Phytotherapie: Neuer CFF-Leitfaden erklärt Risiken und sichere Anwendung
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 02:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deLeitfaden für pharmazeutisches Fachpersonal
Der regionale Apothekerverband des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso, der Conselho Regional de Farmácia de Mato Grosso (CRF-MT), stellt einen praxisorientierten Leitfaden zur Phytotherapie für pharmazeutisches Fachpersonal bereit. Das Werk mit dem Titel „Guia Prático de Fitoterapia“ wurde vom Bundesrat für Pharmazie, dem Conselho Federal de Farmácia (CFF), erarbeitet.
Die Veröffentlichung erfolgt in einzelnen Faszikeln. Der erste Teil unter dem Titel „Introdução à Fitoterapia“ widmet sich Grundbegriffen, verschiedenen Zubereitungsformen, der botanischen Artenidentifikation sowie Methoden der Sammlung und Konservierung.
Zudem thematisiert der Band die Abgrenzung zwischen reinen Heilpflanzen und verarbeiteten Phytopharmaka sowie Verfahren der Teezubereitung wie Infusion, Dekokt und Mazeration. Der Leitfaden betont ausdrücklich, dass pflanzliche Naturprodukte keineswegs frei von Risiken sind: Eine unsachgemäße Anwendung könne Nebenwirkungen, Vergiftungserscheinungen und unerwünschte Wechselwirkungen hervorrufen.
Dra. Veridiana Galetti, Präsidentin des CRF-MT, hob in diesem Kontext hervor, dass fundiertes technisches Wissen und Verantwortungsbewusstsein die Grundlagen für einen sicheren Umgang mit pflanzlichen Präparaten bilden.
Risiken durch unkontrollierte Selbstmedikation
Die Notwendigkeit fachlicher Orientierung unterstreichen Daten aus dem internationalen Raum. Nach Angaben des mexikanischen Ministeriums für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (Secretaría de Agricultura y Desarrollo Rural) nutzten im Jahr 2022 rund 90 Prozent der Bevölkerung Heilpflanzen, obwohl lediglich fünf Prozent der Arten wissenschaftlich untersucht sind.
Julio César López Campos von der regionalen Gesundheitsbehörde Jurisdicción Sanitaria III im Bundesstaat Sinaloa warnte vor Gefahren der pflanzlichen Selbstmedikation ohne ärztliche Kontrolle.
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Zu den Risiken zählen toxische Schäden an Leber und Nieren, Blutgerinnungsstörungen sowie Wechselwirkungen mit Arzneimitteln gegen Diabetes und Bluthochdruck. Als akute Reaktionen können Erbrechen, Durchfall, Blutdruckveränderungen, Herzrhythmusstörungen, Krämpfe und Allergien auftreten. Besonders chronisch Kranke, Schwangere und Kinder gelten als gefährdet.
In Bezug auf komplementäre Methoden wies José Ignacio Gámez López von UNEME CISAME darauf hin, dass die Evidenz für Homöopathie begrenzt sei und diese keinesfalls eine konventionelle Therapie ersetzen dürfe, etwa bei Schizophrenie, von der laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit einer von 300 Menschen betroffen ist.
Gefahren entstehen zudem durch unbegründete Heilversprechen im Internet. Ein Faktencheck von Cek Fakta Harian Negeri gemeinsam mit MAFINDO stufte einen Beitrag vom 15. Oktober 2026 auf der Plattform Threads (Account 'bedul3rani') als fabrizierten Falschinhalt ein.
Darin war behauptet worden, der regelmäßige Konsum von Daun Kenikir (Cosmos caudatus) heile Krebs und mache operative Eingriffe überflüssig. Klinische Humanstudien zu einer kurativen Wirkung existieren nicht. Die indonesische Behörde BPOM RI stellte klar, dass pflanzliche Präparate lediglich als unterstützende Therapie zugelassen werden dürfen.
Fachärzte für Onkologie sowie das indonesische Gesundheitsministerium Kemenkes warnten eindringlich davor, Operationen aufzuschieben, da dies häufig zu einem Fortschreiten der Erkrankung in das Stadium IV führe.
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Auch das US-amerikanische National Cancer Institute (NCI) betont, dass es keine Belege dafür gibt, dass Nahrungsmittel, Kräuter oder Pflanzensupplemente Krebserkrankungen heilen, Metastasenbildung verhindern oder Standardtherapien ersetzen können.
Regulatorische Schritte und aktuelle Evidenzlage
Auch in Deutschland steht die arzneiliche Einstufung im behördlichen Fokus. Eine gemeinsame Expertenkommission des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) legte einen Entwurf zur Einstufung pflanzlicher Produkte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zur fachlichen Kommentierung vor.
Das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA), Fachgesellschaften mit Phytotherapieausbildung und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher TCM-Apotheken reichten hierzu eine fristgerechte Stellungnahme ein, die von Dr. Axel Wiebrecht ausgearbeitet wurde.
Die wissenschaftliche Datenlage zu populären Naturstoffen verdeutlicht, wie differenziert Nutzen und Risiken abzuwägen sind:
- Ashwagandha: Eine im August 2026 im Fachjournal Frontiers in Medicine veröffentlichte Studie unter Leitung von Dr. Arvind Chopra untersuchte 1.200 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren über 24 Wochen. Bei einer täglichen Gabe von 500 mg standardisiertem Wurzelextrakt (entsprechend etwa 4 g Wurzelpulver) zeigten sich bei den 1.032 Teilnehmenden, die die Untersuchung abschlossen, keine Hinweise auf behandlungsbedingte Leber- oder Nierenschäden; unerwünschte Ereignisse lagen bei 337 Fällen in der Verum- und 309 in der Placebogruppe. Die Studie wurde vom indischen Ayush-Ministerium unterstützt. Demgegenüber rät das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seit zwei Jahren wegen möglicher Effekte auf Hormonhaushalt und Blutzucker von der Einnahme ab. Eine Fallserie aus dem Jahr 2023 in Hepatology Communications beschrieb acht Patienten in Indien, von denen fünf eine chronische Lebererkrankung aufwiesen und drei nach akutem Leberversagen verstarben. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2022 mit 1.002 Probanden hatte zuvor eine Verringerung von Stress und Angst dokumentiert.
- Bienenharz und Erkältungsmittel: Bei Propolis (Kittharz der Bienen) ist eine immunstärkende oder vorbeugende Schutzwirkung gegen Erkältungen nicht hinreichend belegt. Von einer präventiven Einnahme wird abgeraten, da Propolis insbesondere bei Hautkontakt Kontaktekzeme, Juckreiz und Rötungen auslösen kann; in Deutschland gibt es keine zugelassenen Propolis-Arzneimittel. Bei Erkältungstees können Zubereitungen mit Kamille Schleimhäute beruhigen, während Thymian und Fenchel schleimlösend wirken; eine Verkürzung der Krankheitsdauer bewirken Tees jedoch nicht. Bei Husten ist Honig vor allem bei Kindern am besten belegt, darf jedoch bei Säuglingen unter einem Jahr nicht verabreicht werden. Bei Beschwerden über mehr als zehn Tage, Atemnot oder hohem Fieber ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.
- Echinacea: Hinsichtlich Atemwegsinfekten kam ein Cochrane-Review von Shah et al. aus dem Jahr 2014 anhand von 24 randomisierten Studien mit 4.631 Teilnehmern zu keinem eindeutigen Nachweis einer zuverlässigen Vorbeugung oder Verkürzung der Infektdauer. Neuere Analysen, darunter eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 sowie die Metaanalyse ERA-PRIMA von 2024 mit 5.652 Probanden, sahen hingegen Hinweise auf eine verringerung wiederkehrender Infektionen bei bestimmten standardisierten Präparaten, was sich jedoch nicht verallgemeinernd auf alle Produkte übertragen lässt.
