PFOS schwächt Immunabwehr: Wie Chemikalien Interferon blockieren
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 11:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, gelten seit Jahren als problematische Umweltchemikalien. Eine Studie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PNAS, liefert nun einen molekularen Erklärungsansatz dafür, warum die häufig untersuchte Substanz PFOS die Abwehr gegen Viren schwächen könnte.
Laut einem Bericht von wissenschaft.de vom 23. September 2026 verändert PFOS bei Mäusen die Menge von fast 600 Proteinen, darunter zahlreiche, die für die antivirale Wirkung des Immunsystems wichtig sind.
Der molekulare Mechanismus
Im Zentrum der Untersuchung steht laut der Forschungsgruppe um Qiuju Liang ein Protein namens Interferon-Regulationsfaktor-3. Dieser Faktor ist normalerweise dafür zuständig, in den Zellkern zu gelangen und dort die Produktion von Interferon-alpha und Interferon-beta anzustoßen – zwei Botenstoffe, die eine zentrale Rolle in der ersten Abwehrreaktion gegen Viren spielen.
Nach den Erkenntnissen der Pekinger Forscher bindet PFOS direkt an diesen Regulationsfaktor und verhindert dadurch, dass er in den Zellkern gelangt. Die Folge: Die Interferon-Produktion bleibt aus, wie wissenschaft.de berichtet.
Auch ein Team der Universität der Chinesischen Akademie der Wissenschaften kam laut einem Bericht von teleambiente.tv vom 22. September 2026 zu einem vergleichbaren Ergebnis.
Demnach unterdrücken bereits subtoxische PFOS-Dosen die angeborene antivirale Immunantwort, indem die Substanz an den Interferon-Regulationsfaktor 3 (IRF3) bindet, die Typ-I-Interferon-Produktion hemmt und dadurch die Vermehrung sowohl von DNA- als auch von RNA-Viren erleichtert.
Diese Untersuchung stützte sich auf Genom- und Molekularanalysen, In-vitro- sowie Tierstudien sowie auf Daten von 1.179 Teilnehmern und klinischen Angaben von 111 Personen mit Virusinfektionen.
Belege beim Menschen
Die Pekinger Forschungsgruppe fand den beschriebenen Zusammenhang nicht nur im Tiermodell, sondern auch bei menschlichen Patienten mit Virusinfektionen: Bei Personen mit hohem PFOS-Spiegel im Blutserum zeigte sich laut wissenschaft.de ein verringerter Interferon-beta-Spiegel bei gleichzeitig höherer Viruslast.
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Ergänzend verweisen bevölkerungsweite Assoziationsstudien der Forschungsgruppe darauf, dass eine erhöhte PFOS-Belastung mit einer verringerten Antikörperantwort auf Impfungen einhergeht.
Einordnung in den breiteren Forschungsstand
Die Erkenntnisse fügen sich in ein größeres Bild ein. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat die verwandte Substanz PFOA bereits als krebserregend für den Menschen eingestuft, wie teleambiente.tv berichtet. Eine frühere, 2025 veröffentlichte Studie hatte zudem gezeigt, dass PFAS-Exposition bereits ab der Schwangerschaft die Entwicklung des kindlichen Immunsystems beeinträchtigen kann.
Auch andere gesundheitliche Auswirkungen von PFOS werden derzeit untersucht: Eine Studie der Southeast University Nanjing, veröffentlicht in Molecular Diversity, verband PFOS mit der nichtalkoholischen Fettlebererkrankung (MASLD), die weltweit rund ein Drittel der Erwachsenen betrifft.
Auf Basis von NHANES-Daten mit 1.834 Teilnehmern zeigte sich ein signifikanter, nichtlinearer Zusammenhang zwischen Serum-PFOS-Werten und MASLD, wobei bereits eine Hintergrundbelastung von rund 7,76 Nanogramm pro Milliliter ein Signal auslöste.
Mithilfe von 874 überlappenden Genen und statistischen Auswahlverfahren identifizierten die Forscher fünf Gene, die mit der Erkrankung in Verbindung stehen, und entwickelten ein Klassifikationsmodell mit hoher Trennschärfe, das die Forscher selbst als noch nicht klinisch validiert bezeichnen.
Dass PFAS in der Umwelt weit verbreitet sind, hatte bereits 2022 eine Untersuchung des Helmholtz-Zentrums Hereon mit einem internationalen Team gezeigt: In Wasserproben deutscher und chinesischer Flüsse wiesen die Forscher 86 verschiedene PFAS nach, von denen jedoch nur etwa 30 routinemäßig analysiert werden.
Im chinesischen Fluss Xiaoqing dominierten demnach das mittlerweile verbotene PFOA sowie chloriertes PFOA, während in der bayerischen Alz vor allem Ersatzstoffe wie HFPO-DA, ADONA und PFMOPrA gefunden wurden.
Bei Menschen mit hohem PFOS-Spiegel im Blutserum zeigte sich ein verringerter Interferon-beta-Spiegel bei gleichzeitig höherer Viruslast — und eine verringerte Antikörperantwort auf Impfungen. Dieser Leitfaden erklärt verständlich, was das für Ihren Alltag bedeutet und welche 5 Schritte Ihre Immunabwehr jetzt unterstützen. 5 Schritte für stärkere Immunabwehr entdecken
Bereits 2020 hatte das Umweltbundesamt festgestellt, dass die PFOA-Konzentration in jeder fünften Blutprobe deutscher Kinder und Jugendlicher über dem sogenannten HBM-I-Wert lag, und darauf hingewiesen, dass PFOS und PFOA die Wirkung von Impfungen vermindern, die Infektneigung erhöhen und den Cholesterinwert steigern können.
Die neuen molekularen Befunde aus Peking liefern nun eine mögliche Erklärung dafür, wie dieser Zusammenhang auf zellulärer Ebene zustande kommen könnte.
