Kaffee beeinträchtigt die Eisenaufnahme erheblich. Bei Mahlzeiten sinkt sie um 39 Prozent, bei Frauen mit Eisenmangel sogar um bis zu 66 Prozent.

Fachleute empfehlen daher einen zeitlichen Abstand von ein bis zwei Stunden zwischen Kaffeekonsum und Medikamenteneinnahme. Eine Langzeitstudie der Flinders University mit rund 10.000 Frauen über 65 Jahren zeigt zudem: Mehr als fünf Tassen Kaffee täglich sind mit einer niedrigeren Knochendichte assoziiert. Tee hingegen zeigte einen leicht positiven Effekt.

Impfung gegen Gürtelrose senkt Demenzrisiko

In der Gesundheitsvorsorge für Senioren gewinnen Impfungen an Bedeutung. Eine Untersuchung der Brown University an über 500.000 Pflegeheimbewohnern ergab: Die Impfung gegen Gürtelrose senkt das Demenzrisiko um 24 Prozent. Als möglicher Mechanismus wird die Reduktion von Entzündungsprozessen diskutiert.

Bei der Frakturprophylaxe zeigt eine kanadische Metaanalyse von 69 Studien: Die Kombination aus Calcium (800–1000 mg) und Vitamin D (600–800 IE) senkt das Risiko für Hüftfrakturen um 16 Prozent. Eine isolierte Gabe von Vitamin D ohne Calcium brachte hingegen keinen signifikanten Nutzen.

Cannabis als Alternative zu Opioiden

Im Bereich der Schmerztherapie und bei Schlafstörungen wird medizinisches Cannabis zunehmend als Alternative genutzt. Der Vorteil: ein geringeres Abhängigkeitspotenzial als bei Opioiden oder Benzodiazepinen. Der Altersdurchschnitt entsprechender Patienten liegt in Deutschland bei 57 Jahren.

Apothekenreform: Mehr Befugnisse für die wohnortnahe Versorgung

Um die Sicherheit im Umgang mit Medikamenten zu erhöhen, hat der Bundesrat 2026 eine Apothekenreform gebilligt. Künftig dürfen Apotheken sämtliche Totimpfstoffe verabreichen, Blutabnahmen durchführen und in Notfällen kleinste Packungsgrößen rezeptfreier Medikamente abgeben.

Sensoren auf Silberbasis: Präzise Messung der Medikamentenspiegel

Parallel treibt die Forschung technologische Lösungen voran. Forschende des Leibniz-IPHT Jena veröffentlichten Ergebnisse zu neuen Sensoroberflächen auf Silberbasis. Diese ermöglichen es, Medikamentenspiegel – etwa von Antibiotika oder Onkologika – präzise im Blutplasma zu messen. Durch spezielle chemische Zusätze sind die Sensoren über sieben Monate lagerfähig, was ihren Einsatz in der klinischen Routine erleichtern könnte.

de | wissenschaft | 69612641 |