Pflegeversicherung, Finanzkrise

Pflegeversicherung vor Finanzkrise: Milliardenloch und höhere Zuzahlungen

25.05.2026 - 14:30:17 | boerse-global.de

Bundestag beschließt höhere Apothekenhonorare, während die Pflegekasse ein Milliardenloch meldet. Auch Medikamenten-Zuzahlungen steigen.

Pflegeversicherung vor Finanzkrise: Milliardenloch und höhere Zuzahlungen - Foto: über boerse-global.de
Pflegeversicherung vor Finanzkrise: Milliardenloch und höhere Zuzahlungen - Foto: über boerse-global.de

Mai das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) verabschiedet – ein Gesetz, das die Apotheken stabilisieren soll, während die Pflegeversicherung in Schieflage gerät. Der GKV-Spitzenverband meldet für das erste Quartal 2026 ein Defizit von 667 Millionen Euro. Bis Jahresende droht ein Loch von einer Milliarde Euro, bis 2027 sogar ein zusätzlicher Finanzbedarf von zehn Milliarden Euro.

Die gesetzlichen Änderungen sehen vor, dass Apotheken künftig höhere Fixbeträge erhalten: Ab 1. Juli steigt die Gebühr auf neun Euro, zu Jahresbeginn 2027 dann auf 9,50 Euro. Das soll die flächendeckende Versorgung sichern. Doch die Kosten dafür tragen die Versicherten.

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Höhere Zuzahlungen ab 2027

Ab 2027 müssen Rentner tiefer in die Tasche greifen. Die Zuzahlungen für Medikamente steigen von bisher 5 bis 10 Euro auf 7,50 bis 15 Euro – ein Anstieg um 50 Prozent. Auch der Zuschuss für Zahnersatz wird gekürzt: Ohne Bonusheft sinkt der Satz von 60 auf 50 Prozent. Geschützt werden chronisch Kranke und Geringverdiener: Die Belastungsgrenze bleibt bei zwei Prozent des Bruttoeinkommens, für chronisch Kranke bei einem Prozent.

GLP-1-Präparate: Gewichtsverlust um den Preis von Muskelabbau

Während die Nachfrage nach Abnehmspritzen wie Semaglutid und Tirzepatid steigt, liefert eine aktuelle Studie alarmierende Daten. Eine systematische Übersichtsarbeit im Annals of Internal Medicine vom 24. Mai wertete 36 Studien aus. Ergebnis: Im Durchschnitt bestand 34,9 Prozent des Gewichtsverlusts aus Muskelmasse. Bei 68 Prozent der Teilnehmer lag der Muskelanteil über dem kritischen Grenzwert von 25 Prozent.

Das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen hatte bereits am 28. April klargestellt: Die gesetzliche Krankenversicherung muss Tirzepatid nicht zahlen, wenn es als „Lifestyle"-Präparat zur Gewichtsreduktion eingesetzt wird. Off-Label-Use ist nur bei schweren Erkrankungen zulässig, wenn keine Standardtherapie existiert.

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Kultur statt Chemie: Wie Senioren biologisch jung bleiben

Eine Studie des University College London mit über 3.500 Erwachsenen zeigt: Wer mindestens einmal monatlich kulturelle Aktivitäten wie Museumsbesuche oder Singen nachgeht, verlangsamt nachweislich die biologische Alterung. Bei wöchentlicher Praxis sinkt die Alterungsrate um vier Prozent – ein Effekt, der mit regelmäßigem Sport vergleichbar ist.

Forscher der Yale-Universität fanden zudem heraus: Eine positive Einstellung zum Alter korreliert mit besserer kognitiver Leistung und höherer Gehgeschwindigkeit. Die Langzeitstudie mit Senioren (Durchschnittsalter 68 Jahre) unterstreicht die Bedeutung psychologischer Faktoren für die Gesundheit im Alter.

Lieferketten unter Druck: Europa kämpft um Arzneimittel-Souveränität

Der Pharmakonzern Sandoz forderte am 23. Mai die EU-Kommission auf, ein Anti-Dumping-Verfahren gegen chinesische Amoxicillin-Hersteller einzuleiten. Der Vorwurf: Massive Subventionen ermöglichen Importe zu Preisen, die 47 Prozent unter den EU-Produktionskosten liegen. Angesichts der Tatsache, dass 80 bis 90 Prozent aller Medikamente in Europa aus Asien stammen, wächst der Druck.

Mitte Mai einigte sich die EU politisch auf den Critical Medicines Act (CMA). Das Gesetz soll EU-Hersteller bei öffentlichen Ausschreibungen für Antibiotika, Herz-Kreislauf-Medikamente und Krebstherapien bevorzugen. Die Finanzierung der nötigen Subventionen ist jedoch noch offen.

Auch die Schweiz spürt den globalen Preisdruck. Der Bundesrat warnt: Können Pharmafirmen ihre Forschung nicht mehr durch hohe US-Preise quersubventionieren, drohen den Schweizer Krankenkassen Mehrkosten von bis zu 530 Franken pro Person und Jahr. Bis 2034 könnten die jährlichen Zusatzkosten auf 7,6 Milliarden Franken steigen.

Betrug und Deepfakes: Neue Risiken im Gesundheitswesen

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) meldet einen deutlichen Anstieg von Rezeptbetrug – besonders bei Schmerzmitteln wie Tilidin/Naloxon und oralen Krebsmedikamenten. Die Kassen fordern ein „Doppel-Check"-System: Apotheker sollen bei Papierrezepten die Versichertenkarte prüfen und den verschreibenden Arzt kontaktieren. E-Rezepte gelten als sicherere Alternative, für Betäubungsmittel bleibt die Ausnahme bis 2028 bestehen.

Parallel warnen Verbraucherschützer vor KI-generierten Werbeanzeigen für Nahrungsergänzungsmittel. Sogenannte Deepfake-Kampagnen nutzen künstlich erzeugte Stimmen und Bilder prominenter Mediziner, um unbelegte Behandlungen für Diabetes, Arthritis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bewerben. Die Produkte seien nicht nur wirkungslos, sondern könnten auch gesundheitsschädlich sein.

Ausblick: Sparen, Reformieren, Forschen

Die Kombination aus Pflegedefiziten, Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten und neuen Erkenntnissen über Abnehmpräparate zeichnet ein Bild vorsichtiger Kurskorrekturen. Während die Forschung an biologischen Altersuhren wie der „Horvath-Uhr" und Substanzen wie Metformin und Rapamycin langfristige Perspektiven bietet, steht 2026 im Zeichen der Bestandssicherung.

Der erwartete Bericht der Rentenkommission am 29. Juni dürfte weitere Klarheit darüber bringen, wie der Staat die langfristigen finanziellen Verpflichtungen einer alternden Gesellschaft stemmen will. Klar ist: Ohne grundlegende Reformen wird die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben weiter auseinanderklaffen.

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