Pharma-Preisdruck, US-Vorgaben

Pharma-Preisdruck: US-Vorgaben treffen Schweizer Medikamente

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 11:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue US-Preisregeln setzen Roche, Novartis und den Schweizer Arzneimittelmarkt unter Druck und könnten Zulassungen sowie Versorgung bremsen.

US-Referenzpreise erhöhen Druck auf Schweizer Pharma und Versorgung
Leere Glasfläschchen in einem sterilen Laborumfeld bei natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Internationale handelspolitische Entwicklungen und neue Vorgaben aus den Vereinigten Staaten setzen die Preisgestaltung für pharmazeutische Innovationen unter Veränderungsdruck. Auch das Schweizer Gesundheitssystem steht vor der Aussicht steigender Kosten für neuartige Therapien.

Die Ursache liegt im veränderten Regulierungsrahmen auf dem US-Markt, der die Hälfte des weltweiten Gesamtvolumens ausmacht, während auf die Schweiz ein Anteil von 0,5 Prozent entfällt.

Die Koppelung an internationale Referenzpreise

Über zwei Dutzend Pharmaunternehmen, darunter die Schweizer Konzerne Roche und Novartis, haben Vereinbarungen mit der US-Regierung unterzeichnet. Diese Verträge besitzen eine Laufzeit von drei Jahren und sind an eine Befreiung von Zöllen gekoppelt. Sie sehen vor, dass neue innovative Arzneimittel in den USA nur noch zu Preisen eingeführt werden dürfen, die das Niveau aus einem Korb von acht Referenzländern nicht überschreiten. Neben der Schweiz gehören Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Kanada, Japan und Dänemark zu dieser Vergleichsgruppe.

Donald Trump forderte von den globalen Herstellern bindende Zusagen zur Reduktion des US-Preisniveaus und betonte, das Ausland werde künftig mehr zahlen müssen, während die Kosten in den USA sänken.

Am 18. September 2026 kündigte er an, dass auch die Medicaid-Programme aller 50 US-Bundesstaaten von einem solchen Modell profitieren sollen; der Wirtschaftsberaterstab veranschlagt dadurch Einsparungen von 64,3 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Gesetzliche Grundlage bildet unter anderem der Inflation Reduction Act, der dem Programm Medicare direkte Preisverhandlungen bei besonders kostspieligen Präparaten erlaubt. Berichten zufolge werden Senkungen zwischen 30 und 80 Prozent angestrebt.

Der Ökonom Ernesto Campos von der VIU wies darauf hin, dass die USA für Medikamente bisher mehr als das Doppelte im Vergleich zu europäischen Staaten zahlen, was sich etwa beim Asthmamittel Ventolín zeigt, das in Spanien rund 3,75 Euro kostet, in den USA hingegen bis zu 87 US-Dollar.

Marktreaktionen und Versorgungsrisiken

Die veränderten Rahmenbedingungen erhöhen den Druck auf Hersteller, Preise in bisher günstigeren Absatzmärkten anzuheben. Eine in der Fachzeitschrift The Lancet publizierte Analyse von 195 patentgeschützten innovativen Medikamenten ergab, dass bei drei von vier Präparaten die Beibehaltung des bisherigen europäischen Preisniveaus zu Umsatzeinbussen führen könnte, die über den eigentlichen Erlösen in diesen Ländern liegen. Nach dieser Berechnung droht Firmen im Extremfall die Pflicht, bis zum 3,8-fachen ihrer internationalen Einnahmen an Medicare abzuführen.

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Über zwei Dutzend Hersteller, darunter die Schweizer Konzerne Roche und Novartis, haben Verträge mit der US-Regierung unterzeichnet: Neue innovative Arzneimittel dürfen in den USA nur noch zu Preisen eingeführt werden, die das Niveau eines Korbs aus acht Referenzländern nicht überschreiten — die Schweiz ist Teil dieser Vergleichsgruppe. Für Anleger stellt sich die Frage, wie sich das auf Umsatz, Markteinführungen und die Versorgung im Schweizer Markt auswirkt. Kostenlose Analyse der Referenzpreis-Mechanik anfordern

Die Expertin Kerstin Noelle Vokinger von der Universität Zürich warnte vor diesem Hintergrund, dass Verzögerungen bei wichtigen Medikamenten Millionen Patienten treffen könnten. Auch der Ökonom Jaume Puig Junoy erklärte, Pharmaunternehmen könnten Markteinführungen verschieben oder Preise erhöhen, wenn die Kosten auf internationalen Märkten nicht mehr gedeckt werden.

Nach Angaben des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller zeichnen sich bei sinkenden US-Erlösen negative Auswirkungen auf Forschung und Produkteinführungen in Europa ab. Laut der Bank ING sanken die EU-Zulassungsgesuche in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 gegenüber der Vorjahresperiode bereits um 25 Prozent.

Unterlagen, die die Organisation Public Citizen nach Klagen erwirkte, zeigen zudem, dass etwa Pfizer einen Teil der zusätzlichen Nettoerlöse aus höheren Auslandspreisen zwischen dem 1. Januar 2026 und dem 20. Januar 2029 an das US-Gesundheitsministerium abführen soll. Eine parallele Vereinbarung existiert mit Eli Lilly, während weitere Verträge geschwärzt blieben.

Situation im Schweizer Markt

In der Schweiz machen sich Zurückhaltungen bereits bemerkbar. Eine Umfrage des Verbands Interpharma ergab, dass Mitgliedsunternehmen von Anfang 2025 bis Mitte 2026 in drei Fällen auf ein Zulassungsgesuch bei Swissmedic verzichteten. Zudem war bis Mitte August bei 7 von 22 neuen innovativen Medikamenten kein Antrag auf Aufnahme in die Spezialitätenliste gestellt worden.

Eine Interpharma-Auswertung bei zwölf Medikamenten verdeutlichte das Preisgefüge: Vier Präparate waren im Vergleich mit den US-Referenzländern am zweitwenigsten teuer, keines am günstigsten. Zog man einen BIP-Korrekturfaktor heran, galten fünf als am zweitgünstigsten und sechs als am billigsten.

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In der Schweiz verzichteten Mitgliedsunternehmen des Verbands Interpharma zwischen Anfang 2025 und Mitte 2026 in drei Fällen auf ein Zulassungsgesuch bei Swissmedic; bei 7 von 22 neuen innovativen Medikamenten war bis Mitte August kein Antrag auf Aufnahme in die Spezialitätenliste gestellt. Wer die Versorgungslage im Schweizer Markt einschätzen will, braucht eine belastbare Checkliste zu den konkreten Risikofeldern. Checkliste zu Versorgungsrisiken jetzt sichern

Parallel wird über Einsparpotenziale im Binnenmarkt debattiert. Urs Kientsch von GSK hielt fest, dass Generika in der Schweiz im Schnitt 40 Prozent teurer als im Ausland seien. Von Gesamtausgaben in Höhe von 2 Milliarden Franken liessen sich 800 Millionen Franken zugunsten von Innovationen freisetzen.

Sandoz-Chef Saynor bezifferte die Marktpenetration von Biosimilars in der Schweiz auf lediglich etwa 40 Prozent, während der EU-Durchschnitt bei 70 bis 80 Prozent liege. Der emeritierte Finanzprofessor Martin Janssen von der Universität Zürich forderte angesichts der wirtschaftlichen Verunsicherung unter anderem ein Ende des Importschutzes für die Pharmabranche und einen Abbau von Regulierungen.

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