Phagentherapie: 77% Erfolgsquote gegen multiresistente Keime
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 06:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bakteriophagen, also Viren, die gezielt Bakterien befallen und zerstören, gelten seit Jahren als Hoffnungsträger im Kampf gegen multiresistente Keime. Eine von der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) geführte internationale Arbeitsgruppe hat nun erstmals einen strukturierten Rahmen für den klinischen Einsatz personalisierter Phagentherapien vorgelegt.
Die Leitlinie wurde in Nature Medicine veröffentlicht und ist nach Angaben der beteiligten Institutionen vom 5. Januar 2026 bis zum 29. Juni 2030 gültig, mit jährlicher Prüfung durch ein zuständiges Komitee.
Breite Beteiligung und mehr als 60 Empfehlungen
An der Erarbeitung waren 20 Fachgesellschaften sowie 18 internationale Expertinnen und Experten beteiligt, darunter Vertretungen von Behörden und zwei Patientenvertretungsorganisationen.
Das Ergebnis sind mehr als 60 praxisorientierte Empfehlungen, die Kernprinzipien, Infrastruktur, Herstellung und Qualitätskontrolle, klinische Anwendung sowie Forschung abdecken. Vorgesehen ist unter anderem ein Phagen-Bakterien-Matching vor Therapiebeginn, eine interdisziplinäre Bewertung jedes Falls sowie eine systematische Registerdokumentation.
Die Magistralherstellung von Phagenpräparaten kann laut der Leitlinie nach der EU-Direktive 2001/83/EC Art. 3(1) von der regulären GMP-Zertifizierung befreit erfolgen, was individuelle Anfertigungen in Apotheken erleichtern soll.
Die Leitlinie richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, die erwachsene oder pädiatrische Patienten mit bakteriellen Infektionen behandeln, bei denen evidenzbasierte Standardtherapien versagt haben, nicht verfügbar oder nicht anwendbar sind. Sie enthält konkrete Vorgaben zu Indikationsstellung, mikrobiologischer Diagnostik und Qualitätsstandards für Herstellung, Prüfung und Anwendung. Therapieentscheidungen sollen interdisziplinär getroffen und lückenlos dokumentiert werden.
Belgische Fallserie liefert Wirksamkeitsdaten
Konkrete Anhaltspunkte für den klinischen Nutzen liefert eine belgische Fallserie mit 100 behandelten Patientinnen und Patienten: Bei 77 Prozent zeigte sich eine klinische Verbesserung, bei 61 Prozent waren die auslösenden Bakterien im Anschluss nicht mehr nachweisbar.
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Schwere phagenbedingte Nebenwirkungen traten in dieser Serie nicht auf. Als Risiken nennt die Leitlinie unter anderem Fieber und Entzündungsreaktionen infolge eines schnellen Bakterienzerfalls sowie die Möglichkeit, dass Bakterien Resistenzen gegen die eingesetzten Phagen entwickeln.
Warnung vor Selbstmedikation und Medizintourismus
Silvia Würstle vom Uniklinikum Frankfurt, Hauptautorin der Leitlinie, betonte, Phagen seien keine Wunderwaffen. Sie warnte ausdrücklich vor gefährlichen Phagenprodukten aus dem Internet und vor kostspieligem Medizintourismus.
Die Therapie müsse individuell auf Patient und Erreger abgestimmt werden, die Entscheidung liege bei interdisziplinären Teams aus Ärzten, Mikrobiologen und Pharmazeuten. Statt eines industriellen Arzneimittelstandards sieht die Leitlinie eine individuelle Herstellung in der Apotheke vor.
Annika Yanina Claßen von der Uniklinik Köln wies darauf hin, dass Bakterien regelmäßig Resistenzen gegen Phagen ausbilden können. Sie verwies zugleich darauf, dass die Therapie in Belgien und den USA bereits sicher und legal angewendet werde.
Zielgruppe: Patienten mit multiresistenten Erregern
Der Infektiologe Jan Rupp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sieht das Haupteinsatzgebiet der Phagentherapie bei Patientinnen und Patienten mit multiresistenten Erregern. Nach seiner Einschätzung kämen in Deutschland rund 10.000 Patienten für eine solche Behandlung infrage.
Bei Patienten, bei denen Standardtherapien versagt haben, entscheidet die Vorarbeit: Ohne sauberes Phagen-Bakterien-Matching und lückenlose Dokumentation bleibt der Heilversuch ein Einzelfall. Unser kostenloser Leitfaden liefert das Matching-Protokoll und die Registervorlage für den strukturierten Therapiepfad. Matching-Protokoll jetzt herunterladen
Als Plattform für die klinische Umsetzung wird PhageNET des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) genannt, das nach eigenen Angaben mehr als 700 Forschende aus 35 Institutionen vereint.
Mit der neuen S2k-Leitlinie liegt erstmals ein international abgestimmter Rahmen vor, der Ethik, Regulierungskonformität, multidisziplinäre Zusammenarbeit und Patientenzentrierung miteinander verbindet – ein Schritt, der die Phagentherapie von individuellen Heilversuchen hin zu einem standardisierten, kontrollierten Behandlungsansatz führen soll.
